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News: Später Frühling

Die globale Erwärmung hat den natürlichen Wecker verstellt und lässt den Frühling immer zeitiger ins Land ziehen. Doch vielleicht sind die Schätzungen des veränderten Terminplans überzogen, da viele Wissenschaftler in einem kleinen Punkt offenbar nicht richtig geschaltet haben - sie haben die kleine aber feine Differenz von Kalenderjahren und Sonnenjahren nicht berücksichtigt.
Die ersten Schneeglöckchen läuten ihn ein: den Frühling. Nach der Atempause im Winter erwacht die Natur zu neuem Leben, und ist die Frühjahrsmüdigkeit erst einmal überwunden, lassen Frühlingsgefühle so manchen Schmetterling nicht nur über die Wiesen schaukeln.

Klimaforscher und Ökologen allerdings betrachten den Beginn der blühenden Jahreszeit mit Sorge, hält sich doch die Natur nicht mehr an den Kalender. Immer früher – inzwischen mehrere Tage – bricht die hektische Betriebsamkeit in Fauna und Flora aus und bringt die fein abgestimmte Ordnung im System durcheinander. Zugvögel erscheinen zu früh oder brüten zu spät, Raupen verhungern und Jungtriebe erfrieren. Und Klimamodelle lassen keinen Zweifel: Das wird noch schlimmer.

Aber um wieviel? Raphael Sagarin von der Stanford University ermahnt seine Kollegen, einmal einen etwas genaueren Blick auf ihre Daten – und den Kalender – zu werfen. Denn die meisten Aufzeichnungen der phänologischen Frühlingsboten beziehen sich auf das Kalenderdatum. Will man allerdings die genaue Verschiebung bezüglich der tatsächlichen Jahreszeiten, bestimmt durch die Tageslänge, ermitteln, ist die Tagundnachtgleiche, das Äquinoktium, entscheidend. Und da gibt es eine klitzekleine Differenz: Ein normales Kalenderjahr dauert 365,25 Tage, wenn man die Schaltjahre mit berücksichtigt. Ein Sonnenjahr zwischen zwei Frühjahrsäquinoktien ist aber nur 365,2422 Tage lang.

Dieses winzige bisschen mehr im Kalenderjahr sorgt dafür, dass bis zum Ende eines Jahrhunderts die Tagundnachtgleiche im Kalender um etwa einen dreiviertel Tag nach vorne rutscht. Der Jahrhundertwechsel gleicht das wieder aus, schließlich ist er kein Schaltjahr – es sei denn, das Jahr ist durch 400 teilbar. Würden sich also die Schneeglöckchen allein an die Tageslänge halten, müssten sie in den 90er Jahren einen ganzen Tag früher aufblühen, ohne dass die globale Erwärmung daran irgendwie geschoben hätte.

Sagarin warnt daher, dass die meisten der Klimavorhersagen zum Thema Frühlingsanfang die Terminverschiebung überschätzen. Zwar betragen die Fehler bisher maximal zehn Prozent, doch dieser Anteil wird sich erhöhen. Denn das Jahr 2000 war nun mal ein Schaltjahr, und somit liegt das Frühlingsäquinoktium noch bis zum Jahre 2100 früher im Kalender.

Damit müssen die Daten nun nicht gleich in den Papierkorb wandern, nur ein bisschen umbauen ist angesagt. Wenn sie auf die Tagundnachtgleiche "geeicht" werden, sollten sie alle zusammen ein umfassendes Bild der tatsächlichen globalen Veränderungen bieten. Und dann wird sich zeigen, um welche Zeitspanne die Schneeglöckchen ihren Sonnenwecker nun wirklich nach vorne verstellt haben.

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