Casas del Turuñuelo: Einzigartiger Kultwagen aus antikem Machtzentrum geborgen

Ganz am Ende verschwand der monumentale Bau unter einem riesigen Erdhügel. Dutzende Meter weit reichte die Aufschüttung, mehrere Meter hoch ragte sie auf. Bevor das Lehmgebäude, das sich im Tal des Guadiana in der heutigen Provinz Badajoz der Extremadura befindet, gleichsam bestattet wurde, verabschiedeten sich die Menschen im ganz großen Stil: Schon über einige Jahre hinweg hatten sie Pferde, Rinder und Schweine geschlachtet, dann veranstalteten sie ein opulentes Fest, zerstörten das Inventar – und setzten den Bau in Brand. All das geschah vor etwas mehr als 2400 Jahren zur Zeit der Tartessos-Kultur im Südwesten des heutigen Spaniens.
Das vergrabene Gebäude, das heute als Casas del Turuñuelo bekannt ist, hält die Archäologen seit 2015 in seinem Bann. Seither verkündeten sie fast im Jahrestakt außergewöhnliche Neufunde, darunter das Massentieropfer, eine Schieferplatte mit einem eingeritzten Alphabet in paläohispanischer Schrift, eine monumentale Treppe, Fragmente einer griechischen Marmorskulptur und Glasgefäße aus dem Osten, also vom anderen Ende des Mittelmeerraums. Und jetzt, in der Frühlingskampagne 2026, hievten die Archäologen die Überreste eines bronzenen Gefährts aus Casas del Turuñuelo, das in dieser Form bislang kein zweites Mal auf der Iberischen Halbinsel existierte.
»Es handelt sich um eine der wichtigsten Entdeckungen, die bisher an dieser tartessischen Stätte aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. gemacht wurden«, sagt Co-Grabungsleiterin Esther Rodríguez González vom Archäologischen Institut in Mérida laut einer Pressemitteilung. In einem Gang des Gebäudes fanden die Fachleute einen bronzenen Kasten, etwa 62 Zentimeter lang, der auf den Schultern zweier menschlicher Figuren aufliegt. An den Füßen der Stützskulpturen war jeweils ein Rad befestigt – auf irgendeine Weise ließ sich der Kasten also fortbewegen. Allerdings nicht in seinem jetzigen Zustand: Die Forscher haben sehr wahrscheinlich nur eine Hälfte des Gefährts bergen können. Es sei aber gut möglich, dass bei künftigen Grabungen die andere Hälfte noch ans Tageslicht kommt.
Ein Flussgott und Mischwesen
Auf dem Wagenkasten sind zwei Greifen – Mischwesen mit Löwenkörper und Vogelkopf – und das gehörnte Haupt eines Flussgottes, des Acheloos, abgebildet. Unklar ist, was diese Bilder zu bedeuten haben und wozu der Wagen einst diente. Identische Stücke sind nicht bekannt, aber die etruskische Kultur, die vom 8. bis 5. Jahrhundert v. Chr. in Mittelitalien herrschte, habe Vergleichbares hervorgebracht.
Offenbar haben die Fachleute nur eine Hälfte des Bronzewagens gefunden, der ursprünglich wohl nicht nur auf zwei Rädern ruhte.
Sebastián Celestino Pérez, ebenfalls Leiter der Ausgrabungen, vermutet, der Wagen »könnte mit rituellen Handlungen, insbesondere mit Banketten, in Verbindung stehen«. Das ergebe sich aus den örtlichen Gegebenheiten: Der Fund »wurde neben dem sogenannten Bankettsaal gemacht, dem Nachweis für das letzte Festmahl, das die Gemeinschaft von Turuñuelo vor dem Zuschütten des Gebäudes gefeiert hatte«.
Dass es Verbindungen zu anderen Orten im Mittelmeerraum gab, legten bereits frühere Funde nahe. Und auch jetzt fanden sich neben dem halben Ritualwagen, der nach Etrurien verweist, Fragmente attischer Keramik aus Griechenland, das Bruchstück eines ägyptischen Alabastergefäßes und orientalische Elfenbeinschnitzereien. Die Tartessos-Kultur war offenbar gut vernetzt und versorgte sich mit allerlei Luxusgütern der Alten Welt.
War die Gegend unbewohnbar geworden?
Doch was genau war am Ende des 5. Jahrhunderts geschehen, dass die Menschen von Casas del Turuñuelo einen großen, herrschaftlichen Bau aufgaben, zerstörten und vergruben? Bislang können die Archäologen nur spekulieren. Womöglich wurde die Gegend unbewohnbar. Es könnte zu ungünstigen Klimaveränderungen gekommen sein, die zu Überschwemmungen führten, so vermuten die Fachleute. Der Fundplatz ist aber nicht der einzige seiner Art: In der Region gibt es weitere unter Hügeln verborgene Großbauten der Tartessos-Kultur. Offenbar gab eine ganze Zivilisation das mittlere Tal des Guadiana auf.
Das Gesicht in der Mitte des Wagenkastens deuten die Fachleute als Bild des Acheloos. Der griechische Flussgott hat Rinderohren und trägt typischerweise zwei Hörner auf dem menschlichen Haupt.
Zukünftige Grabungen könnten neue Erkenntnisse liefern – auch zur Funktion des Baus. Sicher ist: Das Gebäude erstreckte sich über mindestens zwei Stockwerke und mehrere Räume. In einem Hof, der über die Freitreppe betreten wurde, waren die vielen Tieropfer deponiert. Celestino, Rodríguez und ihr Team gehen davon aus, dass es ein Machtzentrum innerhalb der Region war. Der Fund großer Lagergefäße für Gerste und Gerätschaften für den Feldbau legt nahe, dass die Herren von Casas del Turuñuelo die umliegende Landschaft wirtschaftlich kontrollierten. Auch scheint der Hof als repräsentativer Bereich gedient zu haben, das obere Stockwerk hingegen nicht für alle Besucher zugänglich gewesen zu sein. Ob es tatsächlich so war, werden womöglich weitere Ausgrabungen zeigen.
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