Spanien: Römische Kulthöhle war kultiger als gedacht

Schon seit Langem kommen Menschen in die Cova Dones, die »Frauenhöhle« bei Valencia. Zu den frühesten bekannten Besuchern zählten Jäger und Sammler vor mehr als 24 000 Jahren. Erst 2021 haben Forschende gut 100 ihrer Malereien an den Höhlenwänden entdeckt. Und nun ergaben die jüngsten Forschungsarbeiten im Mai und Juni 2026, dass die Höhle viele Jahrtausende später auch der Ort eines römischen Kults war – offenbar speziell für Frauen. Fachleute um Virginia Barciela von der Universität in Alicante und Aitor Ruiz-Redondo von der Universität in Saragossa berichten von mindestens 120 lateinischen Inschriften, die im 1. und 2. Jahrhundert in die Höhlenwände geritzt wurden. Bisher hatten sie lediglich etwa 15 solcher Weihnotizen dokumentiert.
Die Höhle befindet sich in einem Steilabhang auf dem Gebiet der Gemeinde Millares und führt rund 500 Meter tief in den Fels. An einer Stelle, ungefähr 200 Meter vom Eingang entfernt, entdeckten die Archäologen die zahlreichen Inschriften. In fünf Fällen wird eine Gottheit angerufen namens »Domina«, Herrin. Und einige Male ist auch ein Beiname ergänzt, »malaci«. Dessen genaue Bedeutung ist noch unklar, aber die Epigrafikerin im Forschungsteam, Silvia Alfayé von der Universität Saragossa, vermutet, »er könnte mit Wasser in Verbindung stehen, aber an einer genauen Deutung arbeiten wir gerade«.
Häufig sind an die Wände Namen gekritzelt. Mehrere der bislang identifizierten Namen gehörten weiblichen Personen. Daraus schließen die Fachleute, dass Frauen den Kultort aufgesucht haben. Diese Deutung können die Forscher durch weitere Funde stützen. »Wir haben in dem Heiligtum auch zahlreiche Spinnwirteln entdeckt«, erklärt die Archäologin Virginia Barciela in einer Pressemitteilung. Dabei handelt es sich um durchlochte konische Objekte, in denen einst ein Holzstab steckte. Die Wirtel dienten dazu, die Drehbewegung beim Spinnen zu stabilisieren. Wie Barciela vermutet, hatten die Besucherinnen der Kulthöhle der Göttin Spindeln dargebracht – »ein Werkzeug zur Textilherstellung, das in der Antike mit der weiblichen Sphäre in Verbindung gebracht wurde«, so Barciela.
Außerdem fanden die Fachleute zwei Bronzeringe, einen Armreif, kelchförmige Tongefäße und Keramikscherben. Die ersten Inschriften hatten die Forschenden bereits 2024 entdeckt und dabei auch eine römische Münze – womöglich eine Opfergabe – aus der Zeit des Claudius aufgelesen. Der Kaiser regierte von 41 bis 54 n. Chr. Während dieser Phase oder danach muss die Münze in die Höhle gelangt sein.
Die Fachleute dokumentierten Dutzende lateinische Inschriften an den Wänden der Höhle.
Höhlenbesucher der Eiszeit
Zu Beginn ihrer Forschungen in der Cova Dones stießen die Archäologen um Barciela und Ruiz-Redondo zunächst nicht auf römische Funde, sondern im Jahr 2021 überraschend auf steinzeitliche Kunst. Etwa 400 Meter tief im Inneren der Höhle bemerkten sie Tierbilder von Pferden, Auerochsen und Rotwild. Außerdem zahlreiche einfache geometrische Formen wie Rechtecke und Rillen. Anders als bei den weltberühmten Höhlenbildern in Lascaux, Chauvet oder Altamira wurden die Darstellungen in der Cova Dones jedoch nicht gemalt, sondern mit rötlichem Ton aufgeschmiert. Den Malstoff hatten die steinzeitlichen Höhlenbesucher und -besucherinnen vermutlich vom Boden oder aus Ritzen und Nischen in der Höhle gekratzt.
Die Forscher haben die Bilder noch nicht direkt datiert. Das Alter konnten sie aber über Umwege eingrenzen: Höhlenbären hatten einst an den Wänden ihre Krallen gewetzt. Einige Kratzer durchziehen die von Menschen in den Stein vertieften Rillen. Höhlenbären gibt es in der Region aber seit etwa 24 000 Jahren nicht mehr. Die Rillen müssten also älter sein. Ebenso führten stilistische Überlegungen und der Vergleich von Motiven in dieselbe Phase der Eiszeit.
Sollten damals Jäger und Sammler die Wände der Cova Dones geschmückt haben, dann haben sie sich vielleicht noch auf andere Weise in dem Höhlenraum verewigt. 2025 meldeten die Archäologen, dass sie über 100 »Speläofakte« gezählt hätten. Gemeint sind abgebrochene Stalagmiten, die zu bestimmten Formationen angeordnet oder an anderer Stelle abgelegt wurden. Nach Auskunft der Forscher seien Speläofakte weltweit bisher eher selten dokumentiert. Dass sie sehr alten Datums sind, legen manche Bruchstellen nahe, über denen sich neue Kalkschichten gebildet haben. Die Stalagmiten waren also wieder gewachsen, was einige Zeit gedauert haben dürfte.
Mit rötlichem Ton hatte man Tierbilder an die Wände gemalt, die nicht mehr leicht zu erkennen sind: den Kopf eines Auerochsen (a), einen Pferdekopf (b) und mehrere Tiere und Zeichen nebeneinander (c).
Zwei Jahrtausende lang eine »Frauenhöhle«?
Wie lange es her ist, dass Menschen mit den Tropfsteinformationen hantierten, ist noch unbekannt. Auch, ob die Forschungsgruppe mit den steinzeitlichen Datierungen richtigliegt, ist noch ungeklärt. Sie arbeitet weiter daran, auch an der Entzifferung der lateinischen Inschriften. Doch wie es scheint, kamen Menschen über viele Jahrtausende hinweg in die Höhle im Osten der Iberischen Halbinsel. »Möglicherweise aufgrund des ständigen Vorhandenseins von Wasser, der Beschaffenheit der unterirdischen Landschaft oder der guten Zugänglichkeit«, erklären Barciela und Ruiz-Redondo.
Spätestens in römischer Zeit besuchten offenbar vor allem Frauen eine bestimmte Stelle im Höhlenraum, legten Opfergaben wie Spindeln für eine göttliche »Herrin« nieder und schabten Weihinschriften in die Wände. Der Kult blieb womöglich lange in Erinnerung. Das legt der Name der Höhle nahe. Laut der ältesten Überlieferung hieß sie Cova de les Dones, Höhle der Frauen. »Möglicherweise handelt es sich um einen tradierten Ortsnamen, der auf die Anwesenheit von Frauen oder weiblichen Gestalten an diesem Ort verweist«, erklärt Barciela. Denkbar also, dass der Name »Frauenhöhle« eine fast zwei Jahrtausende alte Erinnerung bewahrt.
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