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Giftschlangen: Speikobras: Hohe Trefferquote durch schnelle Kopfbewegungen

Speikobras, die ihr Gift etwaigen Angreifern ins Gesicht spucken, maximieren ihre Trefferquote durch schnelle Kopfbewegungen.

Zoologen der Arbeitsgruppe um Horst Bleckmann von der Universität Bonn haben herausgefunden, wie die Schlangen dies bewerkstelligen: Während sie das Gift mit hoher Geschwindigkeit aus ihren Fangzähnen herausschießen, bewegen sie den Kopf kreisend oder wippend hin und her. Der ganze Vorgang dauert durchschnittlich nur eine zwanzigstel Sekunde und ist mit bloßem Auge nicht zu sehen. Die Kopfbewegung bewirkt, dass sich das Gift auf dem Ziel verteilt.

Die zielsichere Rote Mosambik-Speikobra (Naja mossambica) richtet sich während ihrer Abwehrreaktion auf und fixiert dabei eine angenommene Bedrohung – wie etwa das durch einen durchsichtigen Plastikschild geschützte, hin- und herpendelnde Gesicht der Biologin Katja Tzschätzsch. Dabei verharrt die Schlange erst einige Sekunden in dieser Position, dann zuckt ihr Kopf blitzartig nach vorne: Für einen Moment sind in ihrem weit aufgerissenen Maul die Fangzähne vor dem blassrosafarbenen Schlund zu sehen, während sie ihr Gift dem vermeintlichen Feind mit Hochdruck entgegenspuckt. Auf dem Kunststoffvisier der Biologin erscheinen dabei zwei spiralförmige rote Muster, erklärt Tzschätzsch: Sie hat "das Visier vorher mit Rhodamin bestäubt, einem Pigment, das Flüssigkeiten rot einfärbt. So sind die Giftspuren besser zu erkennen."

Rote Mosambik-Speikobra | Die Rote Mosambik-Speikobra erhöht ihre Trefferquote beim Verspritzen ihres Giftes gegen vermeintliche Angreifer durch ein schnelles Pendeln des Kopfes. Dadurch trifft sie immer mindestens ein Auge des Opfers. Die erfolgreiche Toxin-Attacke führt zu stark brennenden Schmerzen und im ungünstigsten Fall zur Erblindung durch Verätzung der Hornhaut.
Der ausgespuckte Toxincocktail besteht einerseits aus Nervengiften, enthält aber auch Komponenten, die das Gewebe schädigen. Durch einen feinen Kanal in ihren Giftzähnen können die Schlangen die Flüssigkeit unter hohem Druck wegspritzen – ähnlich wie die Kugel in einem Gewehrlauf. Treffen sie dabei ein Auge, reagiert die empfindliche Hornhaut mit starken brennenden Schmerzen. Im ungünstigsten Fall führen die Verätzungen schließlich zur Erblindung.

Als Versuchstiere dienten Tzschätzsch vier Mosambik- und sechs Schwarzhals-Speikobras (Naja nigricollis). Bei ihren Experimenten trat sie ihnen entweder – mit einem Plastiksichtschutz bewehrt – selbst gegenüber oder konfrontierte sie mit verschiedenen Fotos. Für beide Arten hielt sie den Spuckvorgang zudem mit einer Hochgeschwindigkeits-Videokamera fest. "Die Schlangen spucken tatsächlich nur auf sich bewegende Gesichter", so ihr erstes Ergebnis, "Bewegungen mit der Hand reichten dazu bei keinem der Tiere aus." Von den Fotos ließen sich nur zwei Kobras stimulieren. Die spuckten aber sogar dann, wenn Tzschätzsch auf den Bildern ein Auge wegretuschierte. Selbst wenn beide Augen fehlten, zeigte sich eine der Schwarzhals-Speikobras noch angriffslustig.

Schlüpfende Speikobra | Bereits frisch geschlüpfte Speikobras können Gift verspritzen und damit Gesundheitsrisiken herbeiführen. Ihre Beute erlegen die Reptilien allerdings nicht auf diese Weise: Sie werden ganz klassisch durch Beißen und anschließendes Injizieren des Toxins erlegt.
Wie treffsicher beide Arten sind, zeigte die Auswertung der Giftspuren auf den Fotos und dem Visier: Die Schwarzhals-Speikobras trafen bei acht von zehn Versuchen mindestens ein Auge, die Roten Mosambik-Speikobras waren sogar zu 100 Prozent erfolgreich. Die Spuren der beiden Arten unterscheiden sich allerdings deutlich: Während die Schwarzhals-Speikobra ihr Gift eher versprüht, erinnert die Toxin-Attacke ihrer rot gefärbten Verwandten an den Schuss aus einer doppelläufigen Wasserpistole. Ausschlaggebend für die hohe Trefferquote ist ein Verhaltensmuster, das die Wissenschaftler bei beiden Arten beobachten konnten. "In der Superzeitlupe kann man deutlich erkennen, dass die Schlangen ihren Kopf beim Abschuss des Toxins schnell bewegen", erklärt der ebenfalls involvierte Guido Westhoff. "Ganz ähnlich wie wir es machen, wenn wir beim Blumengießen mit dem Schlauch das ganze Beet wässern möchten." Dadurch verteilt sich das Gift über eine größere Fläche; die Chance, dass auch ein Auge getroffen wird, steigt.

Mit einem Vorurteil möchte der Zoologe dann noch aufräumen: "Kobras spucken nur, wenn sie sich bedroht fühlen, nicht, um Beute zu machen", sagt er, "alles andere ist Legende." Ihre Beute erlegen sie wie andere Giftschlangen auch, indem sie ihnen mit einem Biss ihr Gift injizieren, das dann im Kreislauf seine tödliche Wirkung entfaltet. Menschen gehören nicht zu ihrem Beutespektrum; dennoch sind die Tiere gefährlich – selbst wenn sie noch sehr jung sind. Westhoff: "Ich bin schon einmal von einer gerade geschlüpften Speikobra attackiert worden – die hat mich praktisch aus dem Ei angespuckt."

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