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Wie ist Materie im All verteilt?: Spektakuläre Kosmologie-Studie erweist sich als falsch

Verteilt sich die Materie doch nicht so gleichförmig im Universum wie gedacht? Darauf schien eine bei »Nature« erschienene Studie hinzudeuten. Doch Fachleute haben darin nun Fehler gefunden.
Ein Ausschnitt einer Karte aus unserem Universum mit unzähligen Punkten. Jeder Punkt stellt eine Galaxie dar. Es ergibt ein Muster, in dem sich die Punkte bevorzugt entlang von wabenförmigen Filamenten häufen und dazwischen weniger Galaxien liegen.
Das Dark Energy Spectroscopic Instrument (DESI) erstellt die bisher genaueste Karte unseres Universums: Jeder Punkt entspricht hierbei einer Galaxie, die verschiedenen Farben codieren die Abstände.

Ende Juni 2026 hörte Till Sawala von einem spektakulären neuen Forschungsergebnis, das unser Verständnis des Universums auf den Kopf stellt. Auch wenn die Arbeit im Fachmagazin »Nature«, einer der weltweit renommiertesten und einflussreichsten wissenschaftlichen Zeitschriften, erschienen war, zeigte er sich skeptisch. »Ich dachte mir: ›Das ist entweder eines der wichtigsten Ergebnisse der Kosmologie der letzten zehn Jahre – oder es ist falsch‹«, sagt Sawala, Kosmologe an der Universität Helsinki. »Mein Gefühl sagte Letzteres.«

In dem »Nature«-Artikel wurde behauptet, dass sich die Materie auf Skalen von mehreren Milliarden Lichtjahren nicht so gleichmäßig im Universum verteilt, wie man bisher angenommen hatte. Wäre diese Aussage richtig, würde sie jahrzehntelange kosmologische Grundannahmen infrage stellen. »Wenn etwas so Großes in all den Jahren der Forschung übersehen worden wäre, wäre das für die Fachgemeinschaft eine ziemliche Blamage«, sagt Sawala. »Deshalb hielt ich es für wichtig, den Sachverhalt zu überprüfen.«

Die »Nature«-Studie basiert auf einem umfangreichen Datensatz des Dark Energy Spectroscopic Instrument (DESI), der 47 Millionen Galaxien und Quasare über mehr als 11 Milliarden Jahre der 13,8 Milliarden Jahre alten Universumsgeschichte umfasst. Wie viele frühere Daten zeigt auch die DESI-Untersuchung, dass sich die Materie im Universum zu einem riesigen »kosmischen Netz« aus galaktischen Filamenten und Schichten verdichtet, die große Leerräume umgeben. Die Autoren der aktuellen »Nature«-Arbeit behaupten, diese Filamente würden viel weiter reichen als bisher angenommen – über Milliarden von Lichtjahren. Noch entscheidender sei jedoch, dass sie sich bevorzugt in bestimmten Richtungen ausrichten würden. Sollte das stimmen, würde dies das sogenannte kosmologische Prinzip verletzen, das die Gleichförmigkeit des Universums nach sich zieht.

Ist ein grundlegendes Prinzip der Kosmologie verletzt?

Bei genauerer Prüfung entdeckte Sawala jedoch Fehler im DESI-Datensatz. Die Autoren hätten demnach die Entfernungen der Galaxien mit der sogenannten Leuchtkraftdistanz gemessen, obwohl sie stattdessen die »mitbewegte Entfernung« verwenden müssten. Außerdem hätten sie versäumt, diese Entfernungen an die Expansionsrate des Universums anzupassen. Nach Korrektur der Fehler stimmen die DESI-Daten laut Sawala mit dem herrschenden Konsens überein: Es gibt keine geheimnisvollen bevorzugten Ausrichtungen der Materie – und damit keine Verletzung des kosmologischen Prinzips.

Francesco Sylos Labini, einer der Autoren der »Nature«-Studie und Physiker am Enrico-Fermi-Forschungszentrum in Rom, weist darauf hin, dass sich Sawalas Analyse auf die Unregelmäßigkeiten in der großräumigen Struktur des Universums konzentriere, nicht auf deren Ausrichtung. Sawala entgegnet jedoch, dass die von ihm entdeckten Fehler in beiden Fällen relevant seien. Wer am Ende recht behält, wird die Prüfung der Fachcommunity zeigen. Aber Fakt ist: Die begutachtete Studie enthält Fehler.

Große Fachzeitschriften wie »Nature« bauen ihren Ruf darauf auf, dass sie besonders bedeutende Forschungsergebnisse veröffentlichen. Doch wie Carl Sagan einst sagte: »Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege.« Gerade deshalb ist der Begutachtungsprozess so wichtig. »Damit ein Artikel in ›Nature‹ erscheint, muss er wirklich bahnbrechend sein«, sagt Sawala. »Das war er zweifellos, also hat er diese Hürde genommen. Aber er stellte sich als falsch heraus.«

»Es ist enttäuschend, dass dieser Fehler den Gutachtern entgangen ist«, sagt David Spergel, Astrophysiker und Präsident der Simons Foundation. »Die Herausgeber von ›Nature‹ müssen in Zukunft sorgfältiger vorgehen.«

Doch selbst wenn Sawala als Gutachter für die Studie ausgewählt worden wäre, ist er sich nicht sicher, ob ihm die Fehler aufgefallen wären. »Gutachter zu sein, ist schwierig«, sagt Sawala. »Man ist meist nur in bestimmten Teilen der Arbeit Experte.« Dem stimmt Daniel Eisenstein zu, Kosmologe an der Harvard University, der an keiner der beiden Arbeiten beteiligt war: »Leider ist es leicht vorstellbar, dass ein solcher Fehler lange unentdeckt in einem Code schlummert. Es ist für mich nicht offensichtlich, dass ein Gutachter ihn hätte erkennen müssen.«

»Man müsste schon Glück haben, wenn ein oder zwei Gutachter diesen Fehler entdecken. Aber auf ArXiv hätte ihn sicher jemand gefunden«Till Sawala, Kosmologe

Sawala hat seine Argumente inzwischen zur Begutachtung bei einem Fachjournal eingereicht. Sein Manuskript wird in der Kosmologie-Community aber bereits diskutiert. Die Korrektur einer spektakulären Behauptung zieht allerdings selten die gleichen Schlagzeilen nach sich wie die Behauptung selbst. Diese Zurückhaltung, »alte Nachrichten« noch einmal aufzugreifen, kann dazu führen, dass die öffentliche Wahrnehmung von der wissenschaftlichen Realität abweicht.

Solche Schwächen im Begutachtungsverfahren sind ein Grund, warum Physikerinnen und Physiker immer häufiger auf Preprint-Server wie arXiv.org setzen, die der gesamten Fachgemeinschaft erlauben, eine Arbeit gemeinsam zu bewerten. »Man müsste schon Glück haben, wenn ein oder zwei Gutachter diesen Fehler entdecken«, sagt Sawala. »Aber auf ArXiv hätte ihn sicher jemand gefunden.« Die »Nature«-Studie war vor der Veröffentlichung weder auf arXiv.org noch anderswo öffentlich zugänglich.

Wenn Fachleute ein spektakuläres Ergebnis bei einer Topzeitschrift wie »Nature« einreichen, entscheiden sie sich manchmal dafür, es bis wenige Tage vor der Veröffentlichung geheim zu halten und erst dann die Presse darüber zu informieren. Dieses sogenannte Embargo macht die Veröffentlichung zu einem größeren Medienereignis – auf Kosten der wissenschaftlichen Transparenz. »Ich glaube, diese Embargos dienen mehr den Verlagen als der Wissenschaft«, sagt Sawala. »Dabei sollte die Wissenschaft immer an erster Stelle stehen.«

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  • Quellen

Sawala, T., arXiv 10.48 550/arXiv.2607.01 172, 2026

Sylos Labini, F., Galoppo, M., Nature 10.1038/s41586–026–10 702–5, 2026

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