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Folgenreicher Tippfehler: Spektakuläre Sternexplosion fällt aus

In einem 1800 Lichtjahre entfernten Sternsystem bahnt sich eine gewaltige Explosion an, verkündeten Astronomen vor zwei Jahren. Nun haben sie ihre Prognose zurückgezogen.
Rote Nova

Es sollte ein Tag für die Geschichtsbücher werden: Im Jahr 2022 könnten Menschen von der Erde aus einer so genannten roten Nova beiwohnen, verkündete der Astronom Lawrence Molnar vom Calvin College im US-Bundesstaat Michigan vor knapp zwei Jahren auf einer Fachkonferenz. Demnach sollte in rund vier Jahren ein blutroter Fleck im Sternbild Schwan auftauchen, hell wie der Polarstern – ein Ereignis, wie es viele Sternfreunde wohl nur einmal im Leben sehen.

Die Ankündigung ließ aber nicht nur Amateurastronomen aufhorchen, die dem Spektakel problemlos auf der Nordhalbkugel beiwohnen könnten. Auch Profis erhofften sich neue Einblicke in die physikalischen Prozesse bei roten Novae. Nach bisherigem Verständnis werden die gewaltigen Explosionen, die allenfalls von den noch mächtigeren Supernovae übertroffen werden, vom Zusammenstoß zweier Sterne ausgelöst. Aber im Detail sind noch viele Fragen offen.

Widerspruch zu älteren Aufnahmen

Die Vorgänge im 1800 Lichtjahre entfernten KIC 9832227 versprachen große Fortschritte: Molnars Beobachtungen zufolge kamen sich hier zwei Sonnen auf Kreisbahnen laufend näher – und um das Jahr 2022 sollte dieser Walzer seinen Höhepunkt erreichen. Darauf deuteten zumindest Beobachtungsdaten des Kepler-Weltraumteleskops und des Calvin Observatory hin. Die Freude war so groß, dass ein Kollege Molnars sogar bereits einen Dokumentarfilm vorbereitete, der das einmalige Ereignis für die Ewigkeit festhalten sollte.

Die Homepage des Films ist nach wie vor im Internet erreichbar. Sonst sieht es aber gar nicht gut aus für die rote Nova im Jahr 2022. Es fing damit an, dass andere Astronomen in älteren Teleskopaufnahmen von KIC 9832227 auf einen Widerspruch zu Molnars Theorie stießen: Die in einem Archiv verwahrten Bilder des Vulcan-Teleskops aus dem Jahr 2003 schienen nicht zu dem mutmaßlich schrumpfenden Abstand zwischen den beiden Sternen zu passen.

Eine genauere Analyse des Teams um Quentin Socia von der San Diego State University zeigte, dass auch die Aufnahmen aus der noch etwas älteren Northern Sky Variability Survey (NSVS) in eine andere Richtung deuten. Die Daten waren zwar auch in Molnars Prognose eingeflossen. Aber der Fachaufsatz, in dem Molnar die NSVS-Informationen nachgeschlagen hatte, war an einer entscheidenden Stelle falsch: Vermutlich habe sich bei der Umrechnung zwischen zwei Zeitbezugssystemen ein Tippfehler eingeschlichen, argumentiert Socias Team.

Folgenreicher Tippfehler

Jedenfalls gingen Molnar und seine Kollegen bei der Prognose der Sternbahnen im System KIC 9832227 von einem falschen Startpunkt aus. Nimmt man den richtigen Wert, kommen sich die Sterne aber nicht mehr in demselben Maß näher. Die für das Jahr 2022 angesetzte Kollision – und damit die rote Nova – falle also vermutlich aus, berichtet Socias Gruppe im Fachmagazin »The Astrophysical Journal«.

Was nach dem Start eines Forscherstreits klingt, scheint das Ende der Debatte zu sein: Molnar und sein Team stimmen der kritischen Analyse ihrer Kollegen vollständig zu. Solche Irrtümer seien fester Bestandteil des wissenschaftlichen Fortschritts, schreiben sie in einer Mitteilung. Was der Macher des Dokumentarfilms zu der überraschenden Wendung sagt, ist bisher nicht bekannt.

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