Direkt zum Inhalt

Verhaltensforschung: Auch Affen necken sich

Menschenaffen necken sich gegenseitig, indem sie ihr Gegenüber anstupsen, es an den Haaren ziehen oder scheinbar ein Spielzeug anbieten, um dieses im letzten Moment wieder wegzuziehen. Solche kleinen Scherze liefern Einblicke in die Evolution des Herumkasperns und die Entstehung unseres Sinns für Humor.
Zwei Gorillas interagieren in einer natürlichen Umgebung. Der kleinere Gorilla streckt seine Hand aus und berührt den Kopf des größeren Gorillas, während beide mit geöffnetem Mund zu sehen sind. Im Hintergrund sind grüne Pflanzen zu erkennen.
Zwei Gorillas verstehen Spaß.

An einem sonnigen Nachmittag in San Diego spielte die dreijährige Aisha im Freien. Ihr Vater saß ganz in der Nähe, schenkte seiner Tochter jedoch keine besondere Aufmerksamkeit. Daraufhin griff sie sich ein Spielzeug und winkte ihm damit zu. Als der Vater nicht reagierte, verstärkte sie ihre Bemühungen und versetzte ihm mit dem Spielzeug einen leichten Schlag auf den Kopf. Erwartungsvoll beobachtete sie ihn – aber vergeblich. Jetzt wedelte Aisha mit dem Spielgerät vor dem Gesicht ihres Vaters hin und her und strich ihm damit über den Scheitel, sodass es für ihn immer schwerer wurde, seine Tochter zu ignorieren. Zu guter Letzt gab er nach und schaute ihr zu, während sie begann, an einem Seil hin- und herzuschwingen.

Ein typisches Verhalten für ein dreijähriges Kind, könnte man meinen. Allerdings handelt es sich bei Aisha um einen Orang-Utan. Die mittlerweile zwölf Jahre alte Affendame lebt mit ihrer Familie im Zoo von San Diego. Ihre Jugend verbrachte sie damit, zu spielen, zu fressen, zu schlafen und ihre Eltern zu ärgern, wie im obigen Beispiel beschrieben. Ganz ähnlich könnte sich auch ein gelangweiltes kleines Mädchen aufführen, das zusammen mit seinen Eltern in der Kassenschlange eines Supermarkts steht. Aber woher stammt dieser Drang, andere zu nerven? Ist die Parallele zwischen Aishas Verhalten und dem eines Menschenkindes bloß oberflächlich oder vielmehr ein Resultat starker Gemeinsamkeiten in der Art und Weise, wie wir spielen, lernen und denken?

Woher stammt dieser Drang, andere zu nerven?

In den vergangenen Jahren haben meine Kollegen und ich das Necken bei Menschen und Menschenaffen untersucht, um herauszufinden, warum – und wann – sich dieses in einer Grauzone zwischen Spiel und Aggression angesiedelte Verhalten entwickelte. Es mag zuweilen in Schikanierung und Ausgrenzung münden, kann aber auch liebevoll oder sogar zärtlich gemeint sein. Für Menschen bilden spielerisches Necken, Herumkaspern und Scherzen einen wunderbaren Rahmen, um etwas über soziale Normen zu lernen. Indem es behutsam auslotet, wie weit man gehen darf, stellt es Beziehungen auf die Probe und demonstriert gleichzeitig deren Stärke. Ähnliches gilt unserer Ansicht nach für die anderen Menschenaffen. Während Humor in der Wissenschaft traditionell als eine ausschließlich menschliche Eigenschaft betrachtet wurde, führen unsere Erkenntnisse zu dem Schluss, dass seine Wurzeln überraschend weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Ein kleiner Scherz unter Affen

Über den Ursprung des Humors habe ich erstmals 2005 nachgedacht, als ich im Rahmen meiner Doktorarbeit in einem Zoo untersuchte, wie Orang-Utans Gesten zur Kommunikation einsetzen. Dabei wurde ich eines Tages Zeugin einer faszinierenden Interaktion, von der ich nicht wusste, wie ich sie einordnen oder analysieren sollte. Ein junger Orang-Utan baumelte an einem Seil über seiner Mutter, die auf ihrem Rücken in einem Strohhaufen lag. Das Jungtier reichte ihr ein großes Stück Baumrinde hinab, woraufhin sie ihre Hand danach ausstreckte. Doch in letzter Sekunde zog das Äffchen die Rinde aus dem Griff seiner Mutter zurück. Nachdem sie ihre Hand wieder gesenkt hatte, bot der Kleine ihr das Spielzeug erneut an. Dieses »Hier, nimm es – ups, war nur Spaß«-Verhalten wiederholte sich einige Male, bis der junge Orang-Utan schließlich das Rindenstück fallenließ.

Äffischer Schabernack |

Ein junger Orang-Utan zieht am Fell seiner Mutter.

Zu meiner Überraschung griff nun die Mutter danach und begann, das Verhalten ihres Sprösslings nachzuahmen. Der Rollentausch verblüffte mich. Was ich sah, war nicht mehr nur ein nachsichtiges Affenweibchen, das sich auf ihr Junges einließ, sondern ein Spiel – oder vielleicht sogar ein Scherz. Seine Kernmerkmale waren zumindest vorhanden: eine Ausgangssituation (das Angebot) sowie eine Pointe (das Zurückziehen). Natürlich war es kein besonders ausgefeilter Witz – für das Programm eines Komikers taugt er wohl kaum –, aber es schien genau die Art Jux zu sein, die einem Kleinkind gefallen dürfte.

Kleine Kinder finden sich wiederholende, auf Körpersprache beruhende Scherze unglaublich lustig. Der Humor basiert dabei auf einem Überraschungsmoment: einem unvermuteten Ereignis, das dann unzählige Male auftritt. Der unerwartete Augenblick wird auf diese Weise zu einem erwarteten Bestandteil des Spaßes – wie beim altbekannten »Kuckuck!«-Spiel.

Kleine Kinder finden auf Körpersprache beruhende Scherze unglaublich lustig. Der Humor basiert auf einem unvermuteten Ereignis, das unzählige Male auftritt

Derartige erwartbare Überraschungen bilden die Grundlage zahlreicher Formen von Humor. Witze zeichnen sich häufig durch einen schablonenhaften Aufbau aus (»Klopf, klopf …«, »Wie nennt man …«, »Was macht ein …«, »Was ist der Unterschied zwischen …«). Dieser Rahmen bereitet den Zuhörer auf die Pointe vor und lässt ihn wissen, dass er das Folgende nicht allzu wörtlich nehmen soll.

Drei Formen des Herumkasperns

Bereits vor ihrem ersten Geburtstag, ja sogar, bevor sie ihr erstes Wort sagen können, beginnen Kinder, solche unerwarteten Momente zu schaffen. Der Psychologe Vasu Reddy von der britischen University of Portsmouth bezeichnet derartige Interaktionen als »Clowning« und hebt drei häufige Formen des Herumkasperns hervor: das Anbieten und wieder Zurückziehen eines Objekts, das mutwillige Stören einer Tätigkeit eines anderen sowie die provokative Nichteinhaltung sozialer Normen oder Regeln. Ein Kleinkind könnte zum Beispiel einen Gegenstand hinhalten und ihn in letzter Sekunde wieder wegziehen – wie der junge Orang-Utan, den ich im Zoo beobachtet hatte. Es könnte provokative Nichteinhaltung demonstrieren, indem es sich einen Schuh wie einen Hut auf den Kopf setzt und dabei lächelt. Die primäre Motivation für die kindliche Clownerie besteht offenbar nicht darin, gegen Regeln zu verstoßen, sondern sich mit anderen auseinanderzusetzen. Es sind spielerische Formen des Sozialverhaltens; die Kleinen lachen häufig beim Herumkaspern und schauen gleichzeitig in die Gesichter der Erwachsenen in Erwartung einer Reaktion.

Der Austausch zwischen der Orang-Utan-Mutter und ihrem Jungen war für meine damaligen wissenschaftlichen Studien zwar nicht unmittelbar relevant, blieb mir aber dennoch im Gedächtnis haften, ebenso wie andere Fälle des Neckens, die ich während meiner Untersuchungen zur Gestik bei Affen gelegentlich wahrgenommen hatte. Schließlich verschob sich mein Forschungsschwerpunkt, und ich interessierte mich mehr für die der Kommunikation zugrunde liegende Kognition. Ich begann, über jene Neck-Interaktionen nachzudenken, die ich beobachtet hatte. Sie gehörten zwar nicht zwangsläufig zu dem von mir analysierten Kommunikationssystem, erforderten jedoch, sich in andere Individuen hineinzuversetzen. Mir kam der Gedanke, dass solche Verhaltensweisen aufschlussreiche Einblicke in die Evolution sozialer Intelligenz verschaffen könnten.

Wir Menschen zählen zusammen mit Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans zu den Menschenaffen. Alle Vertreter dieser Gruppe weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Sie haben große Gehirne und eine lange Jugendphase. Sie lachen, trauern, sind eifersüchtig und neidisch. Sie erkennen ihr Abbild in einem Spiegel und verstehen, dass andere Individuen Dinge wissen können, die ihnen selbst unbekannt sind. Menschenaffen verfügen über eine ausgeprägte soziale Intelligenz; sie interessieren sich sehr für andere und verwenden viel Zeit darauf, mit ihnen zu spielen, von ihnen zu lernen, mit ihnen zu streiten, sich an ihnen zu rächen oder sich mit ihnen anzufreunden. Könnte sich spielerisches Necken womöglich als ein Teil des intensiven Interesses an den Zielen, Gefühlen und Beziehungen der Artgenossen entwickelt haben?

Codierungssystem für das Necken

Um dieser Frage nachzugehen, müsste man das Vorhandensein von Neckereien bei Menschenaffen systematisch untersuchen, womit sich allerdings – soweit ich weiß – noch nie zuvor jemand beschäftigt hat. Anfang 2020 stellte ich daher ein Team aus Studierenden, Postdocs und Forscherkollegen zusammen, darunter Isabelle Laumer, Johanna Eckert und Sasha Winkler, alle seinerzeit an der University of California in Los Angeles tätig, sowie Federico Rossano von der University of California in San Diego. Ursprünglich wollten wir eine Reihe von Experimenten in zoologischen Gärten durchführen, doch ein Virus vereitelte unsere Pläne. Da auch die anderen Menschenaffen anfällig gegenüber Covid-19 sind, mussten auf dem Höhepunkt der Coronapandemie sämtliche Untersuchungen in der Primatenforschung eingestellt werden, die einen direkten Kontakt mit den Tieren erforderten.

Wir entschieden uns stattdessen für eine videobasierte Studie. Mithilfe von Filmaufnahmen, die Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos in US-amerikanischen und europäischen Zoos zeigten, identifizierten wir soziale Interaktionen, die eine Mischung aus spielerischen und belästigenden Elementen enthielten. Wir klammerten dabei explizit Fälle von reiner Aggression oder reinem Spiel aus, sodass wir uns ausschließlich auf die Grauzone zwischen diesen beiden Phänomenen konzentrieren konnten.

Verspielt |

Zwei Schimpansenjungen amüsieren sich, während ein erwachsenes Weibchen die Albernheiten der Kleinen geduldig erträgt.

Soziale Kognition ist nicht leicht zu untersuchen, insbesondere bei komplexen Lebewesen wie Menschenaffen. Beim Menschen können Wissenschaftler Fragebögen einsetzen, um so zu erfahren, was eine Person über die Ansichten und Absichten einer anderen denkt. Bei Menschenaffen oder Kleinkindern muss hingegen subjektives Denken ohne Zuhilfenahme von Sprache erfasst werden, etwa durch Beobachten natürlicher Interaktionen oder durch eine Analyse des Verhaltens von Individuen, wenn diese mit Geräuschen, Bildern oder Rätselaufgaben konfrontiert werden.

Wir begannen daher, ein Codierungssystem für das Necken zu entwickeln, das auf bereits etablierten Systemen beruht, mit denen die Kommunikation bei Affen erforscht wird. Solche Codierungssysteme für Verhaltensweisen gelten als Methode der Wahl, um Interaktionen zwischen Menschen oder Tieren durch Beobachten aus der Entfernung zu analysieren. Sie bestehen aus einer Reihe von Codes (oder Kennungen) sowie einem Satz Regeln zu ihrer Anwendung. Eine systematische, den Regeln entsprechende Verwendung der Codes verwandelt das Chaos der realen Handlungen in quantifizierbare, statistisch auswertbare Variablen und dient gleichzeitig als Bestätigung, dass auch andere die Verhaltensweisen erkennen. Die Beobachtungen werden dadurch verlässlicher, und es wird sichergestellt, dass ein Phänomen nicht nur auf der subjektiven Wahrnehmung eines Betrachters beruht.

Bei der Gestaltung unseres Codierungssystems achteten wir zudem darauf, unterschiedliche Aspekte einzubeziehen: etwa die Identität von Neckendem und Genecktem, die Handlungen des neckenden Tiers, sein eventuelles Warten auf eine Reaktion des Gegenübers, etwaige Wiederholungen des Neckverhaltens sowie die Frage, ob es sich primär um einseitige oder wechselseitige Aktionen handelte. Auch spielerische Elemente, einschließlich Mimik, Gestik, Entspanntheit oder Anzeichen beiderseitigen Vergnügens (wenn etwa beide Parteien eine Interaktion bereitwillig fortsetzten), erfassten wir. Wir arbeiteten jeweils in Dreiergruppen zusammen, in denen wir Kategorien codierten, sie anwandten, diskutierten, überarbeiteten und erneut anwandten. Diesen Prozess wiederholten wir mehrmals, bis wir mit unserem Codierungssystem zufrieden waren und uns vergewissert hatten, dass jeder es auf die gleiche Weise benutzte.

Unser endgültiges Codierungssystem identifizierte fünf wesentliche Charakteristika des spielerischen Neckens: Es ist provokativ, einseitig, überraschend (etwa wenn sich das Tier von hinten nähert), der Neckende schaut dabei zum Gesicht des Geneckten, und die Handlung wird mehrfach wiederholt oder verfeinert. Nur sehr wenige der von uns erfassten Beispiele wiesen alle fünf Merkmale auf; 129 enthielten allerdings zumindest drei dieser fünf.

Das am schwierigsten zu definierende Charakteristikum des Neckens – zugleich aber wohl sein wichtigstes – war das Vorhandensein eines provokativen Verhaltens. Obwohl mehrere Personen es verlässlich auf die gleiche Weise codierten und wir daher wussten, dass man es identifizieren konnte, ließ es sich nicht leicht in Worte fassen. Wir einigten uns schließlich darauf, dass die Formulierung »etwas, was das Zielsubjekt nur schwer ignorieren kann« die passendste Definition darstellt. Damit konnten wir erfassen, wenn ein neckendes Tier unmittelbar vor seinem Gegenüber etwas sehr schnell oder sehr langsam ausführte. Oder wenn es an der Sitzgelegenheit des anderen rüttelte oder darauf trommelte. Oder wenn es sich dem Gesicht des anderen so weit näherte, dass sich beide fast berührten. Diese Verhaltensweisen sehen zwar grundverschieden aus, lassen sich jedoch alle kaum ignorieren.

Alle tun es: Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos

In freier Wildbahn leben die vier von uns untersuchten Menschenaffenarten in sehr unterschiedlichen Sozialverbänden und Umwelten: Orang-Utans (Pongo abelii) sind größtenteils Einzelgänger und verbringen ihr Dasein überwiegend auf Bäumen. Gorillas (Gorilla gorilla sowie G. beringei) halten sich dagegen in Gruppen aus einem Männchen sowie zahlreichen Weibchen und Jungtieren am Boden auf. Schimpansen (Pan troglodytes) und Bonobos (Pan paniscus) leben sowohl am Boden als auch auf Bäumen in großen Gemeinschaften aus Vertretern beiderlei Geschlechts. Während Schimpansenverbände allerdings von Männchen dominiert werden und aggressives Verhalten unter den erwachsenen Tieren recht häufig vorkommt, bilden Bonobos überwiegend matriarchalische Gesellschaften, die Konflikte nicht mit Kampf lösen, sondern mit Sex.

Trotz dieser tiefgreifenden Unterschiede in ihrer Lebensweise neckten sich die Vertreter aller vier Affenarten spielerisch in ähnlicher Form: Sie stupsten, schlugen, schubsten, zogen und kitzelten sich gegenseitig. Es wurde viel mit Armen, Beinen und Gegenständen herumgeschwungen und gewedelt. So ergriff ein Neckender den Fuß eines Artgenossen, um dessen Aktivität zu stoppen. Manchmal versteckten sich die Affen unter einem Objekt und ließen urplötzlich ihre Hand herausschnellen, um ihr Opfer am Fell zu ziehen, oder sie verbargen sich in einem Jutesack und rempelten es dann per Purzelbaum an.

Sie stupsten, schlugen, schubsten, zogen und kitzelten sich gegenseitig. Es wurde viel mit Armen, Beinen und Gegenständen herumgeschwungen und gewedelt

Einmal näherte sich ein junger Schimpanse namens Azibo seiner Mutter, die gerade einen Artgenossen lauste, schlug ihr klatschend auf den Rücken und zog sich anschließend zurück, um sie aus sicherer Entfernung zu beobachten. Der Kleine wiederholte die Provokation mehrere Male. Daraufhin wedelte die Mutter etwas in der Luft herum und griff behutsam nach Azibo, während sie mit der Fellpflege des anderen fortfuhr. Dieses Verhalten unterscheidet sich vom gewöhnlichen Spiel zweier Affen, das durch eine symmetrischere Interaktion gekennzeichnet ist: Die Tiere nähern sich einander und bleiben beim Spiel zusammen, oder sie jagen sich gegenseitig. Azibos wiederholtes Provozieren und Zurückziehen an einen sicheren Ort ist zwar spielerisch, zugleich aber auch provokativ und weist somit ein typisches Charakteristikum des Neckens auf.

© Isabelle Laumer, PhD
Was sich liebt, das neckt sich
Orang-Utans, Bonobos, Schimpansen und Gorillas im Leipziger Zoo sowie im Tiergarten von San Diego: Wie Jungtiere erwachsene Artgenossen necken.

Junge Affen neckten häufiger als erwachsene, doch Letztere machten ebenfalls spielerische Scherze. Als zum Beispiel Azibo versuchte, mit einem Stock Futter aus einem Stocherkasten zu angeln, hinderte ihn die ausgewachsene Schimpansendame Sandra daran, indem sie jedes Mal das Loch mit ihrer Hand zudeckte oder Azibo sein Werkzeug entriss und es auf den Boden fallen ließ. Sandra hatte dabei offenbar gar nicht vor, den Stock selbst zu benutzen – sie wollte Azibo schlicht ärgern.

Wie reagiert der andere?

Die Frotzeleien wurden anscheinend gezielt eingesetzt. Für die Affen stellten ihre Artgenossen nicht einfach nur einen Teil ihrer natürlichen Umgebung dar, sondern sie erwarteten eine Antwort. Während und nach Abschluss des Neckens behielten die Tiere ihr Opfer im Auge, um dessen Reaktion abzuschätzen. Dann wiederholten oder modifizierten sie ihre Aktionen: Ein Anstupsen verwandelte sich vielleicht in ein Am-Fell-Ziehen, das Winken mit einem Spielzeug wurde womöglich zu einem Schlag auf den Kopf.

Auch wenn die provozierenden, hartnäckigen, sich steigernden Pöbeleien ungemein nervtötend wirkten, reagierten die Affen darauf fast niemals aggressiv. Die Opfer versuchten vielmehr, den Störer zu ignorieren, ihn durch sanftes Schulterzucken abzuschütteln oder durch Wedeln zu verscheuchen. Manchmal revanchierten sie sich positiv mit einem Spiel, einer Umarmung oder ebenfalls durch Schabernack. In anderen Situationen standen sie einfach auf und entfernten sich.

Auch wenn die provozierenden, hartnäckigen, sich steigernden Pöbeleien ungemein nervtötend wirkten, reagierten die Affen darauf fast niemals aggressiv

Bevor der Spaß begann, waren die Affen üblicherweise entspannt, und keine der beiden Parteien schien sich während der Interaktion besonders aufzuregen. Obgleich die neckenden Affen ihre Zielsubjekte aufzustacheln versuchten, taten sie das mit geringem Risiko. Spielerisches Necken tritt offenbar eher in Zeiten der Langeweile auf und weniger bei Stress. Denken Sie an Kinder auf der Rückbank während einer langen Autofahrt – eine ideale Ausgangssituation.

Das Vorkommen von spielerischem Necken im Verhaltensrepertoire aller vier Menschenaffenarten führt zu der Schlussfolgerung, dass die Tiere erheblich davon profitieren. Um herauszufinden, welche Vorteile es ihnen verschaffen könnte, sollten wir uns dieses Verhalten bei Homo sapiens vergegenwärtigen: Spielerisches Necken bietet uns eine hervorragende Gelegenheit, etwas über die Denkweise anderer zu erfahren. Ein Neckender muss die Reaktion des Gegenübers voraussehen und sein Tun auf die zu erwartende Antwort abstimmen: Was bei einem engen Vertrauten gut ankommt, mag bei einem Fremden völlig daneben sein.

Soziale Kompetenzen entwickeln

Selbst in engen Freundschaftsbeziehungen kann eine Reaktion von Tag zu Tag oder von Stunde zu Stunde variieren – je nachdem, in welcher Stimmung sich die Person befindet und was bei früheren Begegnungen vorgefallen ist. Vorhersagen zu lernen, wie jemand auf einen selbst reagiert, spielt für hochsoziale Wesen wie uns Menschen und andere Affen eine maßgebliche Rolle: Wer hält uns den Rücken frei, wenn wir angegriffen werden? Wer entscheidet im Zweifelsfall zu unseren Gunsten, wenn unsere Handlungen oder Motive unklar erscheinen? Spielerisches Necken bietet ein relativ risikoarmes Umfeld, in dem wir unsere sozialen Kompetenzen entwickeln und verfeinern können.

Spielerisches Necken bietet eine hervorragende Gelegenheit, etwas über die Denkweise anderer zu erfahren

In der Lage zu sein, die Ziele, Absichten, Erkenntnisse und Wünsche anderer vorhersagen und verstehen zu können, bildet die Basis der menschlichen Sprache und Kultur. Auch wenn nichtmenschliche Primaten nicht sprechen können, teilen sie dennoch einige der ihr zugrunde liegenden Fertigkeiten. Die meisten Tiere spielen, aber spielerisches Necken geht noch einen Schritt weiter: Es bietet eine Gelegenheit, vom physischen zum mentalen Spiel hinüberzuwechseln – vom körperlichen Raufen hin zum Gedankenspiel.

Bei unserer Erforschung des Neckens und der Frage, wie es mit der sozialen Kognition bei nichtmenschlichen Primaten zusammenhängt, stehen wir noch ganz am Anfang. Können Affen vorhersagen, ob ein anderer überrascht sein wird? Um zu untersuchen, worauf die Tiere ihr Augenmerk beim Beobachten interagierender Artgenossen richten, nutzen meine Kollegen und ich Methoden wie das Eyetracking. Geraten Affen in Aufregung, wenn sie bei einer sozialen Interaktion eine starke Reaktion erwarten? Mithilfe von Wärmebildkameras messen wir Veränderungen im Blutstrom rings um Augen und Ohren – ein physiologisches Zeichen für Erregung. Das zeigt uns an, ob ein soziales Ereignis auf ein Individuum unterhaltsam, furchterregend oder aufregend wirkt.

Wenngleich wir im Rahmen dieser Forschungsprojekte noch vor allem mit dem Sammeln und Analysieren von Daten beschäftigt sind, zeigt eine kleine Wärmebild-Pilotstudie mit Bonobos bereits: Zumindest einige Affen sind erregt, wenn sie sehen, wie ein Artgenosse gekitzelt wird. Wir kombinieren biologische Werte wie Augenposition und Blutfluss mit Verhaltensdaten wie der Vorliebe eines Individuums für bestimmte Spielpartner. Das liefert Anhaltspunkte, wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Stimmungslagen und Prognosen zusammenwirken, wenn Affen über ihre Artgenossen nachdenken.

Die Wurzeln des Humors

Obwohl spielerisches Necken bislang nur beim Menschen und seinen Affenverwandten systematisch analysiert worden ist, kommt es vermutlich bei etlichen weiteren Tierarten vor. Wenn sich so Beziehungen aufbauen, testen und darstellen lassen und das Verhalten von Artgenossen vorhersagbar wird, dürften andere hochsoziale Spezies diese Fähigkeit ebenfalls entwickelt haben. Papageien, Delfine, Elefanten, Wale und Hunde gelten hier als vielversprechende Kandidaten. Unsere Gruppe erforscht bereits einige solche Tierarten, doch für einen umfassenden Überblick über spielerisches Necken im gesamten Tierreich brauchen wir weitere Beobachter. Hierzu haben wir Tierpfleger in mehr als 100 Zoos befragt; zudem sammeln wir aus aller Welt Geschichten über neckende Tiere. Wenn Sie uns vielleicht von Haustieren berichten können, die Sie oder andere Tiere necken, oder entsprechendes Filmmaterial besitzen, laden wir Sie dazu ein, es auf unserer Website mit uns zu teilen: www.observinganimals.org/teasing.

Literaturtipp

Caruana, F. et al.: Warum wir lachen. Gehirn&Geist April 2025, S. 56-65

Die Verhaltensforscher Fausto Caruana, Elisabetta Palagi und Frans B. M. de Waal schildern die evolutionären Grundlagen von Humor.

Weblink

Teasing and humor

Die Arbeitsgruppe von Erica Cartmill sammelt Beispiele für spielerisch neckende Tiere.

Ein umfangreicheres Bild des spielerischen Neckens im Tierreich sollte aufzeigen, wie wir den Ursprung und die Entwicklung dieses Verhaltens weiter erforschen können. Das von uns beobachtete Auftreten des Neckens bei den Menschenaffenarten lässt allerdings schon jetzt darauf schließen, dass die Wurzeln des menschlichen Humors 13 Millionen Jahre oder sogar noch weiter zurückreichen – bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren des Orang-Utan-Mädchens Aisha und des gelangweilten Kindes in der Kassenschlange. Auch wenn sie nicht unbedingt in einer Comedy-Show auftreten werden, belegen sich neckende Affen dennoch, dass der erste Witz weitaus älter ist als die Albernheiten, mit denen sich Frühmenschen beim Schein des Lagerfeuers einst wohl amüsierten.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen

Eckert, J. et al., Biology Letters 10.1098/rsbl.2020.0370, 2020

Laumer, I. B. et al., Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2023.2345, 2024

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.