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Ornithologie: Spinnendiät für höhere Intelligenz

Blaumeise klein
Blaumeisen (Parus caeruleus) füttern ihren Nachwuchs überdurchschnittlich häufig mit vergleichsweise seltenen Spinnen, um sie mit einer Extraportion Taurin zu versorgen. Mit dieser Aminosäuregabe fördern sie die geistige und körperliche Entwicklung ihrer Küken – eine Wirkung des Stoffs, die bislang nur bei Säugetieren bekannt war.

Nach den Beobachtungen von Kathryn Arnold von der Universität Glasgow und ihren Kollegen bringen die Blaumeisen vor allem ab dem fünften Tag nach dem Schlüpfen ihrer Sprösslinge Spinnen zum Nest – unabhängig vom jahreszeitlichen Termin des Brutgeschäfts und der vorhandenen Population an Spinnentieren. Um die achtbeinigen Krabbeltiere zu finden, mussten die Vögel dabei meist mehr investieren als in die Suche nach Raupen, der ansonsten präferierten Aufzuchtskost: Die Zahl der Spinnen im Lebensraum der Meisen war stets kleiner als die anderer Beute; außerdem lieferten sie den hungrigen Mäulern weniger Biomasse – ihr Taurin-Gehalt ist jedoch 40 bis 100 Mal höher.

Aus diesem Grund nehmen die erwachsenen Meisen auch die größeren Mühen der Spinnensuche auf sich, denn sie verbessern damit die Stressfähigkeit, Intelligenz und Neugier ihrer Nestlinge, wie die Forscher mit Vergleichstests herausgefunden haben. Dazu fütterten sie eine Reihe von Jungtieren mit zusätzlichem Taurin, während eine Kontrollgruppe nur das bekam, was ihre Eltern einbrachten. Anschließend wurden die kleinen Meisen in Volieren mit neuen Elementen – einem rosafarbenen Plastikfrosch und einer Metallnuss – konfrontiert: Die Taurin gestärkten Tiere zeigten sich dabei durchweg mutiger und näherten sich den fremden Objekten dichter an als ihre weniger versorgten Artgenossen. Zugleich waren sie lernfähiger, wenn Arnolds Team ihnen neue Aufgaben bei der Futtersuche stellte.

Damit scheint das Taurin bei den Meisen den gleichen Zweck zu erfüllen wie bei Säugetieren, bei denen es in der Plazenta und in der Muttermilch in hohen Konzentrationen vorliegt und die Entwicklung wie Funktion des Hirns beeinflusst. Im Gegensatz zu Menschen oder Hunden können es die Vögel jedoch nicht selbst im Körper erzeugen, sondern müssen es zufüttern. Warum es gerade um den fünften Lebenstag des Kükens intensiv verabreicht wird, ist noch unklar. Zu diesem Zeitpunkt öffnen die Küken jedoch ihre Augen, beginnen ihre Umgebung sowie ihre Geschwister wahrzunehmen und fangen an, sich innerhalb des Nests zu bewegen – entsprechend entwickeln sich die verantwortlichen Gehirnareale besonders stark. (dl)

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