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Neuer Dinosaurier: Der »Höllenreiher« aus der Sahara

Spinosaurus mirabilis heißt die neu entdeckte Dinosaurierart, die aus dem Wüstensand der Sahara geborgen wurde. Der riesige Fleischfresser mit seiner krokodilartigen Schnauze war vermutlich der Schrecken aller Süßwasserbewohner.
Eine Person steht hinter einem großen Dinosaurierschädel, der auf einem Tisch liegt. Der Schädel hat lange, scharfe Zähne und eine markante, gebogene Schnauze. Die Person hält den Schädel mit beiden Händen und blickt in die Kamera. Der Hintergrund ist dunkel, wodurch der Schädel und die Person hervorgehoben werden.
Der Paläontologe Paul Sereno präsentiert die Rekonstruktion seines Fundes.

In der Sahara hat ein internationales Team die Überreste eines bislang unbekannten Dinosauriers entdeckt. Es handelt sich um eine neue Art der Gattung Spinosaurus, die zu den größten fleischfressenden Sauriern zählte und mit einer Länge von schätzungsweise 10 bis 14 Metern in der gleichen Liga wie Tyrannosaurus spielte.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um den Paläontologen Paul Sereno von der University of Chicago tauften ihren Fund auf den Namen Spinosaurus mirabilis, was so viel bedeutet wie »Wunderbare Dornenechse«. Namensgebend für die Spinosaurier sind die stark verlängerten Dornfortsätze der Rückenwirbel. Besonders auffällig bei der neuen Spezies ist der krummsäbelartig gebogene, bis zu 50 Zentimeter lange Kamm auf dem Schädel des Tiers.

Seit der Erstbeschreibung der Gattung Spinosaurus durch den deutschen Paläontologen Ernst Stromer von Reichenbach (1871–1952) im Jahr 1915 gibt diese Sauriergruppe Rätsel auf. Die krokodilartige lange Schnauze mit den scharfen Zähnen lässt vermuten, dass sich die Spinosaurier hauptsächlich von Fisch ernährten. Ob sie jedoch ihrer Beute von Land aus oder unter Wasser tauchend nachstellten, blieb bislang umstritten.

Die Funktion der Dornfortsätze ist ebenfalls unklar. Manche Forscher spekulieren, dass sich zwischen den stachelartig verlängerten Rückenwirbeln Haut spannte, die als eine Art Sonnensegel der Thermoregulation diente. Andere Wissenschaftler vermuten dagegen, die Tiere hätten ihr Rückensegel zum Imponieren und Balzen eingesetzt. Weiterhin wird diskutiert, ob Spinosaurus das Gebilde wie eine Rückenflosse zur Stabilisierung bei der Unterwasserjagd einsetzte.

Fundort | Aus dem Wüstensand der Sahara im heutigen Niger bergen die Paläontologen die Überreste eines riesigen Dinosauriers.

Die bisherigen Funde dieser Sauriergattung stammten hauptsächlich aus Küstensedimenten, was für eine aquatische oder semiaquatische Lebensweise spricht. Der Fundort der jetzt entdeckten, etwa 95 Millionen Jahre alten Fossilien von Spinosaurus mirabilis liegt allerdings mitten in der Sahara im heutigen Niger – die Spezies lebte somit bis zu 1000 Kilometer landeinwärts jenseits des damaligen Tethysmeers.

Weit abgelegen

Erste Hinweise auf die abgelegene Region Sirig Taghat (etwa »kein Wasser, keine Ziege« in der Sprache der einheimischen Tuareg) als Fossilienlagerstätte tauchten in den 1950er-Jahren auf, als eine französische Expedition einen einzelnen säbelförmigen versteinerten Zahn entdeckte. Knapp 70 Jahre später, 2019, grub das Team um Paul Sereno einen Schädelkamm aus, den die Wissenschaftler jedoch zunächst nicht deuten konnten. Erst bei einer weiteren Grabungskampagne 2022 wurde ihnen bewusst, dass sie auf einen unbekannten Spinosaurier gestoßen waren. Im Labor gelang es den Forschern schließlich, aus den Zähnen und Knochen ein dreidimensionales digitales Schädelmodell zu erstellen.

Spinosaurier auf der Jagd

Die anatomischen Merkmale der Skelettüberreste verglichen die Wissenschaftler mit denen heutiger Fischjäger wie Krokodile oder Pinguine. Demnach könnte Spinosaurus mirabilis mit seinen langen Beinen durch Flüsse gewatet sein, um dann blitzschnell mit seiner Schnauze zuzuschlagen. »Ich stelle mir diesen Dinosaurier als eine Art ›Höllenreiher‹ vor«, beschreibt Sereno treffend seinen Fund.

Rekonstruktion | So könnte Spinosaurus mirabilis vor 95 Millionen Jahren ausgesehen haben.

Laut Sereno und seinen Kollegen steht Spinosaurus mirabilis am Ende einer dreistufigen Evolutionsphase der Spinosaurier: In einer ersten Phase während der erdgeschichtlichen Periode des Juras hätten sich die langen Schädel entwickelt, mit denen die Tiere auf Fischfang gingen. Während der frühen Kreidezeit breiteten sich dann diese Dinosaurier entlang der Küste der Tethys aus. In der dritten Phase spezialisierten sich schließlich Arten wie Spinosaurus mirabilis als riesige Raubtiere auf seichte Gewässer im Landesinneren, bevor sie schließlich gegen Ende der Oberkreide vor 95 Millionen Jahren vermutlich wegen Anstiegs des Meeresspiegels und Klimaveränderungen ausstarben.

Die neu entdeckte Spezies Spinosaurus mirabilis ähnelt anatomisch – mit Ausnahme des Schädelkamms – der von Ernst Stromer von Reichenbach beschriebenen Art Spinosaurus aegyptiacus. Das in Ägypten gefundene und in München aufbewahrte Typusexemplar der Gattung ging 1944 während des Zweiten Weltkriegs durch einen Luftangriff verloren.

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