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Klimawandel in der Arktis: Eisbären auf Spitzbergen trotzen dem schwindenden Meereis

Die jährlich eisfreie Zeit in der Barentssee hat sich seit den 1980er‑Jahren dramatisch verlängert. Doch die schlechte Prognose für die dort lebenden Polarbären hat sich bisher nicht bestätigt. Eine Langzeitstudie zeigt: Der körperliche Zustand der Tiere ist gut, seit der Jahrtausendwende sogar besser. Haben sich die Tiere bereits angepasst?
Drei junge Eisbären kuscheln sich auf einer schneebedeckten Fläche aneinander und an die Mutter. Ihr weißes Fell hebt sich deutlich vom Schnee ab. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit in der kalten Umgebung.
Eine gute Nachricht: Die Eisbärenpopulation von Spitzbergen in der westlichen Barentssee ist stabil geblieben.

Rund um die norwegische Inselgruppe Spitzbergen (Svalbard) schlägt sich eine Polarbärenpopulation trotz deutlichen Rückgangs an Meereis überraschend gut, wie eine in »Scientific Reports« veröffentlichte Studie zeigt. Die Tiere sind gesund und vermehren sich. Was ist das Geheimnis der Unbeugsamen von Spitzbergen?

Die Barentssee‑Region verzeichnet seit den 1980er-Jahren einen zusehends schnelleren Temperaturanstieg; zwischen 2001 und 2020 betrug die Erwärmungsrate mancherorts bis zu 2,7 Grad Celsius pro Dekade. Das Meereis geht hier ganz besonders stark zurück, was Polarbären (Ursus maritimus) eigentlich vor gravierende Probleme stellen müsste. Genau das wurde bei Populationen in anderen Polarregionen bereits mehrfach beobachtet. Denn die Bären jagen ihr Hauptbeutetier, die Ringelrobbe (Pusa hispida), auf dem Eis. Tatsächlich folgen die meisten Tiere in der westlichen Barentssee dem Meereis, wenn es sich im Frühjahr zurückzieht. Unter hohem Energieverbrauch wandern manche von ihnen Hunderte Kilometer weit.

Mehr als 1000-mal einen Eisbären betäubt

2004 wurde die Eisbärenpopulation der Barentssee auf etwa 2650 Tiere geschätzt. Warum sie bisher nicht geschrumpft ist, hat nun ein sechsköpfiges Team um Jon Aars vom Norwegischen Polarinstitut in einer Langzeitstudie untersucht. Zwischen 1992 und 2019 beförderten Forscher rund 1200-mal mit Betäubungsspritzen ein Tier in den Dämmerschlaf. So konnten sie von 770 erwachsenen Eisbären verschiedene Gesundheitsdaten sammeln. Dazu zählten der Fortpflanzungsstatus der Weibchen sowie der sogenannte Body Condition Index (BCI) – ein Indikator für Fettreserven und damit für die körperliche Verfassung. Die Ergebnisse setzte die Forschungsgruppe dann mit der Anzahl eisfreier Tage in der Barentssee in Beziehung. 

Mundinspektion | Während der Betäubung erfasste das Forschungsteam zahlreiche Gesundheitsparameter des Raubtiers. Bei erwachsenen Tieren kann zur Altersbestimmung ein kleiner (rudimentärer) Zahn gezogen werden.

Die eisfreie Phase pro Jahr verlängerte sich im Lauf der beobachteten 27 Jahre erschreckenderweise um mehr als drei Monate. Doch anders als erwartet nahm der BCI der Tiere bis zum Jahr 2000 zwar ab, stieg danach aber wieder an. Die Fettreserven erhöhten sich also ausgerechnet in den Jahren, in denen die Meereisbedeckung besonders stark zurückging. Dank des guten Körperstatus hat sich die Population in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich sogar etwas vergrößert.

Mehr Beutetiere auf dem eisfreien Land

Grund dafür könnte laut den Forschern eine Zunahme alternativer Beutetiere auf dem Land sein – etwa Rentiere (Rangifer tarandus) und Walrosse (Odobenus rosmarus). Beide seien früher von Menschen stärker bejagt worden als nach der Jahrtausendwende. Teilweise verbringen die Eisbären außerdem inzwischen mehr Zeit auf eisfreiem Land und plündern beispielsweise im Westen der Inselgruppe gerne Vogelnester. Vielleicht führt der Verlust von Meereis auch dazu, so eine These, dass sich Ringelrobben auf kleiner werdenden Eisflächen konzentrieren und dadurch leichter zu erbeuten sind.

Die Autoren befürchten jedoch, dass bei weiterer Klimaerwärmung und fortschreitendem Rückgang des Meereises die Spitzbergen‑Population langfristig ebenfalls kleiner werden könnte. Wenn sich die Jagdzeit für nahrhafte Robben noch weiter verkürzt und die Polarbären immer größere Strecken zu den eisigen Jagdgebieten wandern müssen, werden vermutlich auch die Unbeugsamen von Spitzbergen nicht standhalten.

  • Quellen
Aars, J. et al., Scientific Reports 10.1038/s41598–025–33227–9, 2026

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