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Biokriminalität: Spitzen, Spritzen und Mikroben

Es gibt sie: den Arzt, der seiner früheren Geliebten eine HIV-positive Blutprobe injiziert. Oder die Laborantin, die ihren Mitarbeitern Muffins anbietet - "garniert" mit Durchfallerregern. Biokriminalität stellt Mediziner und Mikrobiologen vor neue Herausforderungen.
<i>Bacillus anthracis</i>
Als zwölf Laborangestellte des St. Paul Medical Center im texanischen Dallas im Oktober 1996 nach dem Verzehr von  Blaubeermuffins erkrankten, fiel der Verdacht sofort auf Diane Thompson. Die 25-Jährige arbeitete im selben Labor des Krankenhauses und hatte Zugang zu Bakterien, die schwere Durchfallerkrankungen verursachen: Shigella dysenteriae. Geschehnisse in der jüngsten Vergangenheit der Laborantin ließen die polizeilichen Ermittler hellhörig werden. Ein Jahr zuvor war der ehemalige Freund von Diane Thompson mehrfach wegen schwerer Durchfälle im Krankenhaus behandelt worden. Wie sich später herausstellte, hatte die Laborantin dem Mann, der die Beziehung zu ihr abbrechen wollte, absichtlich verunreinigte Getränke oder Nudelgerichte serviert. Nach der polizeilichen Untersuchung wurde die junge Frau im August1997 vor einem texanischen Gericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Straftaten, bei denen an Stelle der klassischen Tatwaffen ein Krankheitserreger oder ein Toxin eingesetzt wird, um Menschen zu schädigen, sind glücklicherweise sehr selten. Georg Pauli, dem Leiter des Zentrums Biologische Sicherheit am Robert-Koch-Institut in Berlin, ist in den letzten Jahren in Deutschland kein einziger derartiger Fall untergekommen. "Weltweit sind in den letzen Jahren nur wenige Fälle bekannt geworden", sagt der Berliner Virologe. Und auch in den Statistiken des Bundeskriminalamtes gab es bis auf vereinzelte Vorkommnisse, bei denen mit Krankheitserregern gedroht wurde, erfreulicherweise keine echten Fälle von Biokriminalität.

Bond lässt grüßen

In den USA dagegen ist man nach den Anthrax-Anschlägen von 2001 sensibilisiert.
"Weltweit sind in den letzen Jahren nur wenige Fälle bekannt geworden"
(Georg Pauli)
Nach einer Studie von W. Seth Carus von der National Defense University in Washington gab es seit 1900 weltweit 180 dokumentierte Straftaten, bei denen biologische Agenzien illegal eingesetzt wurden. 27 dieser Verbrechen hatten einen terroristischen Hintergrund, 66 wurden von Einzeltätern mit persönlichen Motiven begangen. In den letzten Jahren wurden laut der Statistik von Carus (aktualisiert im Februar 2001) weltweit mehr Bioverbrechen erfasst als in den Jahren zuvor. Waren es von 1980 bis 1989 lediglich neun, wurden zwischen 1990 und 1999 bereits 153 solcher Straftaten dokumentiert.

Manche dieser Straftaten erzeugten eine große öffentliche Aufmerksamkeit. Etwa der Fall des Bulgaren Georgi Markov, der im September 1978 in London an einer Bushaltestelle plötzlich von einem fremden Mann mit der Spitze eines Regenschirms in den Oberschenkel gestochen wurde. Vier Tage später starb der bulgarische Exilant in einem Londoner Krankenhaus, vergiftet mit Ricin, das der Unbekannte ihm in den Körper gejagt hatte.

Im Rahmen des "Biodefence"-Programms wird in den USA eine recht junge wissenschaftliche Disziplin finanziell stark gefördert, um gerichtlich verwertbares Beweismaterial für den illegalen Gebrauch biologischer Agenzien in die Hände zu bekommen: die forensische Mikrobiologie. Dabei werden die klassischen Methoden zur Identifizierung von Mikroorganismen oder Toxinen eingesetzt, wie etwa die Sequenzierung, Anzucht in Zellkultur, Biochemie, Elektronenmikroskopie oder Massenspektroskopie.

Neue Aufgabe für Ärzte: Spurensicherung

Diese Untersuchungen erfordern die gleichen Materialien, wie der Arzt sie sonst auch für die Diagnose einer Erkrankung einsetzen würde. "Die Analysen jedoch gehen weit über das hinaus, was sonst für medizinische Diagnosen oder epidemiologische Untersuchungen erforderlich ist", sagt Steven Schutzer, Arzt und Wissenschaftler an der New Jersey Medical School in den USA. Das Material muss sehr rasch untersucht und die Proben so stabilisiert und aufbewahrt werden, dass auch später noch darauf zugegriffen werden kann.

"Die Analysen gehen weit über das hinaus, was sonst für medizinische Diagnosen oder epidemiologische Untersuchungen erforderlich ist"
(Steven Schutzer)
Außerdem müsse die forensische Mikrobiologie auch Ärzten vertraut gemacht werden, die potenzielle Opfer behandeln. "Gerade Ärzte müssen sich dessen bewusst sein, dass Patienten Opfer eines Verbrechens sein können, das mit einer Biowaffe begangen worden ist", erklärt er. Bei einem Verdacht muss einerseits dem Patienten geholfen werden, andererseits aber auch Beweismaterial gesichert werden. Ärzte seien hier in einer Schlüsselposition. Er fordert, dass sie ähnlich wie bei Sexualdelikten mit Spurensicherungssets ausgestattet werden, die zur effektiven Gewinnung von Beweismaterial dienen.

Schutzer rät Ärzten auch, bereits bei einem Verdacht
Gerade Ärzte müssen sich dessen bewusst sein, dass Patienten Opfer eines Verbrechens sein können, das mit einer Biowaffe begangen worden ist"
(Steven Schutzer)
auf unerlaubten Einsatz eines biologischen Agens die zuständigen Behörden zu informieren und nicht erst bei der Bestätigung durch das Untersuchungslabor. Außerdem müssen die behandelnden Mediziner darauf dringen, dass das Probenmaterial aufbewahrt und potenzielles Beweismaterial nicht in den Mülleimern der Labore verschwindet.

Ertappt!

Wie wichtig eine sorgsame und schnelle Sicherung von Beweismaterial ist, zeigt der Fall des Gastroenterologen Richard Schmidt in Louisiana, der zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er seiner ehemaligen Geliebten Janice Trahan 1994 absichtlich eine Spritze mit HIV-verseuchtem Patientenblut injiziert hatte. Die Frau infizierte sich durch diese Attacke mit dem gefährlichen Virus.

Im Büro des verdächtigten Arztes fanden die Ermittler eine Ampulle mit Blut, das mit HIV kontaminiert war. Die Herausforderung für die forensische Mikrobiologie war es nun zu beweisen, dass die Viren in der verdächtigen Probe mit denen im Blut der erkrankten Janice Trahan übereinstimmten. Schnelligkeit war vonnöten, da sich das Erbgut der RNA-Viren rasch wandelt. Die genetische Untersuchung offenbarte jedoch eindeutig, dass die Virus-RNA im Blut des Opfers stärker mit den HIV-Varianten übereinstimmten, die im Büro des Verdächtigten gefunden worden waren, als mit Virusisolaten von anderen Patienten in der Gegend. Da Janice Trahan vor dem Vorfall nachweislich HIV-negativ war, konnte der Gastroenterologe, der seiner Freundin die Spritze unter dem Vorwand verabreicht hatte, es sei eine Vitamin B-12-Injektion, verurteilt werden.

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