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Kommunikationsverhalten: Stirbt das gesprochene Wort aus?

Die Menschen reden immer weniger miteinander: Mit jedem Jahr schrumpfen unsere Alltagsgespräche um zwei Prozent. Auf der Suche nach den verlorenen Wörtern.
Zwei Personen sitzen sich in einem Café gegenüber und schauen auf ihre Smartphones. Auf dem Tisch stehen zwei leere Tassen. Die Szene vermittelt den Eindruck von moderner Kommunikation und Technologie im Alltag. Im Hintergrund sind Fenster mit Blick auf eine städtische Umgebung zu sehen.
Mengenmäßig verliert das gesprochene Wort immer mehr an Bedeutung.

Früher war mehr Lametta, sagte einst Loriot als tattriger Opa an Weihnachten. Ein oft zitierter Spruch, manchmal sogar unironisch, obwohl lamettalose Tannenbäume doch eher beweisen, dass früher eben nicht alles besser war. Feiern kann man mit oder ohne Glitter; ohne Gespräche allerdings wird es schwierig. Und deshalb ist es mehr als eine kuriose Randnotiz, wenn Forschungsdaten zeigen: Früher waren mehr Worte.

Es scheint, als wollten die Autoren, Valeria Pfeifer und Matthias Mehl, ihrer Beobachtung selbst nicht zu viel Gewicht geben. Mit gerade mal rund 1000 Wörtern auf zwei Textseiten erzählen die beiden in der Fachzeitschrift »Perspectives on Psychological Science«, was sie zufällig entdeckten, während sie eigentlich etwas anderes untersuchten. Mehl ist Professor für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie an der University of Arizona, Valeria Pfeifer war seine Mitarbeiterin und ist nun Juniorprofessorin an der University of Missouri in Kansas City. Gemeinsam mit internationalen Kollegen wollten sie einen alten Befund von Mehl aus dem Jahr 2007 überprüfen, dem zufolge Frauen und Männer ungefähr gleich viel reden.

Dazu zogen sie 22 Studien heran, die zu unterschiedlichen Zwecken Audioaufnahmen aus dem Alltag von fast 2200 Personen gesammelt und die täglich gesprochenen Wörter erfasst hatten. Dabei stellte sich heraus, dass die Zahl deutlich abgenommen hatte. 2005 waren es noch circa 16 000 Wörter am Tag, 2019 dagegen knapp 12 800 – etwa 20 Prozent weniger. »Als wir die täglich gesprochenen Wörter über die Jahre betrachteten, fanden wir einen stetigen linearen Rückgang«, berichtet Mehl in einem Interview. Mit jedem Jahr umfasste das verbale Tagespensum im Schnitt 338 Wörter weniger. In der Summe über ein Jahr macht das rund 123 000 Wörter minus.

Im Mittel über die 22 Studien redeten Frauen etwas mehr als Männer – gut 13 000 versus knapp 12 000 Wörter am Tag. Nur bei älteren Erwachsenen war es umgekehrt. Ob der Abwärtstrend das eine Geschlecht mehr betraf als das andere, hat Mehl nicht überprüft. Aber: »Die Gruppe der überdurchschnittlich viel Sprechenden verlor mehr Wörter als die schweigsamere Hälfte.« Außerdem war der Verlust bei den Jüngeren größer als bei Erwachsenen ab 25 Jahren (minus 452 versus 314 Wörter am Tag).

»Als wir die täglich gesprochenen Wörter über die Jahre betrachteten, fanden wir einen stetigen linearen Rückgang«Matthias Mehl, Sozialpsychologe

Warum die Menschen weniger sprechen, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ablesen. Die Hauptverdächtigen: Smartphones und soziale Medien. Die Kommunikation hätte sich demnach nur verlagert – es wird mehr getippt und weniger gesprochen. Aber Textnachrichten sind kein gleichwertiger Ersatz, wie die Forschung zeigt. Mehl erklärt: Gesprochene Worte transportieren oft etwas, was den getippten fehlt, etwa Präsenz, Tonfall, die Unmittelbarkeit eines echten Austauschs. »Solche Live-Konversationen bringen mehr fürs Wohlbefinden, als Apps und soziale Medien ersetzen können.« Kein Wunder also, wenn heute mehr junge Menschen unglücklich sind als früher? Viele Fachleute halten den exzessiven Gebrauch von Smartphones und sozialen Medien zumindest für mitverantwortlich.

Die ausgewerteten Zahlen endeten 2019. Aber Mehl und Pfeifer glauben nicht, dass sich der Trend seitdem umgekehrt hat. Wenn die Gespräche im gleichen Tempo weiter schrumpfen, wäre irgendwann in den 2050er-Jahren Schluss mit Reden. Allerdings stammen die Daten durchweg aus individualistischen westlichen Gesellschaften, überwiegend den USA. In anderen Teilen der Welt könnte es anders aussehen.

Die Suche nach den verlorenen Wörtern

Doch auch andere Fragen sind noch unbeantwortet. Fallen bestimmte Gespräche ganz weg? Reden zum Beispiel Paare heute weniger miteinander als früher, weil beide Partner am Handy hängen? Oder chatten Freunde häufiger, anstatt sich zu treffen oder zu telefonieren? Für eine so detaillierte Auswertung sei die Stichprobe zu klein, bedauert Mehl. Er glaubt aber: »Die fehlenden 338 Wörter stammen nicht aus einem einzigen längeren Gespräch. Sie verteilen sich über die vielen kleinen Momente im Verlauf eines Tages, einen kurzen Wortwechsel an der Kasse, mit Nachbarn oder Fremden.«

Auch solche vermeintlich belanglosen Kontakte tun gut, selbst die Gespräche mit Unbekannten. Sie tragen bei zu jenen sozialen Banden, die derzeit zu schwinden scheinen, wie die zunehmende Einsamkeit unter Jüngeren vermuten lässt. »Die verlorenen Wörter könnten dafür ein subtiles, aber objektiv messbares Anzeichen sein«, sagt der Psychologe.

Für die Kommunikation in Familien ist das bereits belegt. Eine Studie mit 220 australischen Familien ergab 2024: Je weniger die Eltern mit ihren dreijährigen Kindern sprachen, desto länger saßen diese vor Bildschirmen. Aus den Daten lässt sich berechnen, was ein Minus von 338 Wörtern für die Kinder bedeuten würde: rund 50 Minuten mehr Bildschirmzeit. Was Ursache und was Wirkung ist, darüber sagen die Zahlen nichts aus; vielleicht ist der Einfluss wechselseitig. Auch Stress und Zeitmangel seitens der Eltern könnten beides erklären, die kürzeren Gespräche wie die längeren Bildschirmzeiten.

»Die fehlenden 338 Wörter stammen nicht aus einem einzigen längeren Gespräch. Sie verteilen sich über viele kleine Momente«Matthias Mehl, Sozialpsychologe

Klar ist jedoch: Wortarmut in den Familien ist ein Frühwarnzeichen. Zwei Psychologinnen von der Stanford University zeigten anhand von Tonaufnahmen in spanischsprechenden Familien, dass der Wortschatz von Kindern umso größer war, je mehr mit ihnen gesprochen wurde. Dasselbe beobachteten Forscherinnen von der University of Chicago. Dreijährige kannten umso mehr Wörter, je mehr die Eltern und andere Familienmitglieder ein Jahr zuvor mit ihnen gesprochen hatten. Lediglich mitzuhören, wie sich andere unterhielten, trug nicht zum Wortschatz bei.

Wo besagte 338 Wörter fehlen, ob zwischen Eltern und Kind, zwischen Freunden oder Fremden: Das ist unklar. Ebenso, welche Folgen das hat. Es brauche mehr Forschung, um die Veränderungen und ihre Folgen besser zu verstehen, schreiben Mehl und Pfeifer. Und um die verlorenen Worte zurückzuholen: »300 Wörter am Tag, das könnte ein kurzes Gespräch auf dem Flur mit einem Nachbarn oder einem Kollegen sein. Oder aber eine tiefergehende Antwort auf die Frage: Wie war dein Tag?«

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  • Quellen

Brushe, M.E. et al., JAMA Pediatrics 10.1001/jamapediatrics.2023.6790, 2024

Pfeifer, V. A., Mehl, M. R., Perspectives on Psychological Science 17456916261425131, 2026

Tidwell, C. A. et al., Journal of Personality and Social Psychology 10.1037/pspp0000534, 2025

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