Direkt zum Inhalt

Spracherwerb: Deutsch lernen mit Hindernissen

Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sollen Deutsch lernen. Doch bisher herrscht in den Schulen eine »massive Konzeptlosigkeit«. Wie kann das funktionieren?
Schülerinnen und Schüler in der Grundschule

Die jüngeren Kinder kommen auf den ersten Blick schlechter mit der Situation klar. »Ach, ich müsste es doch wissen«, rufen einige von ihnen und schlagen sich an den Kopf – selbst bei »druckfreiem« Unterricht. Das erzählt Ilka Hofmann. Die Sprachförderlehrkraft bringt Schülerinnen und Schülern von der fünften bis zur zehnten Klasse Deutsch bei – neuerdings auch Kindern aus der Ukraine.

Bisher werden laut den Daten der Kultusministerkonferenz rund 121 000 Schülerinnen und Schüler aus dem osteuropäischen Land in Deutschland unterrichtet; insgesamt 400 000 Kinder und Jugendliche werden erwartet. Bei ihnen steht vor allem eines im Fokus: Deutsch lernen. Wie aber kann das gelingen, während bei 25 bis 35 Prozent der ukrainischen Schülerinnen und Schüler mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu rechnen ist, viele Familien überlegen, in ihr Land zurückzukehren, und die Schulen noch mit den Nachwirkungen der Coronapandemie zu kämpfen haben?

Der Weg zum Unterricht

Zunächst geht es neben einer therapeutischen Unterstützung darum, dass die Eltern ihre Kinder überhaupt an den Schulen anmelden. Denn auch positive Erfahrungen in der Schule könnten den Kindern und Jugendlichen helfen, mit dem Erlebten umzugehen. Das geht aus einem Schreiben der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) hervor.

Ilka Hofmann etwa geht mit den Kindern kostenloses Material wie Schulbücher abholen. Die Schülerinnen und Schüler sollen sehen: »Da kümmert sich wer um mich«, erzählt die 50-Jährige. Eine Kollegin würde sogar noch weiter gehen. Sie organisiert auch Fahrräder für die Kinder.

Sicher werden einige Kinder solche Erfahrungen aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht machen können. Wie viele Familien beabsichtigen zurückzugehen oder wie viele Kinder am Onlineunterricht aus der Ukraine teilnehmen, lässt sich anhand der derzeitigen Datenlage nicht sagen. Und auch, wann sie sich an einer deutschen Schule anmelden müssen, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. In Bayern sind die Kinder spätestens nach drei, in Baden-Württemberg sechs Monate nach Zuzug schulpflichtig.

Gemeinsam oder getrennt lernen?

Doch wenn sie aufgenommen wurden – wie lernen die ukrainischen Kinder und Jugendlichen dann die deutsche Sprache? Ilka Hofmann setzt auf spielerisches Arbeiten. Wochentage oder Monate werden etwa durch Lieder gelernt. Auch Memorys können helfen. Die älteren Schülerinnen und Schüler würden aber eher das klassische Lernen mit Schulbüchern bevorzugen.

Hofmann unterrichtet nach dem integrativen Modell: Hierbei werden die Schülerinnen und Schüler in die schon bestehenden Klassen aufgenommen, bekommen jedoch zum Beispiel ein paar Stunden zusätzlichen Sprachunterricht pro Woche. Beim parallelen Modell hingegen lernen die geflüchteten Kinder in Vorbereitungsklassen. Dabei können sie mit anderen Kindern mit Migrationshintergrund Deutsch lernen, aber auch in Mathe, Englisch oder Ukrainisch unterrichtet werden. Beide Modelle werden in Deutschland angewandt. Die Vorbereitungsklassen des parallelen Modells sind laut der Friedrich-Ebert-Stiftung seit 1960 Teil des Schulsystems. Wie schnell die Sprache gelernt wird, würde laut den Forschenden der SWK bei beiden Varianten stark von der Qualität und Quantität des Sprachunterrichts abhängen. Eine Aussage, mit welchem Modell bessere Erfolge erzielt werden »dürfte sich so pauschal kaum beantworten lassen«, heißt es in der Stellungnahme.

Die Soziologieprofessorin Juliane Karakayali von der evangelischen Hochschule Berlin vertritt einen klareren Standpunkt zu den Vorbereitungsklassen: »Was die Kinder sonst alles können – ob sie musikalische Talente sind oder gute Fußballpartner –, das spielt kaum eine Rolle.« Sie würden nur danach getrennt werden, ob sie die Sprache können oder nicht.

Karakayali hat sich unter anderem den Spracherwerb in den Vorbereitungsklassen angeschaut: Im Jahr 2016 untersuchte sie innerhalb einer Studie mit Kolleginnen und Kollegen des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin insgesamt 18 »Willkommensklassen« an Berliner Grundschulen. Außerdem führte sie im Jahr 2020 zusammen mit einer Kollegin Interviews mit Lehrenden und Schulleitungen von vier Grundschulen durch, die einem integrativen Modell folgten. Die Studien beleuchten die untersuchten Schulen im Detail, sind aber nicht repräsentativ. Die Ergebnisse fassten die Forscherinnen in einer Analyse für den Mediendienst Integration zusammen. Es gebe immer noch »keine verbindlichen Vorgaben«, welche sprachlichen Grundlagen die Kinder in den Vorbereitungsklassen lernen sollten, schreiben die Expertinnen. Manche Lehrkräfte setzten auf mündliche Alltagskommunikation, andere auf Fachvokabular. Karakayali erzählt, es herrsche eine »massive Konzeptlosigkeit«, was die Aufnahme der neu zugewanderten Kinder an den Schulen anbelangt. Eine Situation wie in den 1960er und 1970er Jahren müsse verhindert werden: Als immer mehr Menschen vor allem aus der Türkei kamen, wurden so genannte Ausländerregelklassen eingeführt. Auch damals sei nicht klar gewesen, was gelehrt wird, erläutert Karakayali. Viele Schülerinnen und Schüler erhielten keinen Abschluss.

Mittlerweile schlägt die SWK vor, von den Vorbereitungsklassen abzukommen – zumindest in der Grundschule und in den unteren Jahrgangsstufen im Sekundarbereich. Die Kinder sollen möglichst bald integriert sein, die deutsche Sprache lernen und am Fachunterricht teilnehmen. Auch die Kultusministerkonferenz vertritt diesen Standpunkt: Laut einem aktuellen Schreiben würde der Erwerb der deutschen Sprache unter anderem durch »die baldige Integration in den Fachunterricht ermöglicht«.

Nach welchem Modell die Kinder lernen, sollte aber nicht der einzige entscheidende Faktor beim Deutschlernen sein. 2021 schreibt der Bildungsjournalist Anant Agarwala in einer Sonderausgabe seines Buches »Das Integrationsexperiment«, dass die Vermittlung der deutschen Sprache vor allem in die Vorbereitungsklassen ausgelagert worden sei – »danach muss es eben laufen«. Somit würden sich die Rückstände der geflüchteten Kinder von Jahr zu Jahr vergrößern. Die SWK schreibt hierzu ebenfalls, dass die Sprachförderung über mehrere Jahre erfolgen muss.

Aber auch außerschulisches Lernen ist laut Fachleuten enorm wichtig – zum Beispiel durch Freundschaften. Für Karakayali seien besonders »die Modelle effizient, in denen die Schüler und Schülerinnen möglichst viel sprechen«, sagt die Professorin: »Das kennen wir vielleicht ja selbst: Im Urlaub lernen wir die Sprache schneller, als wenn wir in einem Kurs der Volkshochschule sitzen.« Ein gemeinsames Lernen kann zusammen in der Schule, auf dem Spielplatz oder auch im Kindergarten geschehen. Ilka Hofmann empfiehlt all ihren Schülerinnen und Schülern außerhalb des Unterrichts so viel wie möglich deutsch zu sprechen und zu hören – sich zum Beispiel beim Fußballverein oder bei der Tanzgruppe anzumelden oder deutsches Fernsehen anzuschauen.

Mehr Anerkennung für Zweitsprachen

Zurzeit stellen einige Bundesländer zusätzliche Gelder bereit, Schulen rekrutieren ukrainische Lehrkräfte, die Kinder und Jugendlichen starten mit dem Unterricht. Laut Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, steht den Schulen aber noch das Größte bevor. »Durch den Lehrkräftemangel und die Coronapandemie haben wir sowieso schon eine angespannte Situation«, sagt Bensinger-Stolze, »jetzt kommt eine weitere Krise hinzu«. Es brauche nun vor allem zusätzliches Lehrpersonal und Unterstützung.

»Die Schule muss sich mehr an die Migrationsgesellschaft anpassen«
Juliane Karakayali, Professorin für Soziologie an der evangelischen Hochschule Berlin)

Für die Soziologin Karakayali sind auch langfristige Überlegungen entscheidend, nicht nur ukrainische Kinder betreffend: »Ich finde es erstaunlich, dass man so tut, als ob die Schule ein Ort wäre, an dem alle mit denselben Deutschkenntnissen ankommen.« Laut einer Pisa-Studie von 2018 ist der Unterschied zwischen Schülerinnen und Schülern mit »günstigem« und »ungünstigem« Hintergrund in Deutschland beträchtlich. Ein Kind, dessen Eltern zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte sind, wird vielleicht schneller lesen lernen als eines, dessen Eltern von Hartz 4 leben. Während die Ungleichheit in Deutschland wächst, haben andere Länder längst Hilfsmodelle erprobt: In Finnland etwa können einige Schülerinnen und Schüler mit Extrastunden unterstützt werden.

Laut Karakayali müssten zudem Zweitsprachen wie Ukrainisch mehr Anerkennung finden. Das kann gelingen, indem sie auch im Abitur geprüft werden können: »Die Schule muss sich mehr an die Migrationsgesellschaft anpassen.« Nicht umgekehrt. Die Frage ist also nicht nur, wie gut die ukrainischen Schüler Deutsch lernen, sondern, wie sehr sie auch auf ihre bisherigen Sprachen aufbauen und sie als Stärke nutzen können. Beides wird das deutsche Schulsystem vor Herausforderungen stellen.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte