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Humanevolution: Sprachgen ist gar nicht so typisch menschlich

Das berühmte Sprachgen FOXP2 soll im Menschen angeblich eine Turbo-Evolution hingelegt haben, meinten Forscher nach früheren Studien. Stimmt aber gar nicht.
Sprechen

Das in Lehrbüchern als Sprachgen des Menschen bezeichnete FOXP2 hat sich im Lauf unserer Evolution doch gar nicht besonders auffällig oder schnell verändert, wie eine neue Studie zeigt. Anders als lange gedacht, ist es demnach offenbar kein klares Paradebeispiel für ein einzelnes Gen, das dem Menschen typische menschliche Eigenschaften verleiht; in diesem Fall die Fähigkeit, sprechen zu lernen. FOXP2 bleibt damit zwar der prominenteste Vertreter einer ganzen Genfamilie, deren Veränderungen mit tief greifenden Sprech- und Sprachstörungen einhergehen – ein für die Geschichte des Menschen besonders entscheidendes Gen ist es aber wohl nicht, meinen Populationsgenetiker um Elizabeth Atkinson vom MIT nun in einer neuen Studie im Fachblatt »Cell«.

Die Analyse des Teams deutet darauf hin, dass sich FOXP2 zumindest in der jüngeren Geschichte des Homo sapiens nicht drastisch verändert hat. Das hatten frühere Befunde noch nahegelegt und damit für die Berühmtheit des Gens gesorgt: Angeblich hätte sich die in der Genregion aufgetretene besonders vorteilhafte Mutation in den letzten 200 000 Jahren ungemein rasch in einer Population verbreitet. Zudem hatte sich zuerst angedeutet, dass der Mensch als einziger Primat zwei FOXP2-Mutationen trägt. Nach diesen Befunden lag die Hypothese nahe, dass das Gen die einzigartige menschliche Eigenschaft zu sprechen kodiert und seine rasche Evolution stark zur Entwicklung unserer Art beigetragen hat. Allerdings hatte sich aber bereits 2004 gezeigt, dass auch die Neandertaler schon die gleichen Mutationen trugen – und die typische Veränderung von FOXP2 somit mehr als eine halben Million Jahre alt ist.

Die jetzt veröffentlichte Studie wiederholte nun die ältere Untersuchung, die die verdächtig schnelle Verbreitung der Genvariante nachgewiesen haben wollte. Damals hatten die Forscher allerdings nur Zugang zum Genom von 20 Personen, die meist aus Europa und Asien stammten – und Atkinsons Team verglich nun das Erbgut von deutlich mehr Personen aus unterschiedlichsten Regionen der Welt. Dabei stellte sich heraus, dass es offensichtlich doch keine besonders rasche Selektion einer bestimmten Variante des Sprachgens gegeben hat – die älteren Befunde sind wohl auf statistische Verzerrungen zurückzuführen, die aus der zu kleinen Datenbasis resultieren.

Die neuen Befunde ändern nichts an der Tatsache, dass FOXP2 ein wichtiges Gen für die Sprachfähigkeit ist: Mutationen in FOXP2 verursachen beim Menschen Sprachstörungen, und bei Mäusen ist das Gen wichtig für die Stimmbildung und bestimmte Lernprozesse – beides Funktionen, die für die menschliche Sprache entscheidend sind.

32/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32/2018

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