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Franklin-Expedition : Spurensuche unter arktischem Eis

Auch 170 Jahre nach ihrem Verschwinden beschäftigt die Arktisexpedition von John Franklin die Wissenschaft. Trotz meterdickem Meereis wollen kanadische Taucher im April mit der Erforschung des wiedergefundenen Franklin-Schiffs "Erebus" beginnen.
Wrack der MS Erebus im Sonar

April 1848: Für die rund 100 Überlebenden der Arktisexpedition von Admiral John Franklin beginnt der letzte Akt einer langen, bitteren Tragödie. Seit anderthalb Jahren sind ihre Schiffe, die "HMS Erebus" und die "HMS Terror", eingefroren im Packeis vor der Nordküste Kanadas. Die Versorgungslage ist katastrophal, keine Aussicht auf Rettung aus der lebensfeindlichen Einöde. Dutzende Männer sind den Strapazen des arktischen Winters schon erlegen, unter ihnen auch Franklin selbst, der charismatische Anführer der Expedition.

In ihrer Verzweiflung fassen die Überlebenden einen heroischen Entschluss: Zu Fuß wollen sie sich nach Süden durchschlagen, wollen sie Rettungsboote über das Eis bis zu einer fernen Flussmündung schleifen, um dann durch eine Fahrt flussaufwärts bewohntes Gebiet zu erreichen. Eine kaum zu bewältigende Herausforderung schon für ausgeruhte, kräftige Männer – für die abgezehrten, von Skorbut geschwächten Expeditionsteilnehmer wird es ein Gang in den Tod.

John Franklin
John Franklin | war ein britischer Konteradmiral und Polarforscher. Berühmtheit erlangte er vor allem durch seine letzte Expedition in die Arktis, während der er im Jahr 1847 verstarb. Auf dieser Reise verschwanden die beiden beteiligten Schiffe "Erebus" und "Terror" im Eis – nun sollen sie wieder gefunden werden.

April 2015: Rund 170 Jahre später hat der Winter im Norden Kanadas kaum etwas von seiner eisigen Kraft verloren. Doch für die Männer, die sich anschicken, den Spuren von Franklin und seinen Männern nachzuspüren, bedeuten die extremen Temperaturen vor allem eines: gute Arbeitsbedingungen. Durch meterdickes Meereis wollen sie sich einen Weg zum Wrack der "Erebus" bohren, das im Herbst 2014 auf dem Grund des Queen Maud Gulf entdeckt worden ist, mehr als 100 Kilometer entfernt von der Stelle, an der das Schiff einst von seiner Mannschaft verlassen wurde.

Wo liegt die "Terror"?

"Wir erwarten eine etwa zwei Meter dicke Eisschicht, die wir durchbohren müssen, um unsere Tauchgänge durchführen zu können", so Stephan Julien von der Royal Canadian Navy bei der Vorstellung des Projekts Anfang März 2015. Mit ihren speziell für den Einsatz in arktischen Gewässern geschulten Eistauchern unterstützt die kanadische Marine die Arbeit von Parks Canada, der Behörde, die für die Erforschung der "Erebus" und die Suche nach ihrem immer noch verschollenen Schwesterschiff "Terror" verantwortlich ist.

Die Entdeckung der "Erebus" im September 2014 war die Krönung einer jahrelangen Suche, ein spektakulärer Fund, der rund um die Welt für Schlagzeilen sorgte. Doch die sich rasch verschlechternden Witterungsbedingungen im beginnenden arktischen Winter gestatteten den Forschern von Parks Canada seinerzeit nur einige kurze Tauchgänge zu dem erstaunlich gut erhaltenen Wrack. "Uns blieb nur wenig Zeit an der Fundstelle", so Marc-Andre Bernier, der leitende Unterwasserarchäologe von Parks Canada.

Dass die Wracktaucher nun ausgerechnet zur Zeit der größten Meereisausdehnung zur "Erebus" zurückkehren wollen, wirkt nur auf den ersten Blick überraschend. Tatsächlich rechnen die Arktisexperten im April 2015 mit wesentlich stabileren Bedingungen für die Arbeit am Wrack. "Wir haben uns für den April entschieden, weil wir dann mit der größten Eisdicke rechnen können", so Stephan Julien. Dickeres Eis erfordert zwar mehr Bohrarbeit, dafür lässt sich auf dem massiven Eispanzer leichter ein Camp mit umfangreicher technischer Ausstattung und jeder Menge Versorgungsgütern errichten. Zudem ist das Wasser unter einer dicken Eisdecke ruhiger. Für die Taucher bedeutet das bessere Chancen, am Wrack auf mögliche Relikte der Franklin-Expedition zu stoßen.

Schiffe der Arktismission
Schiffe der Arktismission | John Franklin befehligte die beiden Schiffe mit den schönen Namen "HMS Terror" und "HMS Erebus" auf seiner letzten Exkursion in die Arktis. Beide Schiffe wurden vom Meereis eingeschlossen und gelten seit 1848 als verschollen.

Drehorgel an Bord

Immerhin waren "Erebus" und "Terror" im Jahr 1845 bei ihrem Aufbruch von England mit allem ausgerüstet, was nach damaligem Verständnis für eine Expedition dieser Art als notwendig erachtet wurde – von der Konservendose bis zur Dampfmaschine, von der Drehorgel bis zur Schiffsbibliothek mit mehr als 2000 Büchern, die den Männern über die lange Zeit der arktischen Einsamkeit hinweghelfen sollte. Dass Franklins Suche nach der legendären Nordwestpassage trotz solcher Vorbereitung letztlich tragisch endete, lag vor allem an den extremen klimatischen Bedingungen jener Jahre. Ungewöhnlich dichtes Packeis schloss die Schiffe im Herbst 1846 vor der Nordwestküste der King-William-Insel ein, der folgende Sommer war nicht warm genug, um "Erebus" und "Terror" wieder freikommen zu lassen. Nach der insgesamt dritten Überwinterung in der Arktis sahen die Überlebenden keine andere Wahl, als die Schiffe aufzugeben und zu Fuß nach Rettung zu suchen.

Gewissheit über das tragische Ende der Franklin-Expedition erhielt die Welt erst 1859, als der englische Kapitän Francis Leopold McClintock unter einem Steinhaufen auf der King-William-Insel eine Nachricht entdeckte, in der Francis Crozier, nach Franklin der ranghöchste Offizier der Expedition, das Verlassen der Schiffe ankündigte. Sie enthielt auch das genaue Todesdatum von John Franklin, der schon am 11. Juni 1847 gestorben war, sowie die Ankündigung des Fußmarsches nach Süden.

Für die heutigen Forscher stellt sich die Frage, ob dieser Marsch tatsächlich das letzte Kapitel der Franklin-Expedition war. Zwar entdeckten McClintocks Suchmannschaften 1859 neben einem Beiboot und verschiedenen Ausrüstungsgegenständen auch die sterblichen Überreste mehrerer Expeditionsteilnehmer, die ganz offenbar auf dem Marsch umgekommen waren. Doch da der Bug des gefundenen Boots in Richtung der verlassenen Schiffe wies, stand schnell die Frage im Raum, ob zumindest ein Teil der Marschierer versucht hatte, in die relative Sicherheit der Schiffe zurückzukehren.

Eine Theorie, die durch den Fundort der "Erebus" Auftrieb erhalten könnte, liegt das Schiff doch mehr als 100 Kilometer von der Stelle entfernt, an der es mutmaßlich aufgegeben wurde. "Eine der wichtigsten Fragen ist für uns: Wie kam das Schiff dorthin?", so Marc-Andre Bernier. Er und seine Forschungskollegen stützen sich bei ihrer Arbeit unter anderem auf mündliche Überlieferungen der in der Region lebenden Inuit. Überlieferungen, die auch von Männern an Bord des Schiffs berichten, als es vor beinahe 170 Jahren seinen heutigen Lageplatz erreichte.

Gräber in der Arktis
Gräber in der Arktis | Gräber der John-Franklin-Expedition aus dem Jahr 1845 auf der Beechey-Insel – Blick über die Erebus and Terror Bay auf Devon Island.

Höchste Weihen

Gingen seinerzeit nicht alle Männer von Bord? Oder kehrten einige zurück, um in einer letzten Kraftanstrengung das doch noch freigekommene Schiffe nach Süden zu steuern? Und wurde die "Erebus" schließlich ein zweites Mal verlassen? Antworten auf solche Fragen könnten sich an Bord des Wracks finden lassen. Doch die Suche nach Relikten der verschollenen Expedition steht nicht an erster Stelle der Tauchoperationen im April 2015. Wichtiger ist den Experten zunächst einmal, Lage und Beschaffenheit des Schiffs genau zu erfassen. Mit Lasertechnologie wollen die Forscher das Wrack exakt vermessen und seinen aktuellen Zustand mit Fotos und Videos dokumentieren. "Es ist in etwa so, als wären wir Kriminaltechniker, die einen Tatort aus ferner Vergangenheit untersuchen", so Bernier.

Dass die Forscher Unterstützung durch die kanadische Marine erhalten, verdanken sie nicht etwa der archäologischen Begeisterung irgendeines Konteradmirals. Für Kanada ist die Suche nach den Schiffen der Franklin-Expedition eine nationale Aufgabe. Nichts unterstreicht das besser als die Tatsache, dass die erste Pressemitteilung zu den anstehenden Tauchgängen nicht etwa von der zuständigen Behörde Parks Canada stammte, sondern von allerhöchster politischer Stelle – aus dem Büro des kanadischen Premierministers. "Meine besten Wünsche begleiten alle, die an den winterlichen Tauchgängen in der Arktis beteiligt sind, durch die wir mehr über das Schicksal der 'HMS Erebus' erfahren werden", ließ sich Premierminister Stephen Harper zitieren.

Mit der Bewältigung komplexer wissenschaftlicher und technischer Herausforderungen unter den extremen Bedingungen der Arktis möchte Kanada seine territorialen Rechte in der Region untermauern. Seit Jahren schon überhäufen sich die Anrainer des nördlichen Polargebiets gegenseitig mit Ansprüchen auf die Arktis mit ihren reichen Gas- und Ölvorkommen. Forschungsexpeditionen gehören dabei neben verstärkter Militärpräsenz und symbolischen Akten wie dem Versenken von Nationalflaggen im Polarmeer zum gängigen Repertoire, mit dem sich Kanada, Russland, die USA, Norwegen und Dänemark wechselseitig von der Rechtmäßigkeit der eigenen Gebietsansprüche zu überzeugen versuchen.

Dass der Klimawandel den Zugang zu den Rohstoffschätzen der Arktis in absehbarer Zeit erleichtern dürfte, befeuert den Wettlauf der Staaten zusätzlich. Immerhin haben die nationalen Muskelspiele einen nützlichen Nebeneffekt für die Forschung. Kanadas Interesse am Schicksal der Franklin-Expedition dürfte jedenfalls vorerst nicht erlahmen. Im Gegenteil: Neben der weiteren Erforschung der "Erebus" ist für den Sommer auch schon die Fortsetzung der Suche nach der "Terror" fest eingeplant.

12/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12/2015

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