Waldkonflikte: Ein Wald für alle

Im Stadtwald von Bad Windsheim zeichnet das Sonnenlicht große, helle Kreise auf den Boden. Auf einer fast kahl geschlagenen Fläche machen sich zwischen einigen älteren, hochgewachsenen Eichen zahlreiche junge Triebe, Sträucher und Gräser breit. Hier und da ragen tote Bäume wie Skelette in den Himmel. Es ist ungewöhnlich licht für einen Wald. Statt nach feuchtem, humusreichem Boden riecht es süßlich nach Heckenrosen und Walderdbeeren. Unzählige Insekten schwirren umher, die Vögel singen ein vielstimmiges Lied. Hier wächst kein dichter Forst aus überwiegend gleich alten Bäumen, sondern ein Mittelwald – eine jahrtausendealte, fast vergessene Landschaftsform, die Vielfalt statt Gleichförmigkeit ausstrahlt. Nur rund ein Prozent der deutschen Waldfläche wird so bewirtschaftet. Das 1500 Hektar große Gebiet wirkt wie eine Mischung aus Wald und Wiese. Und genau das ist sein Prinzip.
Für Sven Finnberg ist dieser Wald ein Erfolgsmodell, das Nachahmer finden sollte. Finnberg ist der Stadtförster von Bad Windsheim, einer kleinen Stadt zwischen Nürnberg und Würzburg mit gut 12 500 Einwohnern. Doch wer ihm zuhört, merkt, dass der Begriff nicht annähernd die Rolle beschreibt, die er hier übernimmt. Der 58-Jährige scheint gleichzeitig oberster Naturschützer, Biodiversitätsexperte und Bildungsbeauftragter zu sein. Er sieht sich als Botschafter für die Mittelwaldwirtschaft, die auch in Bad Windsheim vor vielen Jahrzehnten aufgegeben wurde und nun erst durch ihn langsam ins Bewusstsein zurückkehrt. Dabei handelt es sich um einen Kompromiss zwischen einem Hochwald mit großen, alten Bäumen und einem Niederwald mit niedrigen, jungen Bäumen.
Und Sven Finnberg ist Streitschlichter – zumindest in diesem Wald.
Es gibt kaum einen Quadratmeter Wald in Deutschland, um den nicht gestritten wird. Waldbesitzer gegen Naturschützer, Jäger gegen Förster, Erholungssuchende gegen Ökologen. Oft gibt es Konflikte darüber, was überhaupt ein Wald ist, wie er aussehen, riechen und wie er bewirtschaftet werden soll. Wird ein Wald besser sich selbst überlassen oder fortwährend aufgeräumt? Welchen Tieren und Pflanzen sollte er Heimat bieten? Mit welchen Baumarten lässt sich der Wald klimawandelresilient gestalten? Wie ist mit Flächen umzugehen, über die der Borkenkäfer hergefallen ist? Dürfen Bäume gefällt werden, um dort Windräder aufzustellen?
Der Förster an einem seiner Lieblingsorte im Bad Windsheimer Wald: eine lichte Fläche, auf der der seltene Diptam wächst.
Sven Finnberg könnte darüber etliche Bücher schreiben. Über viele Jahre hinweg stand er zwischen den Fronten – zwischen Ökologie und Forstwirtschaft, zwischen Tradition und Moderne. Denn während Mittelwälder wirtschaftlich nur eine untergeordnete Rolle spielen, sind sie aus ökologischer Sicht umso wertvoller. In einem Mittelwald wie dem in Bad Windsheim gibt es alte und junge Bäume, große und kleine, kranke und gesunde, lebende und tote. Es gibt Nadelbäume und Laubbäume, sogar Obstbäume, aber auch Bereiche, in denen man fast keinen Baum antrifft. Das klingt nach Willkür, folgt allerdings strengen Regeln.
Klare Regeln für den Mittelwald
Welche Regeln gelten, zeigt sich an der ersten Wegkreuzung, an der ein Spaziergang durch den Wald beginnt. Hier stoßen vier Waldgebiete aneinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im ersten Quadranten, einer Fläche von rund vier Hektar, sind zwischen den einzeln aufragenden Bäumen Stümpfe zu sehen, dazwischen liegen aufgetürmt einige Reisighaufen. »Diese Fläche wurde in diesem Jahr geschlagen«, erklärt der Förster. Stehen bleiben durften nur solche Bäume, die entscheidend dafür sind, die Vielfalt des Waldes aufrechtzuerhalten: Das kann beispielsweise eine seltene Baumart sein, eine, die besonders vielen Insekten Heimat bietet, oder auch ein abgestorbenes Exemplar, in dem zahlreiche oder besonders seltene Käfer leben. Aber nicht nur das Totholz lockt kleine Wildnisbewohner an. Tagfalter, Wildbienen und Hummeln profitieren außerdem von den zahlreichen Blüten, die sich auf der kahl geschlagenen Fläche ausbreiten.
Ein herkömmlicher Hochwald ist dagegen beinahe langweilig. Dort stehen die Bäume in gleichmäßigen Reihen, oft alle von derselben Art und in ähnlichem Alter. Diese Monokulturen erleichtern die Pflege und die Holzernte, bergen jedoch ökologische Risiken: Sie sind anfälliger für Schädlinge, Feuer und Sturmschäden. Das liegt daran, dass sich spezialisierte Schädlinge in einem einheitlichen Bestand besonders schnell ausbreiten können, da ihnen überall die gleiche Nahrungsquelle zur Verfügung steht. Zudem fehlt das Zusammenspiel verschiedener Arten, das in vielfältigen Wäldern hilft, Bestände zu regulieren, Schäden zu begrenzen und das System insgesamt stabiler zu machen. Unterwuchs und Totholz spielen meist nur eine untergeordnete Rolle. Entsprechend gibt es kaum Lebensräume für Insekten, Vögel und Pilze.
Und dann ist da noch das emotional überladene Traumbild vom dichten, charaktervollen Urwald, wie ihn die Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts besungen und in Kunst und Literatur verewigt haben: »Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald«, »Ein Männlein steht im Walde«, »Abendlich schon rauscht der Wald«. Die Vorstellung von einem Wald, in dem sich Baumriesen wie Säulen erheben, das Licht kaum das grüne Blätterdach durchdringt und in dem die Natur scheinbar unberührt bleibt, ist vor allem hierzulande weitverbreitet und erschwert es, Debatten um den Erhalt von Wäldern rational zu führen.
Romantische Vorstellungen vom Wald führen in die Irre
Befeuert werden solche Vorstellungen durch populäre Naturliteratur. Der Autor und Förster Peter Wohlleben ist das bekannteste Beispiel dafür. Seine Bücher vermitteln ein sehr vermenschlichtes Bild vom Wald: Bäume »kommunizieren«, »helfen einander« und bilden eine »Gemeinschaft«. Diese Narrative sprechen das Bedürfnis nach Harmonie und Ursprünglichkeit an, sind aber aus wissenschaftlicher Sicht oft stark vereinfacht oder metaphorisch überhöht. Ein völlig geschlossenes Kronendach wäre für viele Arten problematisch: Ohne Licht am Boden könnten keine jungen Bäume nachwachsen, und zahlreiche Pflanzen, Insekten und Vögel, die auf offene Strukturen angewiesen sind, würden verschwinden.
Rund ein Drittel der Fläche Deutschlands ist mit Wald bewachsen. Die Verteilung in den Bundesländern reicht dabei von einem guten Zehntel bis zu gut zwei Fünfteln.
Christian Ammer, Professor für Waldbau und Waldökologie an der Georg-August-Universität Göttingen, kritisiert Wohllebens Thesen daher deutlich. Vieles in den Büchern sei »Spekulation« und von keinen wissenschaftlich überprüfbaren Studien gedeckt. »Ich finde es beängstigend, dass es offenbar ausreicht, einfach nur wiederholt etwas zu behaupten, um unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Aussage Anklang zu finden, sofern die Botschaft das Gefühl und die Erwartung der Leute trifft«, sagt er.
Ammer setzt sich für eine faktenbasierte und vor allem sachliche Diskussion über den Zustand, die Pflege und den Fortbestand der deutschen Wälder ein. »Wir leben in einem sehr dicht besiedelten Land mit einer sehr begrenzten Waldfläche«, sagt er. Die verschiedenen gesellschaftlichen Interessen wiederum hätten sich in den zurückliegenden 100 Jahren sehr stark verändert und seien vielfältiger geworden. »Früher wollte man vielleicht Pilze und Beeren sammeln und etwas Feuerholz aus dem Wald holen. Heute steht hinter jedem Baum jemand, der etwas anderes will.« Das gelte es zu koordinieren.
»Heute steht hinter jedem Baum jemand, der etwas anderes will«Christian Ammer, Forstwissenschaftler
Zurück im Mittelwald von Bad Windsheim. Der zweite Quadrant an der Wegkreuzung ist mannshoch bewachsen mit Sträuchern und Büschen, dazwischen recken sich vereinzelt junge Bäume in den Himmel: Eine Kirsche ist zu erkennen, eine kleine Eiche, etwas weiter hinten lehnt sich der Stamm eines umgeknickten und offensichtlich abgestorbenen Baums an seinen hochgewachsenen Nachbarn an. »Diese Fläche wurde im vorigen Jahr geschlagen«, erklärt Finnberg. Die Aussage überrascht. Eichentriebe, die bereits anderthalb bis zwei Meter hoch sind? Wie kann das sein?
Nach dem Schlag erwacht neues Leben
Zur Erklärung zeigt Finnberg auf einen Baumstumpf. An seiner Seite ragt ein Trieb in die Höhe, er ist bereits 20 bis 30 Zentimeter lang. »Das Besondere am Mittelwald ist die Vermehrung über den Stockausschlag«, sagt Finnberg dazu. Das bedeutet, dass sich bereits nach wenigen Jahren rund um eine solche Baumscheibe ein »Busch« aus Eichentrieben bildet, von denen sich nur die stärksten durchsetzen. »Das ist der entscheidende Vorteil im Mittelwald«, erklärt der Förster. »Der neue Trieb kann sofort auf ein ausgedehntes, funktionierendes Wurzelsystem sowie auf Energiereserven zugreifen. Anders als ein Sämling beginnt er nicht bei null.«
Neue Triebe, die aus den Stümpfen gefällter Bäume sprießen, greifen auf das bereits vorhandene Netzwerk an Wurzeln zurück. Im Mittelwald sorgt dieser Stockausschlag dafür, dass geschlagene Flächen rasch wieder nachwachsen.
Der Stockausschlag sorgt aber nicht nur dafür, dass die Bäume rascher wachsen. »Gerade diese Stöcke sind für viele Arten interessant«, erzählt Finnberg weiter. »Wenn sie frisch sind, dann werden sie von allen möglichen Käfern besiedelt.« Zusammen mit seinem Team hat er umfassend erhoben, was alles in und auf den Stöcken herumkrabbelt. »Zuerst kommen die Frischholzbesiedler, dann die Altholzbesiedler und schließlich die Holzpilzbesiedler.«
Auch sonst ist die Strukturvielfalt im Mittelwald außergewöhnlich groß: offene Flächen, dichtes Gebüsch, junge Bäume und alte Stämme. Die Kombination aus Stockausschlag, Totholz und Blütenreichtum macht ihn zu einem Hotspot der Biodiversität – er ist ein Mosaik, das sich ständig verändert. Diese Heterogenität schafft Lebensräume für weitere Pflanzenarten, die in gleichförmigen Baumbeständen kaum vorkommen. Während ein Fichtenforst oft nur einige wenige Spezialisten anzieht, profitieren im Mittelwald sowohl lichtliebende Pflanzen als auch schattenliebende Arten. Laut Untersuchungen leben in Mittelwäldern dadurch zudem deutlich mehr Insekten, Vögel und Fledermäuse als in klassischen Hochwäldern oder Monokulturen.
Der dritte Quadrant im Bad Windsheimer Mittelwald beherbergt überwiegend hochaufragende Bäume mit nur noch vereinzelten lichten Flächen. Hier sieht es schon eher nach einem klassischen Wald aus. Man kann nicht mehr einfach so hineinspazieren, sondern muss dazu einen Trampelpfad suchen. Die locker stehenden Eichen haben sehr breite Kronen. Von toten Stämmen und Ästen profitiert zum Beispiel der Mittelspecht, der hier bevorzugt seine Höhlen baut und Nahrung sucht.
Im vierten Quadranten, der an die Kreuzung grenzt, wächst ein dichter Mischwald: Hecken, Sträucher, Bäume, keine freien Flächen mehr. Seit die Mittelwaldbewirtschaftung in den 1950er-Jahren aufgegeben wurde, sind die Pflanzen dort ohne Eingriff gewachsen. »Dieses Gebiet ist in fünf bis sechs Jahren dran«, sagt Sven Finnberg. Insgesamt ist der Mittelwald von Bad Windsheim in 30 Bereiche von je drei bis vier Hektar unterteilt, von denen jedes Jahr einer gerodet wird. Das heißt auch, dass die ältesten Gebiete um die 30 Jahre lang weitgehend sich selbst überlassen werden.
Aber warum dieser Aufwand, wenn der Holzertrag letztlich geringer ist als in einem konventionellen Forst? Und wenn einem daran gelegen ist, die Natur zu schützen: Warum lässt man sie dann nicht einfach gewähren?
Die Antwort kennt der Ökologe Jörg Müller, der seit Jahrzehnten die Biodiversität in Wäldern untersucht. Er betreibt zwei Forschungsstationen im Bayerischen Wald, hat in Mitteleuropa und Asien gearbeitet und begleitet derzeit ein Wiederbewaldungsprojekt in Ecuador. Wie gesund der Lebensraum Wald sei, erschließe sich den Besuchern nicht auf den ersten Blick, sagt Müller: »Die Diversität beruht auf Tausenden Insekten- und Pilzarten, die viele nicht wahrnehmen.«
Biodiversität entsteht durch Veränderung
Es gebe im Umgang mit dem Wald zwei Extrempositionen, erzählt der Experte: Die einen wollen möglichst gar nicht in die »Natur« eingreifen, die anderen wollen alles regeln. »Beide Positionen sind so schlicht wie falsch«, stellt er fest. Mit extremen Haltungen kann er nicht viel anfangen.
Die Grundvoraussetzung für einen lebendigen Wald, sagt Müller, sei Dynamik. Damit meint er zum Beispiel Überschwemmungen, wie sie in alten Auwäldern regelmäßig vorkamen. Oder Streifzüge großer Weidetiere, die junge Triebe abfressen und den Boden verdichten. Biber, die ständig die Landschaft umgestalten. Aber auch Brände, die hin und wieder Teile eines Waldes verbrennen und offene Flächen mit Totholz hinterlassen. Oder gar Borkenkäfer, die sich hungrig über die Bäume hermachen.
»Immer wenn der Mensch von einer Katastrophe sprechen würde, ist das für die Dynamik und damit die Biodiversität im Wald vorteilhaft«, sagt der Forscher. Feuer und Borkenkäfer sorgen für freie, lichte Flächen und liefern Totholz, auf das sich Insekten stürzen. Große Pflanzenfresser halten Teile des Waldes offen und bieten mit ihren Hinterlassenschaften Nahrung für Käfer und andere Lebewesen. Ohne solche Störungen wuchert ein Wald zu. Er wird dunkel, dicht und kühl. Damit mag er dem romantisch idealisierten Bild vom »ursprünglichen« Wald nahekommen, doch für viele Tier- und Pflanzenarten, die nicht gerade auf den kühlen, schattigen Lebensraum spezialisiert sind, bietet er keinen Platz. Im dunklen, dichten Wald ist es still.
Die bedrohte Gelbbauchunke (Bombina variegata) braucht Pioniergewässer wie dieses frisch gefüllte Regenloch, um zu laichen.
Im Stadtwald von Bad Windsheim aber summt, brummt und raschelt es; teils so penetrant, dass man sich fragt, wo diese ganzen Bienen, Fliegen, Mücken, Falter, Spinnen, Asseln und Tausendfüßer sich eigentlich verstecken. »Im Bad Windsheimer Stadtwald konnten wir bereits mehr als 600 xylobionte Käferarten nachweisen«, erzählt Stadtförster Finnberg. Also Käfer, die im Holz leben und sich davon zumindest teilweise ernähren. Zwischen das Geraschel und Gesumme mischt sich hin und wieder ein auffallend heller Glockenton. Es ist der Ruf einer Gelbbauchunke. Zwei Exemplare der stark bedrohten Art sitzen in einem Wasserloch, das Finnberg und seine Kollegen in der Senke eines Waldwegs angelegt haben. Manchmal muss der Mensch dann doch noch in puncto Dynamik nachhelfen.
Bei den Gesprächen mit den Experten wird zudem klar: Das Modell des Windsheimer Waldes lässt sich nicht auf jeden Wald übertragen. Aber von diesem Spezialfall lassen sich unterschiedliche Dinge lernen – nicht nur, dass es für die Vielfalt an Pflanzen und Tieren auch vielfältige Landschaftsformen braucht. »Hier sind alle Interessen, die eine Gesellschaft an einem Wald haben kann, berücksichtigt«, lobt Jörg Müller. Weil das Waldstück der Gemeinde gehört, entscheiden verschiedene Gruppen im Stadtrat gemeinsam darüber. Nicht immer die einfachste Aufgabe, wie sich aus Finnbergs knapper Zusammenfassung heraushören lässt: »Das muss man wollen.«
Wie viele Interessen sind zu viele?
Und tatsächlich lassen sich Konflikte anderswo nicht so leicht und harmonisch beilegen. Im Spreewald in Brandenburg bekämpft die Bürgerinitiative »Wald statt Wildnis« seit 2022 energisch die Ausweisung neuer Naturschutzflächen. Im Dannenröder Forst in Hessen versuchten Aktivisten 2020 zu verhindern, dass der Wald für den Bau der Autobahn 49 gerodet wird. Und im Kellerwald bei Kassel stehen sich Waldbesitzer und Jagdverband unversöhnlich gegenüber, weil sich die einen um ihren Baumbestand und die anderen um die Rotwildpopulation sorgen.
Die Ökologin Deike Lüdtke kann von solchen Situationen ein Lied singen. Seit dem Jahr 2020 untersucht sie, wie sich die Erwartungen verschiedener Interessengruppen an den Wald besser aufeinander abstimmen lassen. Das sei wichtig, damit weitreichende Entscheidungen nicht verzögert oder gar auf Basis eines unvollständigen Wissensstands getroffen werden. Doch kommunale Akteure wie Forstbetriebe, Tourismusämter, Umweltschutzverbände oder Jagdgenossenschaften verfolgen oft derart unterschiedliche Ziele, dass sich die Fronten scheinbar unauflösbar verhärten.
Lüdtke hat mit ihrem Team vom Institut für sozial-ökologische Forschung mehrere Gemeinden, deren Waldnutzungskonflikte sich zuzuspitzen drohten, über längere Zeit intensiv begleitet. Die Wissenschaftler halfen den Konfliktparteien mit speziellen Mediationsmethoden, die Streitpunkte zu identifizieren und zu bewältigen. Die Ergebnisse der Fallstudien hielten sie in einer 100 Seiten starken Veröffentlichung fest. Zudem entwickelten sie ein KI-basiertes Onlinetool, mit dem die verschiedenen Interessengruppen selbstständig Lösungen für ihre Anliegen finden können.
Kaum ein Konflikt gleicht dem anderen
Deutlich wird dabei: Kaum ein Fallbeispiel gleicht dem anderen; die Konflikte sind enorm komplex. Hinzu kommt, dass der Klimawandel die Akteure im Wald vor neue Herausforderungen stellt. Doch »der Schlüssel für die Konfliktlösung liegt in Dialogprozessen, die konstruktive, ergebnisoffene Gespräche ermöglichen«, sagt Lüdtke. »Runde Tische erweisen sich als tragfähig, wenn frühzeitig erkannt wird, welche kritischen Fragen den Wald der Zukunft betreffen – und wenn alle Beteiligten bereit sind, diese gemeinsam anzugehen.«
»Runde Tische erweisen sich als tragfähig, wenn frühzeitig erkannt wird, welche kritischen Fragen den Wald der Zukunft betreffen«Deike Lüdtke, Ökologin
In Bad Windsheim ist Sven Finnberg der Mann, der die Interessengruppen geeint hat und für den die vielfältigen Meinungen am Ratstisch ebenso vereinbar sind wie die vielfältigen Landschaftsformen im Wald. Hat er einen Lieblingsplatz in »seinem« Wald, an dem er besonders gern verweilt? Auf diese Frage hin geht der Förster auf einem Trampelpfad voran, links Gehölze und dichter Wald, rechts freie Fläche. Irgendwann biegt er in das Dickicht ab, zwängt sich durch eine Rosenhecke, durchquert ein Waldstück mit älteren Bäumen, in dem es fast andächtig still ist, nur um auf der anderen Seite auf einem von Gräsern und anderen Pflanzen etwa knie- bis hüfthoch bewachsenen Gebiet herauszukommen. Es ist nicht ganz einfach, mit ihm Schritt zu halten und nicht in einem Matschloch stecken zu bleiben.
Doch irgendwann bleibt Finnberg schließlich stehen.
Ringsum ragen vereinzelt Baumskelette in die sonst offene Landschaft. Die Vögel zwitschern laut, ein Kuckuck ruft unermüdlich und bekommt nach einigen Minuten sogar Antwort. Direkt vor Finnberg erstreckt sich ein Meer von weiß-rosa Blüten; sie duften zitronig.
Der Diptam (Dictamnus albus) ist an den Wechsel von Licht und Schatten angepasst. Bis er im Sonnenlicht aufblüht, etwa weil Bäume ringsum verschwinden, überdauert er mitunter jahrzehntelang in einer unauffälligen Schattenform.
Die Pflanze mit den rosa Blüten heißt Diptam. Sie gedeiht weder im dauerhaft schattigen Wald noch auf der immer sonnigen Weide. Dictamnus albus ist auf die wechselnden Lichtverhältnisse eines sich dynamisch öffnenden und schließenden Waldes evolutionär optimiert. Hierzulande ist sie sehr selten geworden und steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.
Die Freude an der Vergänglichkeit
Nicht immer zeigte sich der Diptam hier in solcher Pracht. »Als ich vor 28 Jahren hergekommen bin, da hat man noch einzelne Exemplare blühen sehen. Dann ist er verschwunden«, erzählt Finnberg. Im Lauf der Jahre wuchs der Wald dort zu, ganz so, wie im Mittelwald-Konzept vorgesehen. Mit der Sonne verabschiedeten sich auch die rosa Blüten. Um 2019/2020 herum, als das Forstamt begann, die Bäume in diesem Bereich abzuholzen, seien lediglich noch ein paar Blätter zu sehen gewesen. Doch wirklich weg war der Diptam nie. »Er hat Schattenformen und kümmert so ein bissle vor sich hin«, erklärt Finnberg lapidar. Nach der Rodung sei die Blütenpracht auf einmal explodiert. »Das war der Hammer, was hier plötzlich an Diptam da war.«
Die toten und kranken Bäume ringsum stören ihn nicht, im Gegenteil. »Sicher, wenn die plötzlich sichtbar werden, ist das eine Umstellung fürs Auge.« Ein Verlust, der für Finnberg verkraftbar ist. »Wenn ich diesen geschlossenen Wald habe, habe ich aber keinen Diptam. Ich habe keinen Blauroten Steinsame, keine Rosa gallica, kein Thüringisches Fingerkraut. Es fliegen keine Widderchen oder andere Falter.« Wenn man Biodiversität ernsthaft fördern wolle, »dann muss ich mich auch an einer abgestorbenen Kirsche freuen können«.
Und so ist Finnberg nicht traurig, dass der Diptam sich langsam zurückzieht, während der Wald ringsum wieder dichter wird. Denn er weiß: »Wenn man die Fläche in 30 Jahren abholzt, kommt er wieder.«
Doch nicht alle reagieren in solchen Fällen derart entspannt und lassen die Natur gewähren. Gerade die Wiederbewaldung von Bereichen, die dem Borkenkäfer, einem Feuer oder zu langen Trockenperioden zum Opfer gefallen sind, kann laut Deike Lüdtke ein Konfliktherd sein. Sie hat sich einen konkreten Fall vor Ort angeschaut. »Die Naturschutzverbände brachten die Sorge ein, dass zu viele nicht heimische Baumarten gepflanzt werden könnten, und wollten, dass der Wald sich selbst regeneriert«, erzählt die Ökologin. »Die Forstakteure argumentierten unter anderem, dass der Wald klimaresilient werden müsse, derzeit aber noch kein gesichertes Wissen über die am besten geeigneten Baumarten bestehe.« Und die Jagdpächter wiederum befürchteten, dass zu viel Unterwuchs die Sichtbarkeit des Wildes und damit das Jagen erschwere.
Am runden Tisch habe man es jedoch geschafft, eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden, die die unterschiedlichen Perspektiven aufgreift: Demnach sollen auf einem Fünftel der Kahlfläche unterschiedliche, auch nicht heimische Baumarten jeweils als Einzelgruppen gepflanzt werden. Auf den restlichen vier Fünfteln setzt man auf natürliche Verjüngung: Bäume sollen hier von selbst nachwachsen. Zudem werden Jagdschneisen auf den Flächen angelegt und frei gehalten.
Die Macht der Transparenz
Für Christian Ammer besteht die Leistung von Sven Finnberg in Bad Windsheim nicht zuletzt darin, den Spagat zwischen solchen teils widersprüchlichen Interessen der Waldnutzer ganz ohne runde Tische und Mediation hinzubekommen. »Was man von Sven Finnberg lernen kann, ist, zu kommunizieren. Transparenz und Kommunikation sind wirklich das A und O. Er hat es geschafft, alle mitzunehmen – und das nicht aus einem Rechtfertigungsdruck heraus, sondern weil er es für wichtig hält, die Menschen proaktiv aufzuklären«, sagt Ammer.
Finnberg führt etwa regelmäßig Schulklassen durch seinen Wald, die Grundschüler der benachbarten Gemeinden kommen jedes Jahr. Ebenso lassen sich Referendare der Forstschule oder andere interessierte Gruppen das Prinzip Mittelwald erklären, von Studierenden bis zu Vogelschützern. »Ich bin überzeugt, dass es in kommenden Generationen immer jemanden geben wird, der sich für Artenvielfalt interessiert und sich davon faszinieren lässt«, sagt Finnberg.
Der Rundgang durch den Mittelwald endet dort, wo er begonnen hat: an einer Reihe von Schautafeln, die detailliert erklären, wie das Konzept funktioniert. Man erfährt, wie oft die Bäume geschlagen werden und wie diese Maßnahmen Biodiversität und Artenvielfalt fördern. Und so ist der kleine Stadtwald in Mittelfranken nicht nur ein Ort, an dem unterschiedlichste Tier- und Pflanzenarten nebeneinander existieren. Er zeigt auch, wie die verschiedenen Interessengruppen einer Gesellschaft mit ihren Konflikten umgehen können: transparent, geduldig und immer mit dem Wissen, dass Wandel dazugehört.
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