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Indoeuropäisch

Stammt Indoeuropäisch aus dem Schmelztiegel Kaukasus?

Neue Analysen alter Gene zeichnen den prähistorischen Kaukasus als echten genetischen Schmelztiegel. Das tangiert auch den Streit um den Ursprung der indoeuropäischen Ursprache: Könnte sie doch aus Anatolien stammen?
Es sieht so aus - aber der Kaukasus war nie völlig unüberwindlich

Wann und wo die Urform aller indoeuropäischen Sprachen gesprochen wurde, war lange eine der umstrittensten Fragen von Linguisten, Archäologen und Paläogenetikern. Und sie bleibt es, obwohl sie zuletzt doch schon als fast sicher beantwortet galt: Zu Beginn der Bronzezeit dürften die Träger der umwälzend erfolgreichen Schnurkeramikkultur aus den östlichen Steppen Eurasiens das Indoeuropäische nach Mitteleuropa gebracht haben. Tatsächlich sprach zuletzt viel für eine moderne Variante der alten Steppentheorie. Aber die Anhänger von Konkurrenzerklärungen geben noch nicht auf. Ihr Hauptargument – es ist immer ein wenig komplizierter, als man gerne hätte – bekommt nun durch neue Untersuchungen alter menschlicher Gene wieder ein wenig Rückenwind.

Die noch ohne Peer-Review-Überprüfung auf dem bioRxiv-Vorveröffentlichungsserver erschienene Studie hatte sich der prähistorischen genetischen Landschaft der Kaukasusregion gewidmet. Dazu analysierte ein vielköpfiges Team der bekanntesten Paläogenetiker DNA-Extrakte von 45 Menschen, die in einem Zeitraum vor 3200 bis 6500 Jahren vor Ort gelebt hatten – dabei unter anderem erstmals auch die Gene von Menschen der Maikop-Kultur, die ihre typischen Kurgane in einer Region zwischen der Steppe im Norden und dem südlich am Kakuasus anschließenden Anatolien erbaut hatten.

Zur Erinnerung: Aus der Steppe waren einst die Jamnaja aufgebrochen, die kulturell mit den Schnurkeramikern überlappen und vielleicht ein frühes Indoeuropäisch gesprochen haben. Dies könnten sie natürlich schon getan haben, lange bevor sie sich aus ungeklärter Ursache nach Europa aufgemacht haben; und womöglich haben sie es auch von einer der anderen Gruppen vor Ort in einer sich über Jahrhunderte entwickelten Sprachregion übernommen. Das wäre für die Stimmigkeit der Steppenhypothese zwar eigentlich ohne Belang, wenn denn, was stillschweigend oft angenommen wurde, der Kaukasusgebirgszug für die prähistorischen Kulturen eine deutliche Barriere dargestellt hat.

Ebendas wird nun durch die neuen Untersuchungen allerdings fragwürdig: Denn tatsächlich lässt sich aus den Genen herauslesen, dass verschiedene Menschen aus Kaukasuskulturen – auch aus der strategisch mittig gelegenen Maikop-Kultur – genetisch überraschend mit Leuten aus dem Süden verwandt sind. Offenbar, so die Schlussfolgerung der Studie, war der Kaukasus eher ein überbrückender genetischer Schmelztiegel der Kulturen als die geografische und kulturelle Grenze, als die man ihn früher gesehen hat. Dazu passt, dass bis heute vor Ort ein wildes Mosaik unterschiedlichster Sprachfamilien in enger Nachbarschaft existiert.

Damit ist die Urheimat des Indoeuropäischen aber nun wieder zumindest ein wenig unklarer: durchaus möglich, dass es einst doch zuerst in Anatolien gesprochen wurde, um von dort über den Kaukasus hinweg nach einer langen Reise gen Europa vorzudringen. Der Kaukasus hätte die Sprecher jedenfalls nicht sicher behindert, wie die das Gebirge ignorierende Gendurchmischung nahelegt.

Und damit schließt sich ein Kreis: Die Konkurrenten der Steppentheorie – Anhänger der »Anatolien-Hypothese« und ihrer modernen Verfeinerungen – hatten unter anderem auf Grund von linguistischen Analysen immer schon den Ursprung des Indoeuropäischen gesehen, ihre These jedoch nach und nach an neue Befunde anpassen und schon fast ganz aufgeben müssen. Für sie hatten ursprünglich einmal die viel älteren Pioniere der Jungsteinzeit, die die Landwirtschaft aus Anatolien nach Europa gebracht haben, als potenzielle Urindoeuropäer gegolten. Von den Genen der Ahnenlinien dieser Neolithiker blieb allerdings nach der Bronzezeit in Mitteleuropa kaum eine Spur übrig – sie wurden fast restlos von den Schnurkeramikern und Glockenbechermenschen bis zur Bronzezeit verdrängt. Und warum sollte sich bei diesem fast völligen Verschwinden ausgerechnet ihre Sprache halten?

Tatsächlich könnte es nun aber sein, dass irgendwie beide Konkurrenten im Streit um die Herkunft des Indoeuropäischen Recht haben: Vielleicht entstand die Sprache ursprünglich wirklich in Anatolien, verbreitete sich auch über den Kaukasus und reiste dann nordwestwärts.

Für das Genetikerteam stand im Übrigen die Frage nach der Sprache gar nicht im Vordergrund – es wollte eher klären, welche verschiedenen genetischen Linien aus dem Schmelzofen Vorderasiens in die Welt geströmt sind. Schon vor ein paar Jahren kam heraus, dass im Kaukasus uralte Linien die Eiszeit überdauert hatten und den europäischen Genpool bereicherten. Nun lassen sich auch, etwa am Beispiel der Maikop-Menschen, weitere spannende Verwandtschaftsspuren festhalten: So sind neben verschiedenen typisch anatolischen Genen aus der Jungsteinzeit auch Spuren von uralten Jägern und Sammlern aus Sibirien zu erkennen – und damit Verwandtschaftspuren zu den Menschen, die als Erstes Amerika besiedeln haben.

22/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22/2018

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