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Paläoanthropologie: Standortbestimmung

Der Stammbaum der frühen Affenverwandtschaft gründet auf wenig mehr als ein paar Zähnen und Schädelresten. Dementsprechend umstritten ist, wo denn nun die Ursprünge dieser Urur-Ahnen des Menschen lagen. Funde in Ägypten untermauern nun: Der Vorfahr aller heute noch lebenden Affenspezies aalte sich am früheren Nildelta von Al-Fayum. Doch seine Urgroßeltern waren wohl wirklich aus Asien eingewandert.
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Heute Wüste, wenn auch mit fruchtbarer Oase und ausgedehnten Bewässerungskulturen, bot Al-Fayum einst einen ganz anderen Anblick: Vor Jahrmillionen, zu Zeiten der Tertiärs, gehörte die Region noch zum Delta des Nils, und in der dicht mit Mangrovenwäldern bestandenen Sumpflandschaft lebte eine reiche Wirbeltierfauna – von großen Raubtieren über die Vorfahren der Elefanten bis hin zu nashorngroßen Pflanzenfressern. Dazwischen huschten auch zwei Dutzend Primatenarten durch Busch und Baum. Ihre Vielfalt zeigt, dass diese Säugetierordnung damals geradezu explodierte.

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Fayum-Wüste | Kaum zu glauben, dass hier einst Mangrovenwälder in der Sumpflandschaft des Nildeltas einer reichen Tierwelt eine Heimat boten
So stießen Elwyn Simons und seine Kollegen dort beispielsweise auf Aegyptopithecus, einen Vorfahren der heutigen Altweltaffen Asiens und Afrikas, zu denen letztendlich auch der Mensch zählt. Dazu fanden sie zahlreiche weitere Vertreter, die wohl auf Nordafrika beschränkt geblieben waren, und andere, die eine enge Verwandtschaft mit den Affen der Neuen Welt vermuten lassen. Die Region galt daher lange Zeit als das Zentrum, in dem die Affen entstanden waren und vielfältige eigene Wege einschlugen.

Allerdings waren die dort bislang untersuchten Schichten allesamt jünger als 35 Millionen Jahre – was davor geschah, blieb daher im Dunkeln der Zeiten. Verwirrung stifteten zudem ältere Funde aus Asien, die einen Ursprung der gesamten Gruppe dort nahe legten. Auf welchem Kontinent stand nun also die Wiege?

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Zähne und Unterkiefer | Zähne und Unterkieder der beiden jüngsten Funde aus der Fayum-Wüste
Sowohl als auch, könnte man antworten – je nachdem, welche Ur-Generation man betrachtet. So hat Simons nun zusammen mit Erik Seiffert von der Universität Oxford neue spektakuläre Funde präsentiert: Die Forscher stießen in einer 37 Millionen Jahre alten Schicht auf Unterkiefer und Schädelreste von zwei neuen Arten aus der Gattung Biretia. B. fayumensis, mit geschätzt nur 273 Gramm der kleinere der beiden, erinnert stark an das gleichaltrige Fossil B. piveteani aus Algerien, von dem allerdings nur ein Zahn bekannt ist. Sein größerer Begleiter, der etwa 376 Gramm auf die Waage gebracht haben soll, verblüffte die Wissenschaftler ungemein. Denn von seinem Schädel sind sogar noch die Augenhöhlen zu erkennen. Und diese sind so stark vergrößert, dass B. megalopsis ganz entgegen aller Erwartungen wohl eher nachtaktiv war. Eigentlich, so die landläufige Meinung, sollten sich damalige Primaten des Tags auf Nahrungssuche begeben haben, wozu sie ihr dreidimensionales Sehvermögen in Farbe bestens befähigte.

Ebenso spannend wie die Funde ist die Verwandtschaftsanalyse, die Seiffert und seine Kollegen mit 360 morphologischen Merkmalen und 102 ausgestorbenen und noch lebenden Primatentaxa durchführten. Hier zeichnete sich klar ab, dass der Vorfahr aller heute noch lebenden Affen-Spezies wohl einst in Afrika lebte – jener Punkt, von dem aus sich irgendwann vor mehr als 45 Millionen Jahren alle dazu gehörenden Abstammungslinien verzweigten, vereinigt nur Afrikaner.

Die engsten Verwandten dieser Gruppe jedoch, beeilen sich Jean-Jacques Jaeger und Laurent Marivaux von der Universität Montpellier zu betonen, sind ihrerseits eindeutige Asiaten: Als Schwestergruppen kristallisierten sich die Amphipithecidae und – eine Stufe ursprünglicher – die Eosimiidae heraus, die unter anderem in China, Myanmar und Pakistan durch Ausgrabungen der beiden Forscher ans Licht kamen. Die Ururgroßeltern des Vorfahren, aus dem letzlich irgendwann einmal Schimpanse, Gorilla, Mensch und Co hervorgingen, stammten also tatsächlich weiter aus dem Osten.

Wann diese allerdings gen Westen nach Afrika einwanderten, bleibt das große Rätsel. Angesichts der Vielfalt und der Ähnlichkeit ihrer Funde zu frühen afrikanischen Vertretern vermuten Seiffert und seine Mitarbeiter, dass sich jene Ururgroßeltern womöglich schon im Paleozän, vor 60 Millionen Jahren, auf den Weg gemacht hatten. Da sich im Umfeld der beiden Biretia-Funde jedoch noch Begleiter mit gut dokumentierter asiatischer Verwandtschaft fanden, wären auch mehrmalige Migrationswellen möglich, oder aber die Ururgroßeltern waren gar erst vor 37 Millionen Jahren in der neuen Heimat angekommen – und damit in den Al-Fayum-Schichten noch wahre Pioniere.

So kann nun jede Forschergruppe beruhigt ihre Lieblingswiege schaukeln. Und wir dürfen gespannt sein, wo Wissenschaftler auf die nächsten Zähne oder vielleicht auch mehr stoßen – und ob diese dann die eine oder andere Wiege in umstürzlerisches Wanken bringen.

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