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Statistik: »Ich habe gelernt, nicht auf meine Intuition zu vertrauen«

Die Mathematikerin Ionica Smeets beschäftigt sich gerne mit Zahlen. Im Interview erklärt sie, wie diese zu statistischen Irrtümern führen.
Binäre Zahlen, durch die ein Riss verläuft

Tagtäglich kommt man in den Medien mit Statistiken in Berührung. Doch es ist nicht immer einfach, diese angemessen zu interpretieren. Während ihrer Doktorarbeit auf dem abstrakten Gebiet der Zahlentheorie stellte die niederländische Mathematikerin Ionica Smeets fest, dass es für Laien sehr schwer ist, populärwissenschaftliche Erklärungen zur angewandten Mathematik zu finden, und beschloss, das zu ändern.

Inzwischen schreibt Smeets für Tageszeitungen, verfasst Bücher oder spricht im Fernsehen über ihr Fachgebiet. In ihrem Heimatland ist sie mittlerweile weithin bekannt. Um zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu vermitteln, hat Smeets eine Professur für Wissenschaftskommunikation an der Universität Leiden inne. Dort untersucht sie, wie man Forschungsergebnisse erfolgreich präsentieren und darstellen kann, damit sie möglichst verständlich sind. Auf der anderen Seite erklärt sie Laien in Vorträgen, wie man fehlgeleitete statistische Schlüsse entlarven kann.

Im Zuge ihrer Nature-Marsilius-Gastprofessur in Heidelberg spricht sie mit »Spektrum.de« über irreführende Statistiken, deren Vermeidung und eine bessere Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und der Bevölkerung.

Spektrum.de: Was ist Ihr liebstes Beispiel für einen fehlgeleiteten statistischen Schluss?

Ionica Smeets: In den Niederlanden wurde oft propagiert, dass Schokolade Migräne verursachen könne. Ich kenne tatsächlich viele Menschen mit Migräne, die deshalb keine Schokolade essen. Vor ein paar Jahren fand man jedoch heraus, dass der Mechanismus genau umgekehrt funktioniert: Vor einem Anfall gibt es im Körper gewisse Reaktionen, die dazu führen, dass man sich nach Fett und Zucker sehnt.

Ionica Smeets | Die Mathematikerin ist seit 2015 Professorin für Wissenschaftskommunikation an der Universität Leiden in den Niederlanden.

Falsche Schlussfolgerungen findet man wirklich häufig. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie dagegen ankämpfen müssen?

Ich halte schon länger Vorträge zu manipulierten Statistiken, einfach, weil ich es wichtig finde. Die wirkliche Bedeutung wurde mir vor allem klar, als vor einigen Jahren ein Anwalt auf mich zukam und mir erzählte, er habe durch einen meiner Vorträge einen Fall gewonnen. Ich habe mich gefreut und gefragt, ob er falsche Behauptungen seines Gegenübers entlarven konnte. Doch er lachte nur und sagte, er habe im Gegenteil das Gelernte genutzt, um eine irreführende Tabelle zu erstellen. Und er war sehr stolz darauf. Da wurde mir klar: Wenn man jemandem zeigt, wie sich Fehlinformationen verbreiten, lehrt man gleichzeitig, wie man es selbst tun kann.

Was war Ihre Reaktion darauf?

Zuerst wollte ich aufhören, solche Vorträge zu halten. Aber dann dachte ich, man muss stattdessen viel mehr über diese Dinge sprechen. Denn wenn die andere Seite darüber Bescheid gewusst hätte, hätte sie sich nicht täuschen lassen.

Sind Sie in der Vergangenheit auch schon selbst auf eine falsche Darstellung von Statistiken hereingefallen?

Oh, ja. Und ich tue es immer noch. Statistik ist ein Bereich, in dem man immer etwas falsch machen kann. Es ist so leicht, darauf hereinzufallen. Wenn eines meiner Forschungsprojekte viel Statistik enthält, sorge ich immer dafür, dass ein Experte mit an Bord ist. Häufig gehen die Leute davon aus, dass man als Mathematiker auch Statistiken beherrscht, aber das stimmt nicht. Man kommt mit Wahrscheinlichkeiten leicht durcheinander. Ich habe gelernt, nicht auf meine Intuition zu vertrauen.

Was muss man tun, um solche Missverständnisse zu vermeiden?

Es gibt Studien, die sich genau dieser Frage gewidmet haben. Zum Beispiel kommt es vor, dass eine Forschungsarbeit einen Zusammenhang entdeckt und die dazugehörige Pressemitteilung von Ursache und Wirkung spricht – das wird dann entsprechend meist genauso in den Medien präsentiert. Wenn die Universität hingegen richtig kommuniziert, dann tun das Studien zufolge auch die meisten Medien. Deshalb ist es wichtig, bereits in den Universitäten auf korrekte Kommunikation zu achten. Je präziser man wird, desto besser sind die daraus entstehenden journalistischen Beiträge.

Deshalb ermutigen Sie Wissenschaftler, besser mit anderen über ihre Arbeit zu kommunizieren.

Ja. Denn da gibt es viel zu tun. Ich finde es sehr interessant, wie sich Leute gegenseitig die Schuld zuschieben. Universitäten behaupten, die Medien würden Themen zuspitzen und nicht richtig verstehen. Oder die Schule sei schuld, man müsse bereits Kinder besser ausbilden. Journalisten beschweren sich hingegen, Universitäten würden sich mehr um ihr Image als um ihre Forschung sorgen. Jeder zeigt auf den anderen.

Und wer hat Ihrer Meinung nach Recht?

Man kann einiges verbessern, sollte aber bei den Universitäten anfangen. Die Wissenschaft sollte sich mehr verantwortlich fühlen. Das war der Grund, weshalb ich zurück an die Universität gegangen bin.

Was machen Sie dort?

Ich leite einen Masterstudiengang, in dem die Studenten lernen, wie man Wissenschaft gut kommuniziert. Und wir betreiben auch Forschung. Das ist sehr spannend, denn es gibt viele Dinge, von denen wir nicht wissen, wie sie wirklich funktionieren. Vor allem, wenn man nicht nur informieren will, sondern Menschen dazu bringen möchte, ihr Verhalten zu ändern.

Wie gelingt das?

Es ist extrem wichtig, wie man etwas kommuniziert. Ich habe zum Beispiel mit einem Wissenschaftler darüber gesprochen, dass Anekdoten und Erzählungen für die meisten Leute viel überzeugender sind als Zahlen. Das glaubte er mir nicht. Ich habe ihm Statistiken und Studien dazu gezeigt, aber er ließ sich nicht überzeugen. Und dann hat er sich tatsächlich selbst mit einer Anekdote umgestimmt. Wie er mir kurz darauf erzählte, besitzt er ein Motorboot. Mein Kollege sagte, jeder wüsste, dass man nicht mit laufendem Motor im Wasser schwimmen darf. Bei einem Freund von ihm geriet ein Kind in den Motor und musste ins Krankenhaus – am Ende ging glücklicherweise alles gut aus. Doch diese Geschichte habe sich bei meinem Kollegen so eingeprägt, dass er danach viel vorsichtiger war. Diese eine Anekdote sei so viel beeindruckender gewesen als all die Statistiken und Regeln, die er bisher kannte.

Wie untersucht man wissenschaftlich, welche Form der Kommunikation am geeignetsten ist?

Wir befassen uns etwa mit der Frage, wie man während einer Pandemie durch Videos kommunizieren kann. Hintergrund ist, dass sich die Informationsvideos der WHO stark von den populären Clips auf Youtube unterscheiden, die sich mit Corona beschäftigen. Deshalb arbeiten wir mit Filmemachern, Technikern und Anthropologen zusammen, was sehr bereichernd ist. Während sich die Wissenschaftler fast nur auf den Inhalt einer Aufnahme fokussieren, überlegt jemand anderes zum Beispiel, wie man den Ton bestmöglich rüberbringt.

Und wie finden Sie heraus, ob die Inhalte wirklich besser ankommen?

Wir haben kurze Videos gedreht, in denen ein und derselbe Schauspieler verschiedene Botschaften vermittelt. Und dann befragen wir Testpersonen, wie sie die Botschaften wahrnehmen. Außerdem haben wir untersucht, wie die Auffassungen sind, wenn der Schauspieler beispielsweise mal als Wissenschaftler und mal als Verkäufer auftritt.

Corona ist ein gutes Stichwort. Häufig hört man, viele Menschen hätten dadurch ihr Vertrauen in die Wissenschaft und den Journalismus verloren. Was kann man tun, um es zurückzugewinnen?

Wenn man sich die Zahlen anschaut, stimmt das nicht. Das Vertrauen geht – zumindest in Europa – nicht zurück. Wenn man allerdings Leute in der EU fragt, wie zufrieden sie mit der Kommunikation von Wissenschaftlern ist, schneiden die meisten Länder sehr schlecht ab. Die Bevölkerung hat also das Gefühl, dass Forscher nicht genug tun.

Wissenschaftskommunikation wird allerdings nicht immer ernst genommen – vor allem, wenn man eine Forscherkarriere anstrebt.

Dafür gibt es sogar einen Namen: den Carl-Sagan-Effekt. Sagan war ein brillanter Astronom – und doch wurde er oftmals nicht ernst genommen, weil er zu populär war und zu viel im Fernsehen machte. Dabei machte er auch großartige Forschung und veröffentlichte viel. Das passiert leider auch heute noch. Daran versuche ich zusammen mit vielen anderen Leuten etwas zu ändern. Nicht jeder einzelne Wissenschaftler ist geeignet, sein Wissen nach außen zu tragen. Aber man sollte als Fachbereich dafür sorgen, dass zumindest einige das tun.

Sind die Bedenken denn berechtigt? Fehlt den in der Kommunikation engagierten Menschen vielleicht die Zeit, sich auf ihre Forschung zu konzentrieren?

In der Tat gibt es Studien, die das Gegenteil zeigen. Forscher, die darüber hinaus in der Wissenschaftskommunikation tätig sind, schneiden auch in anderen Bereichen besser ab: Sie veröffentlichen mehr, werden häufiger zitiert. Früher gab es das Klischee, Wissenschaftskommunikation sei für Studierende, die nicht so gut sind. Das hat mich sehr geärgert. Einigen wurde sogar explizit abgeraten, sich in dem Bereich zu engagieren. Das wandelt sich glücklicherweise.

Wie kann man Ihrer Meinung nach die Wissenschaftskommunikation unter Forschern populärer machen?

In den Niederlanden hat unser derzeitiger Wissenschaftsminister dazu beigetragen: der theoretische Physiker Robert Dijkgraaf, der Direktor des Institute for Advanced Study in Princeton war. Er hat Erstaunliches geleistet, so hielt er etwa Live-Vorlesungen im Fernsehen. Eine Stunde lang hörten sich mehr als eine Million Zuschauer an, was er zu Schwarzen Löchern und Unendlichkeit zu sagen hatte. Niemand konnte behaupten, er würde das tun, weil er nicht gut genug für die Forschung sei. Gute Vorbilder sind extrem wichtig.

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