Direkt zum Inhalt

News: Steine erzählen über ägyptische Nomaden des Neolithikums

Aus Tausenden von Steinartefakten setzt eine Forscherin der University of Washington ein Bild der neolithischen Nomaden in der ägyptischen Sahara zusammen. Sie glaubt, aus dem Muster der Fundorte sogar die Wanderwege einzelner Menschen herauszulesen, die dort vor mehr als 5500 Jahren Nahrung suchten. Trotzdem bleibt das Rätsel: Warum lebten die Menschen freiwillig in der kargen Wüste und zogen nicht zum Nil?
Die Steinwerkzeuge und Fragmente liegen verstreut über den blanken und seit Jahrtausenden ungestörten Wüstenboden der östlichen Sahara. Sie erzählen von den Menschen, die dort vor 5500 bis 8000 Jahren vorüberzogen. Viele Steinwerkzeuge besitzen eine scharfe Klinge, mit denen die Nomaden wildes Gras ernteten, das damals noch in der Wüste wuchs, erklärt Angela Close, Anthropologin der University of Washington. Close stellte das von ihr zusammengesetzte Steinpuzzle auf dem jährlichen Treffen der Society for American Archaeology am 28.03.98 in Seattle vor. Aufgrund ihrer Forschungen glaubt sie, gute Gründe für die Annahme zu haben, daß die Nomaden nach einem bestimmten Muster durch die Wüste gezogen sind. Die Wanderer nutzten möglicherweise Rinder, um große Brocken Sandsteine zu transportieren, aus denen sie je nach Bedarf Werkzeuge herausschlugen. Dabei hinterließen manche von ihnen eine Spur aus Hinterlassenschaften, die heute noch zu erkennen ist.

Während neolithische Nomaden im Zentrum der Sahara Piktogramme und Felsmalereien zurückließen, weiß man bisher kaum etwas über die Bewohner der östlichen Sahara. Sie durchkämmten die Wüste dort wohl nur zu bestimmten Jahreszeiten nach Nahrung, bevor sie weiterzogen. "Es gibt da keine menschlichen Überreste, und alles, was wir bisher haben, sind gelegentliche Funde von Keramik, ab und an ein Mahlstein oder Schalen von Straußeneiern, die die Menschen als Behältnisse oder Flaschen benutzten", erklärt Close. Sie entdeckte die Fragmente und Steinwerkzeuge in einer Gegend etwa 920 Kilometer südwestlich von Kairo, die man heute Bir Safsaf nennt. Das Gebiet war vor fünf- bis achttausend Jahren menschenfreundlicher als heute, da damals ein Sommermonsun jährlich für etwa 20 Zentimeter Niederschlag sorgte. Man kann das damalige Klima mit dem der heutigen Sahelzone vergleichen, die sich südlich der Sahara erstreckt und wiederkehrend unter Dürre leidet. Close hält den Fundort Bir Safsaf für einzigartig, da ihn lange keine Menschenhand berührt hat: "Gegenstände, die dort vor Tausenden von Jahren auf den Boden fielen, sind immer noch da. Das Gebiet trocknete vor 5500 Jahren aus, und seitdem hat dort niemand mehr gelebt. Es gab auch niemanden, der etwas hätte rauben können. Es ist zwar nicht Pompeji, aber die Menschen hinterließen ihre Dinge bei Bir Safsaf, die dort in der Zeit eingefroren sind. "Die trockene Gegend ist flach und unfruchtbar. Es gibt keine markanten Erhebungen. Der kompakte Wüstenboden bildet lediglich kaum wahrnehmbare Hügel, die gar nicht an die riesigen wandernden Sanddünen erinnern, mit denen die Sahara oft assoziiert wird. Die wellenförmigen Hügel sind etwa ein bis zwei Meter hoch und erstrecken sich über hundert Meter bis zu einem halben Kilometer. Zwischen den Wellen findet man flache Niederungen, in denen früher Wasser floß, das der Monsun brachte. Er nährte damals die einheimischen Gräser. Laut Close waren es vor allem das Wasser und die Gräser, die die Nomaden in die Gegend lockten.

Die Wissenschaftlerin fand zahlreiche auf dem Wüstenboden verstreute Gesteinsbrocken aus Quarzit. Die nächste Quelle für diese Sandsteine ist allerdings etwa sechzehn bis zwanzig Kilometer entfernt. Offenbar gelangten sie durch Menschenhand nach Bir Safsaf. Close steckte ein Gebiet von acht Quadratkilometern ab und sammelte alle Steine ein, die sie darin fand. Schließlich hatte sie 5000 Artefakte zusammengetragen, von denen die kleinsten etwa einen halben Zentimeter groß sind und die größten bis zu 60 Kilo wiegen. Außerdem fand sie eine beachtliche Menge bearbeiteter Steine zum Beispiel aus Kieselsäuregestein und Feuerstein. Die nächsten Quellen dieser Steine sind 80 bis 145 Kilometer entfernt!

Als Close die Teile wieder zusammensetzte, entdeckte sie ein ungewöhnliches Muster in den Fundorten. Die Artefakte waren weder nach einem zufälligen Muster auf dem Wüstenboden verteilt, noch lagen sie nur auf bestimmten Sandhügeln. Close fand vielmehr, daß Fragmente von benachbarten Sandhügeln zusammengehörten. Die Nomaden, die die Steine hinterließen, sind offenbar mehrmals zwischen den Hügeln hin- und hergewandert. Manchmal konnte Close bis zu dreißig Einzelstücke zu einem Ganzen zusammenfügen und kann daher überzeugend die Wanderbewegung der Nomaden nachzeichnen. Die Wege der Wüstenwanderer führten offenbar nicht parallel an den Hügelwellen vorbei, sondern schnitten die Hebungen senkrecht. Die Himmelsrichtung, die sie dabei einschlugen, war entweder Nordwest oder Südost. Sie bewegten sich jeweils um einen halben Kilometer fort – was der durchschnittlichen Entfernung zwischen den Hügelkuppen entspricht.

Close glaubt daher, daß die Nomaden nicht ziellos wanderten, sondern sich immer von einem Hügel zum nächsten bewegten. "Es gab für sie keinen Grund, acht oder zehn Kilometer in einem Stück durch die Wüste zu wandern, um eine neue Nahrungsquelle zu finden. Sie gingen einfach zum nächsten Hügel, auf dem Gras wuchs." In dem Gebiet von Bir Safsaf blieben sie nur so lange, wie es dort Wasser gab und Gras gedieh, das sie ernten konnten. Wenn die Dürre einsetzte, zogen sie weiter.

Die unterschiedliche Größe der gefundenen Sandsteine verleitet Close zu Spekulationen: Die Nomaden brauchten vermutlich Tiere, um die besonders schweren Brocken durch die Wüste zu schleppen. "Einige waren so schwer, daß sie nur auf dem Rücken von Tieren transportiert werden konnten. Sechzehn Kilometer sind ein langer Weg für einen Menschen, wenn er dabei etwas tragen muß, das einen Zentner wiegt! Es gibt zudem Malereien im Zentrum der Sahara, auf denen Menschen abgebildet sind, die Rinder reiten", erklärt Close. "Aber ich habe auch die Bewegungen studiert, die sich aus den kleinen der zurückgelassenen Steine ergibt. Sie konnten von einem Menschen getragen werden. Ich glaube sogar, ich fand in dem Muster eine Person wieder, die einen Stein von Ort zu Ort trug, um je nach Gelegenheit Werkzeuge daraus zu schlagen."

Außer den Grassamen, aus denen man eine magere Mahlzeit herrichten konnte, kann Close sich keinen Grund vorstellen, warum Menschen vor achttausend Jahren in die östliche Sahara eingewandert sind. "Wir wissen, Menschen können sich harten Bedingungen anpassen. Sie haben sogar gelernt, bei Bir Safsaf zu leben. Wir wissen aber nicht, warum sie in einer so kargen Umwelt blieben, anstatt im Niltal zu leben. Wir sind doch eine Spezies, die wandert! Ansonsten wären unsere Vorfahren in Ostafrika geblieben."

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte