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Steppenzebra: Streifenzug in die Vergangenheit

Einst war das Steppenzebra im Süden Afrikas heimisch, bis Jäger die Population im 19. Jahrhundert ausgerottet haben. Jetzt wollen Biologen das Quagga zurückbringen. Ihr Zuchtprojekt wirft die Frage auf, ob man ausgestorbene Tiere überhaupt zurückholen kann - und ob man es sollte.
Schattierungen des Quaggas

Es war ein stiller Tod am 12. August 1883 im Natura-Artis-Magistra-Zoo in Amsterdam: Eine einsame Quagga-Stute starb. Die letzte ihrer Art. Europäische Wissenschaftler wollten damals nicht recht wahrhaben, dass diese Zebras damit von der Erde verschwunden waren. Quaggas hatten manchen Forschern gar als eine eigene Art der Gattung Pferd gegolten; und eine Zeit lang hofften die Zoos in Europa, dass irgendwo im südlichen Afrika doch noch eine verschollene Herde der Tiere auftauchen würde. Im Jahr 1900 kamen die Chronisten des Artensterbens zum Schluss: Damit ist nicht mehr zu rechnen.

In den Jahrzehnten zuvor waren die Quaggas im Süden Afrikas von europäischen Siedlern in Massen gejagt worden. Sie wurden erschossen, damit sie dem Nutzvieh nicht das Weideland streitig machten, um Fleisch und Fell zu erbeuten oder einfach nur zum Sport. Bereits 1840 schrieb der britische Jäger William Cornwallis Harris in seinen Aufzeichnungen vom Kap, dass »dieses Tier einmal sehr häufig in der Kolonie anzutreffen war, doch nun im Angesicht der voranschreitenden Zivilisation verschwindet«.

March Turnbull erkennt nichts Zivilisiertes in der raschen, gründlichen Ausrottung der Tiere. »Niemand verschwendete einen Gedanken an sie. Sie hatten keinen Wert und wurden daher auf eine unnötige, armselige Weise vernichtet«, sagt der Sprecher des »Quagga-Projekts«. Dieses hat sich 1987 mit dem Ziel gegründet, die ausgestorbene Art wieder zum Leben zu erwecken.

Im Herbst 2021, fast 140 Jahre nach dem Todesfall im Zoo von Amsterdam, bejubelten die Projektmitglieder auf dem Foto-Sharing-Dienst Instagram die Geburt eines Herdenmitglieds: »Endlich. Nach zwei Jahren des Wartens hat Nina ein Fohlen von bester Qualität zur Welt gebracht.« Für Turnbull ist dies ein weiterer von vielen mühsamen Schritten auf dem Pfad der »machbaren Korrektur einer historischen Ungerechtigkeit«.

Streit um das neue, alte Steppenzebra

Kritiker sehen das anders. Es sei nicht einmal klar, wie das neugeborene Fohlen eines »Rau-Quaggas« wissenschaftlich einzuordnen ist und ob es einen biologisch oder ökologisch wertvollen Beitrag leisten kann. »Als Artenschutz-Ökologe habe ich starke Vorbehalte gegenüber dem Projekt«, sagt Graham Kerley von der Nelson Mandela University im südafrikanischen Gqeberha, dem früheren Port Elizabeth. Es sei dabei nur möglich, ein Tier zurückzuzüchten, das oberflächlich der Erscheinung der ausgestorbenen Quaggas entspreche. »Wir haben keine Ahnung von anderen möglichen Unterschieden, gerade mit Blick auf die Komplexität von Verhalten und Physiologie«, sagt Kerley.

Bei der Rück- oder Abbildzüchtung wird versucht, eine ausgestorbene Art, Unterart oder Rasse zumindest äußerlich neu entstehen zu lassen, indem einzelne Tiere einer nah verwandten, lebenden Art miteinander verpaart werden. Das Ziel ist es, dem ausgestorbenen Vorbild phänotypisch möglichst nahezukommen, also wählt man für die Zucht Tiere mit ähnlichem Äußeren – etwa Steppenzebras, um Rau-Quaggas zu züchten.

Genotyp und Phänotyp

Der Genotyp stellt die Gesamtheit aller Gene eines Organismus dar. Die Summe aller Merkmale eines Organismus wird als Phänotyp bezeichnet, der je nach Organismus zu unterschiedlichen Anteilen entweder vom Genotyp oder von Umwelteinflüssen entschieden wird. Forscher nutzen unter anderem genotypische und phänotypische Unterschiede, um Arten und Unterarten zu klassifizieren. Solche phänotypischen Merkmale können bei Tieren zum Beispiel ihre Größe, die Stärke von Gliedmaßen, die Ausbildung von Fangzähnen oder Fellmuster und -farbe sein.

Die Quaggas der Vergangenheit sahen so aus, als ob einem Steppenzebra von der Schulter abwärts durch zu intensives Waschen die Streifen ausgebleicht wurden, so dass sie über den Rumpf bis zum Hinterteil des Tieres völlig verschwinden. Ersetzt wurden sie im Fellmuster dann durch unterschiedlich dunkle Brauntöne. Diesen Look sollen auch die neuen Rau-Quaggas annehmen. »Um unser Ziel zu veranschaulichen: Es geht uns darum, eine ausreichend große und überlebensfähige Herde sozusagen überzeugender Rau-Quaggas zu bekommen. Jedes Exemplar darin sollte sich – wenn man eine Zeitreise als Gedankenexperiment vornimmt – ohne aufzufallen in einer Herde der alten Original-Quaggas verstecken können«, erläutert Turnbull.

Rückgezüchtete Rau-Quaggas

So weit ist das Projekt noch lange nicht: Nur wenige der derzeit 109 Tiere wären unter echten Quaggas nicht aufgefallen. Besonders die braune Fellfarbe machte den Züchtern lange Schwierigkeiten, und erst jetzt stellen sich hier zunehmend Erfolge ein. Man zähle »im Moment zehn überzeugende Exemplare«, sagt Turnbull. Dazu kommen weitere Tiere, die Farmer in Südafrika privat gezüchtet haben, außerhalb des eigentlichen Projekts. Insgesamt bringen es diese verschiedenen Programme landesweit auf 200 Rau-Quaggas, 20 davon mit dem Prädikat »überzeugend«.

Inspiriert im Naturkundemuseum

Die Idee zur Quagga-Rückzucht geht ursprünglich auf den 2006 verstorbenen deutschen Naturhistoriker Reinhold Rau zurück. Rau hatte von 1959 an als Tierpräparator für das South African Museum in Kapstadt gearbeitet und sich dort von einem im Museum konservierten Quagga-Fohlen inspirieren lassen. Er war davon überzeugt, dass die Tiere keine eigene biologische Art darstellen. Auf der Suche nach Belegen reiste er 1971 nach Europa, untersuchte 22 weitere ausgestopfte Quaggas und nahm Gewebeproben. Die sind schließlich 1984 durch ein Team um Russell Higuchi an der University of California in Berkeley genetisch analysiert worden, woraufhin die Quaggas schließlich als Unterart des Steppenzebras eingestuft wurden. 2005 bekräftigte die Universität Uppsala mit inzwischen weiter ausgereiften genetischen Untersuchungsmethoden diese Klassifizierung. Rau hatte das Quagga-Projekt in Südafrika zu diesem Zeitpunkt längst auf den Weg gebracht: Er hatte mit einer kleinen Herde von Steppenzebras aus Namibia begonnen, deren Fellmuster eine gewisse Ähnlichkeit zu den streifenarmen Quaggas aufwiesen. Für die Zucht ging er daran, jeweils optisch besonders geeignete Hengste mit anderen Steppenzebras so zu paaren, dass die Quagga-Merkmale von Generation zu Generation deutlicher hervortreten. So entstand die Linie der Rau-Quaggas.

Quaggas im deutschen Farbfernsehen

Für Graham Kerley haben diese Tiere allerdings nichts mit einer natürlichen oder gar wilden Art zu tun: »Bei einer solchen selektiven Zucht kommt eindeutig kein Quagga heraus – sondern eine domestizierte Form des Steppenzebras. Denn Domestizierung ist das Resultat von künstlicher Selektion.« Der Prozess bringe zudem ein hohes Maß an Inzucht mit sich und somit »deutliche Einbußen genetischer Vielfalt«. Rau-Quaggas könnten bei einer Auswilderung außerdem eine Gefahr für wilde Zebra-Populationen darstellen: Eine Vermischung dürfte auch bei diesen die genetische Diversität einschränken.

Hier widerspricht March Turnbull: »Wir hatten bislang keine negativen Effekte durch Inzucht. Wir führen genaue Zuchtstammbücher und wissen, wer mit wem wie verwandt ist.« Dominante Zuchthengste zeugten Nachwuchs nur im Wechsel zwischen verschiedenen Herden – ein mitunter frustrierend vorsichtiger Ansatz, der aber nötig sei, so der Projektleiter: »Wir hatten derart lange Probleme, eine braune Fellfarbe zu etablieren, und so ist die Versuchung natürlich gewaltig, drei oder vier Tiere mit wirklich gelungener Färbung immer wieder zusammenzubringen. Das tun wir aber nicht!«

Das Ziel sind sechs intakte Familien

Das Projekt komme wegen solcher Vorsichtsmaßnahmen nur langsam voran: Das Ziel, eine stabile Herde von etwa 50 überzeugenden Rau-Quaggas mit ausreichender genetischer Diversität zu halten, liegt noch fern. »Die momentan 20 überzeugenden Tiere Südafrikas sind über mehrere Herden verteilt und in die dortigen Sozialstrukturen eingebunden«, so Turnbull. Weiter benötige das Projekt noch ein Areal, das groß genug und ökologisch geeignet ist, eine 50-köpfige Herde aufzunehmen. Sie würde aus etwa fünf oder sechs stabilen Familiengruppen bestehen; jeweils einem dominanten Hengst und etwa sechs bis sieben Stuten, außerdem einigen jungen Hengsten und halbwüchsigen Tieren, die nach Anschluss suchen würden. Unter solchen Bedingungen aber »würde jede Gruppe jährlich zwei bis drei Fohlen produzieren«, und der Moment wäre erreicht, sagt Turnbull, um »loszulassen« – also die Herde nicht mehr zu verwalten, sie sich selbst zu überlassen und wild werden zu lassen.

Aber wozu? Braucht es die neue, alte Unterart? Umstritten ist, ob die Subspezies sich genetisch oder ökologisch abhebt oder gar beides, wie einige Forscher zur Bedingung machen. Soll es darum gehen, eine ausgestorbene Art zurückzubringen? »Hier aber hätte man statt eines Quaggas ein domestiziertes, inzüchtiges Zebra«, sagt Kersey, der auch Mitglied der Spezialistengruppe für Pferdeartige in der Weltnaturschutzunion IUCN ist. Und: »Wenn die Tiere eine ökologische Rolle aus der Vergangenheit wieder einnehmen sollen, warum sollen nicht einfach Burchell-Zebras als Ersatz einspringen, die südliche Unterart des Steppenzebras?«

Ein genetisch zweifelhafter Status

Mitten hinein in den lang andauernden Streit um den Wert der Rau-Quaggas platzte dann eine Frage, die eigentlich schon beantwortet schien: Waren die Original-Quaggas überhaupt eine echte Unterart? Noch im 19. Jahrhundert hatten Forscher die Tiere sogar als eigene Art angesehen, auf Grund ihrer geografisch separaten Entwicklung und der großen phänotypischen Unterschiede. In einem 2018 im Fachmagazin »Nature« veröffentlichten Artikel zweifelt eine internationale Gruppe von Genforschenden nun sogar an, dass Quaggas eine deutlich von anderen Steppenzebras unterscheidbare Subspezies sind. Die Erbgutanalytiker hatten die DNA von 59 Steppenzebras aller sechs auf Grund morphologischer Unterschiede definierter Unterarten analysiert, auch von den ausgestorbenen Vertretern. Sie kommen zum Schluss, dass die genetische Struktur der einzelnen Populationen »überraschenderweise« nicht die Unterteilung in Unterarten widerspiegelt.

Anders gesagt: Es gibt natürlich sichtbare Unterschiede in Gestalt und Aussehen der verschiedenen Steppenzebra-Unterarten, die Tiere in den einzelnen Gruppen seien sich aber genetisch nicht erkennbar ähnlicher als andere Steppenzebras aus anderen »Unterarten«. Demnach sei es »nicht sinnvoll, das Steppenzebra überhaupt in Unterarten aufzuteilen. Dafür gibt es nach unseren Untersuchungen keine ausreichende Grundlage«, sagt der an der Studie beteiligte Populationsgenetiker Rasmus Heller von der Universität von Kopenhagen.

Die phänotypischen Variationen der Steppenzebras fallen ins Auge; besonders die Streifenmuster ändern sich mit dem Breitengrad von Nord nach Süd, wobei die ausgestorbenen Quaggas einst die südlichste Population darstellten. Biologen kennen solche Phänomene, bei denen sich das Aussehen einer Art mit der geografischen Lage einzelner Populationen entlang von Ökoklinen unterscheidet. Wie solche ökologische Grenzlinien entstehen und wie sie stabil bleiben, ist unter Evolutionsbiologen noch umstritten. »Ich bin nicht davon überzeugt, dass dies gut genug verstanden und erforscht ist, um es zur taxonomischen Klassifizierung heranzuziehen«, sagt auch Heller. Und fest stehe nach den Untersuchungen seines Teams eben, dass das Quagga den anderen Steppenzebra-Unterarten genetisch recht ähnlich ist – ähnlicher als etwa die nördlichste Variante des Steppenzebras in Uganda. Und diese wird nicht einmal als eigene Unterart geführt. Damit sollte das ausgestorbene Quagga auch nicht als Subspezies geführt werden.

Doch ändert das etwas an der wissenschaftlichen Relevanz der Rau-Quagga-Zucht? Nein, finden Turnbull und seine Mitstreiter: Sie hätten eher erleichtert zur Kenntnis genommen, dass die »Nature«-Studie von Heller und Co solch geringe genetische Unterschiede zwischen Quagga und anderen Steppenzebras gefunden hat. Denn damit sei wahrscheinlicher, dass der Unterschied im Phänotyp ebenfalls nicht auf deutlichen genetischen Unterschieden beruht. Stand jetzt müsse also gelten: Das ausgestorbene Quagga und die heutigen Steppenzebras unterscheiden sich eben vor allem im Aussehen. Und genau deshalb sei das Rückzüchtungsprojekt auch umsetzbar, betont Turnbull.

Heller warnt indes vor zu viel Enthusiasmus: Man müsse sich unbedingt klarmachen, »dass wir nicht wissen, welche Anpassungen neben dem einzigartigen Phänotyp beim Quagga entwickelt waren«. Vielleicht könne man die sogar wieder herzüchten. Aber »die zu Grunde liegenden Genvarianten könnten in den Steppenzebras noch vorhanden sind. Man müsste sie exakt passend rekombinieren, um ein Tier zu erschaffen, dass dann ein Quagga wäre und nicht nur so aussieht«, betont Heller. Solche genetischen Variationen der ausgestorbenen Tiere müsse man zudem erst einmal kennen, um das Zuchtziel eines »wahren« Quaggas exakt formulieren zu können.

Schattierungen des Quaggas | Drei Exemplare des Quagga-Projekts zeigen unterschiedliche Fortschritte bei Fellmuster und -farbe. Das Ziel des Projekts ist es, bei diesen Rau-Quaggas die Streifen unter der Schulter zu reduzieren und einen Braunton in der Fellfarbe herauszuarbeiten.

Bisher allerdings verstehen die Steppenzebraforscher nicht einmal im Detail, welche Gene der Tiere für Fellmuster und -farbe verantwortlich sind. Die Frage ist komplex, wie die Forschungsberichte der Evolutionsbiologin Brenda Larrison von der University of California in Los Angeles zeigen. Sie wollte klären, wie das Zebra seine Streifen bekam, und stieß dabei auf genetisch anspruchsvolle Mechanismen. Dafür hatte ihr Team »das komplette Genom eines Tiers aus dem Quagga-Projekt sequenziert«, berichtet Larrison. Noch sei unklar, welche Gensignaturen genau eine Rolle spielen – eindeutig aber sind für den Phänotypen der Steppenzebras nicht nur eines oder wenige Gene verantwortlich, sondern eine ganze Reihe.

Eine zweite Chance – für ein anderes Tier?

Das Quagga-Projekt soll trotz Schwierigkeiten und wissenschaftlicher Bedenken weitergehen. Manche Kritik sei berechtigt, räumt Turnbull ein. Man könne wirklich »die alten Quaggas wahrscheinlich nie exakt zurückbringen« – oder Evolutionsschritte derart genau kopieren, dass am Ende identische Versionen einer Art herauskommen. Das sei auch nicht das Ziel: »Wir möchten, dass ein Tier sich erneut und anders entwickelt, am Ende aber aussieht wie ein Tier, das schon einmal existiert hat.«

Ausgestorbene Arten wiederzubringen, ist oft kostspielig: Hoch ambitionierte »De-Extinction«-Projekte verschlingen nicht selten Millionen. Sollten solche Summen nicht lieber ausgegeben werden, um noch existierende Arten zu bewahren? »Wir sind alle Enthusiasten, die unentgeltlich arbeiten. Pro Jahr geben wir vielleicht 25 000 Euro aus, die wir auch nicht aus Fördergeldern für den Artenschutz beziehen«, stellt Turnbull klar. Die Zebrastreifenforscherin Brenda Larrison meint, dass es vielleicht keinen ökologischen Sinn ergibt, lange ausgestorbene Arten zurückzubringen – doch die Quaggas seien ein Sonderfall. Denn sie »verschwanden erst kürzlich und gehören zu einer existierenden Art, die weiter in ihrem originären Habitat lebt«. Wenn es einen guten Kandidaten für solch ein Projekt gebe, meint Larrison, dann sei es das Quagga. Und mit etwas Glück, ergänzt Turnbull, werden Menschen unsere Quagga-Herden eines Tages in Südafrika sehen und sagen: »Diese Tiere wurden zurückgebracht, weil wir sie niemals hätten verschwinden lassen dürfen.«

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