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News: Störende Stammwähler

Leicht ist mitunter die politische Meinung von Mitmenschen zu beeinflussen. Ganz wie Magnete lassen sich Unentschlossene von eifrigen Parteianhängern umpolen - zumindest im Modell.
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Kennen Sie das? Vor einer Bundestagswahl wollen uns nicht nur Politiker mit allerlei Versprechen auf ihre Seite ziehen, auch manch guter Bekannte und Freund tut freimütig seine Meinung kund. "Unmöglich der Mann", heißt es da, "wie kann man den wählen?" Meist gefolgt von einer endlosen Litanei, wieso ein bestimmter Kandidat oder eine Partei ganz und gar nicht zu empfehlen ist.

Wer sich noch keine endgültige Meinung gebildet hat, mag sich von derlei politischem Eifer beeindrucken lassen und schwenkt auf den Kurs des Parteianhängers. Aber nicht nur Wähler lassen sich von festen Werten beeindrucken, auch physikalische Systeme zeigen eine Tendenz zur Nachahmung: etwa beim Magnetismus, denn auch hier müssen sich die Bestandteile eines Systems – die winzigen Elementarmagneten – für eine Richtung entscheiden.

So bezieht ein Metall wie beispielsweise Eisen seine magnetische Kraft von den Spins – anschaulich der Eigendrehung – seiner Elektronen. Diese Spins sind fest mit einem magnetischen Moment gekoppelt und verhalten sich wie viele kleine Kompassnadeln. Wird von außen ein starkes Magnetfeld angelegt, so drehen sie sich in die Richtung des Feldes. Aber auch Nachbarspins beeinflussen sich, wie sich leicht ausprobieren lässt, wenn man einmal zwei Kompassnadeln einander annähert.

Und noch etwas gibt es bei Metallen, was frappierend der Wirkung von übereifrigen Parteianhängern ähnelt: Störstellen, an denen sich die Spins festsetzen, egal wie das Feld von außen angelegt ist. In beiden Systemen, sowohl bei den Wählern als auch beim Magnetismus, hängt der Einfluss auf die Umgebung vor allem von der Zahl der Nachbarn ab. Schließlich lassen sich ein oder zwei Unentschlossene leichter und vor allem schneller überzeugen als zehn oder zwanzig. Gleiches gilt für die Spins im Magneten.

Was liegt also näher als magnetische Modelle auf Wählerverhalten zu übertragen? Mauro Mobilia von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne versuchte den Vergleich und berechnete den Einfluss von Störstellen respektive Stammwählern auf ihre Umgebung und zwar in ein, zwei und drei Dimensionen. Das heißt, die Zahl der Nachbarn nahm zu, denn während in einem eindimensionalen System die Spins oder Wähler aufgereiht sind wie auf einer Perlenkette und jeder nur zwei nächste Nachbarn hat, sind es im zweidimensionalen schon vier und im dreidimensionalen sechs.

Wie zu erwarten war, ließen sich die Spins in der eindimensionalen Kette schnell von der störrischen Störstelle beeinflussen und nach kurzer Zeit zeigten alle Spins in dieselbe Richtung. Zwar ließen sich auch im zweidimensionalen System irgendwann alle Spins für eine Richtung begeistern, es dauerte jedoch deutlich länger. Im Dreidimensionalen blieb der Einfluss der Störstelle indes lokal beschränkt, nur einige Anhänger in der Nähe tummelten sich um den Spin mit fester Orientierung.

Und was sagt uns das? "Im realen Leben steht jeder im Kontakt mit mehr als zwei anderen Wählern, so erscheint das zwei- oder dreidimensionale Modell realistischer als das eindimensionale", erklärt Mobila. "In drei Dimensionen sind nicht alle Wähler dazu verdammt, einem Stammwähler zu folgen, und das beobachten wir mehr oder weniger auch im Alltag."

Freilich ist so ein einfaches Modell mit einem einzigen sturen Parteianhänger ohnehin noch nicht sonderlich realistisch. Darum wollen Mobila und einige andere Kollegen des Physikers das Modell auch entsprechend verfeinern und zufällig mehrere Stammwähler – also feste Spins – einstreuen, jeweils mit unterschiedlicher Überzeugungskraft und Meinung. Solche Modelle könnten dann beispielsweise Wahlprognosen verbessern – denn wie sagen die Meinungsforscher stets: "Wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, kommen wir unter Einbeziehung längerfristiger Überzeugungen und taktischen Wählerverhaltens zu folgendem Ergebnis." Aber auch den Naturwissenschaften könnte ein solches Modell dienlich sein. So lassen sich damit vielleicht besser bestimmte chemische Reaktionen und natürlich auch magnetische Prozesse verstehen.

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