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Deutschlands Vorgeschichte : Stonehenge an der Elbe

In Sachsen-Anhalt haben Archäologen ein großes Ringheiligtum entdeckt, das verblüffende Ähnlichkeit mit dem Steinkreis von Stonehenge hat. Es war ein Ort für brachiale Rituale.
Das Rondell von Pömmelte-ZackmündeLaden...

Stonehenge wohnt ein seltsamer Zauber inne. Was hatte die Menschen vor 4500 Jahren angetrieben, im Süden Britanniens mehrere tonnenschwere Megalithblöcke aufzurichten? Wozu der gigantische Aufwand? Und warum gibt es ausgerechnet im Umfeld des Steinkreises Gräber und sonderliche Rundmonumente? Die mächtige Ikone der Steinzeit birgt noch einige Rätsel, die Archäologen Stück für Stück lösen. Nicht nur in England: Forscher haben ein Pendant des weltberühmten Monuments entdeckt – mitten in Deutschland.

Unweit von Magdeburg an der Elbe befindet sich das Rondell von Pömmelte-Zackmünde im Salzlandkreis. Was Besucher dort sehen, erinnert auf den ersten Blick nicht besonders an Stonehenge: Hunderte Holzpfosten stecken in der Erde, angeordnet in Kreisen umzingeln sie einen großen Freiplatz in der Mitte. Genau genommen stehen diese Holzringe erst seit vier Jahren in der Flussniederung. Doch die Erbauer vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt haben sich das Rondell nicht ausgedacht. Es basiert auf einem jahrtausendealten Bauplan.

Aufbruch in eine neue Zeit

Archäologen haben erstmals von 2005 bis 2008 an dieser Stelle gegraben. Seit 2014 sind sie wieder dabei. Was sie fanden, ist nicht weniger spektakulär als das englische Steinrund und nicht weniger alt: C-14-Datierungen ergaben, dass in Pömmelte vor ungefähr 4300 Jahren eine Rundanlage aus Pfosten erbaut worden war – nebst einer Siedlung und einem Gräberfeld. Zu jener Zeit hatten die Europäer immer wieder drastische Veränderungen erlebt. Wenige Jahrhunderte zuvor waren Halbnomaden aus den eurasischen Steppen nach Westen gewandert und ließen sich in Mitteleuropa nieder. Archäologen sprechen bei ihnen von den Schnurkeramikern und den zum Teil später migrierten Glockenbecherleuten, nach der typischen Form und Verzierung ihrer Tongefäße. Die Steppenbewohner brachten zahlreiche Neuerungen mit – Pferd, Rad und Wagen sowie metallurgisches Wissen über Kupfer und Bronze. Die Zeit um 2300 v. Chr. ist dann auch die Phase, in der Forscher das Ende der Jungsteinzeit und den Beginn der Bronzezeit in Mitteleuropa verorten.

Pömmelte wurde an dieser Epochenschwelle erbaut. Wie die Ausgrabungen zeigen, hatte die gesamte Anlage einen Durchmesser von 115 Metern. Der Freiplatz im Inneren maß 47 Meter. Dazwischen deckten die Archäologen die Reste einer komplexen Baustruktur auf: An vier gegenüberliegenden Stellen befanden sich Zugänge in das Rondell. Zwei davon lagen auf einer Achse, auf der man ungehindert quer durch das Rund blicken konnte. Wer nun die Anlage durch den ersten Pfostenkranz betrat, überquerte zunächst einen Ring aus Gruben, dann einen Erdwall und direkt danach einen breiten kreisrunden Graben, auf den ein dicht gestellter Palisadenkreis folgte. Danach öffnete sich ein Platz, in dem zwei konzentrische, locker gesetzte Pfostenringe standen.

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Plan von Rondell und Siedlung | In Pömmelte-Zackmünde haben Archäologen die Reste eines Rundheiligtums und die Pfostenspuren zahlreicher Häuser frei gelegt.

Die Erbauer haben in der Anlage kaum etwas dem Zufall überlassen. Auf der Sichtachse, die durch die beiden Haupteingänge verlief, sah man zu bestimmten Zeiten die Sonne auf- und untergehen – nämlich genau an den Tagen, die zwischen den Sonnenwenden und den Tag-und-Nacht-Gleichen liegen. Altertumsforscher kennen diese Daten von späteren Kulturen. »Die Kelten etwa feierten am 1. Mai das Beltaine-Fest, das heute auch als Walpurgisnacht bekannt ist«, sagt François Bertemes von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Archäologe leitet mehrere vorgeschichtliche Forschungsprojekte in Mitteldeutschland, unter anderem zu Pömmelte-Zackmünde. Auf besagte Daten fallen auch die Keltenfeste Imbolc und Samhain. Sie stehen heute noch im christlichen Festkalender – als Mariä Lichtmess (2. Februar) und Allerheiligen (1. November). Bertemes: »Es gibt in Pömmelte einen klaren Bezug auf solare Ereignisse.« Der ehemalige Grabungsleiter von Pömmelte André Spatzier, der inzwischen am Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg tätig ist, stimmt dem zu. »Die Anlage ist eindeutig am Sonnenlauf orientiert.« Das bezeuge zudem die runde Bauform, ergänzt Bertemes. Sie war wohl nicht nur der Sonnenscheibe am Himmel entlehnt, sondern symbolisierte vermutlich auch den Jahresverlauf. »Die Menschen jener Zeit waren in Jahres-, Fruchtbarkeits- und Sonnenzyklen getaktet«, sagt Bertemes. Die wiederkehrenden Wendepunkte im Jahr dürften für die bäuerliche Gesellschaft essenziell gewesen sein. »Bis auf einige wenige Krieger waren damals alle Menschen Ackerbauern«, erklärt Spatzier. Und im Rondell von Pömmelte haben sie vermutlich ihren Lebensspender verehrt, die Sonne.

Runde Tempel für die Sonne

Nicht nur in Pömmelte, in ganz Europa haben Archäologen Rundanlagen entdeckt, die aus der Zeit vom 5. bis 2. Jahrtausend v. Chr. stammen. Die ältesten Beispiele aus der Jungsteinzeit firmieren unter der Bezeichnung Kreisgrabenanlagen, die aber ähnlich wie Pömmelte von Gräben, Palisaden und Erdwällen eingefriedete Plätze waren. Viele davon sind schlecht untersucht oder schlecht erhalten. Doch bei einigen wie dem ebenfalls in Sachsen-Anhalt gelegenen Goseck konnten die Ausgräber feststellen, dass auch dort die Zugänge auf wichtige Ereignisse im Sonnenjahr ausgerichtet waren, auf die Sonnenwenden und die Walpurgisnacht.

Das 4500 Jahre alte Stonehenge ist damit kein Sonderfall der Vorgeschichte. Es sticht aber durch seine raffinierte Architektur und das Baumaterial Stein hervor. Goseck oder Pömmelte unterscheiden sich davon nur, weil sie aus Holz und Erde errichtet worden waren. Dass Pömmelte ein Heiligtum war, dafür spricht einiges: die solare Orientierung, der Aufbau in konzentrischen Kreisen und die bemerkenswerte Ähnlichkeit zu Stonehenge. So haben beide Anlagen denselben Durchmesser. Und beide stehen in direkter Nachbarschaft zu anderen Kultstätten. Elbeabwärts, weniger als anderthalb Kilometer von Pömmelte entfernt, haben die Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege ein weiteres Rund frei gelegt: das Rondell von Schönebeck.

Eine Rituallandschaft mitten in Sachsen-Anhalt

Archäologe André Spatzier hat mit seinem Team 2011 Spuren dieser Rundanlage aufgedeckt. Kreisgräben und Pfostenkränze hatten dort einst einen offenen Platz umgeben. Die Anlage ist etwas kleiner als Pömmelte – sie misst zirka 80 Meter im Durchmesser – und wurde etwas später erbaut gemäß den C-14-Datierungen um 2200 v. Chr. Pömmelte und Schönebeck waren, so vermuten die Ausgräber, zwei Teile eines Ganzen. »Sie gehörten zu einer gemeinsamen Rituallandschaft«, erklärt Archäologin Franziska Knoll von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Mit ihren Kollegen gräbt sie seit zwei Jahren in Schönebeck und Pömmelte. Die beiden Heiligtümer standen in Sichtweite zueinander, beide waren zu Land und zu Wasser über die Elbe erreichbar. »Ein ganz ähnlicher Bezug«, sagt Knoll, »existierte in Stonehenge.«

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Der Steinkreis von Stonehenge | Die Megalitharchitektur ist ungefähr 4500 Jahre alt. Schon davor befand sich hier eine runde Erdwall- und Grabenanlage.

Der Steinkreis von Stonehenge war über ausgebaute Wege und den Fluss Avon mit anderen Monumenten verbunden. Gut drei Kilometer vom Steinrund entfernt liegen zum Beispiel Woodhenge und Durrington Walls, die ungefähr 4500 Jahre alt sind. Woodhenge war eine Rundanlage, ebenso Durrington Walls, bei dem auch dutzende Häuser standen. Wie die Grabungen des britischen Archäologen Mike Parker Pearson vom University College London zeigten, war die Siedlung nicht dauerhaft bewohnt. Nur zu den Sonnenwendzeiten hielten sich dort Hunderte von Menschen auf und verzehrten viel gebratenes Schweinefleisch. Davon zeugen tausende Tierknochen, die Zoologen analysierten. Demnach waren die Schweine stets zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende geschlachtet worden. Gezüchtet hatte man die Tiere aber woanders – an unterschiedlichen Orten auf den Britischen Inseln. Offenbar waren die Menschen aus ganz Britannien nach Stonehenge gepilgert, um dort mitten im Winter die längste Nacht des Jahres zu feiern.

Was von den Ritualen übrig blieb

Die Archäologen Knoll, Spatzier und Bertemes sind sich einig: In Pömmelte und Schönebeck könnte sich Ähnliches abgespielt haben, auch wenn es dort bislang keine Hinweise auf wiederkehrende Festzeiten mit üppigen Banketten gibt. Was allerdings existiert, sind Indizien, die auf spezielle Praktiken schließen lassen.

Zunächst Schönebeck: »Anders als in Pömmelte war das Rondell nicht durch einen dichten Palisadenzaun von der Umwelt abgeschottet«, erklärt Spatzier. »Man erblickte um sich herum die Landschaft – außer in Richtung Pömmelte«, fügt der Archäologe hinzu, »dort versperrte eine Palisadenwand die Sicht.« Eine hieb- und stichhaltige Erklärung haben die Archäologen dafür noch nicht. Spatzier vermutet aber, dass die beiden Anlagen gegensätzliche Vorstellungen symbolisierten – etwa Leben und Tod, Diesseits und Jenseits. Das lege die Fundsituation nahe. In Schönebeck gibt es nämlich vieles nicht, wovon Pömmelte zuhauf hat: Gruben, Gräber und Depots.

So stießen die Ausgräber im Kreisgraben der Pömmelter Anlage auf 29 schachtartige Gruben – eine jede davon reichte ungefähr zweieinhalb Meter tief in den Boden. 300 Jahre lang hatte man diese Gruben auf ganz ähnliche Art und Weise befüllt: Man ließ zunächst einen großen Korb in das Loch hinab, in dem zerschlagenes Trinkgeschirr, beschädigte Mahlsteine sowie Rinder- und Schafsknochen entsorgt worden waren. Dann wurde Kies in die Grube geschippt, und darauf wurden Tierknochen, Mahlsteine oder steinerne Axtköpfe abgelegt.

Immer gleiche Dinge, zertrümmert und auf dieselbe Art niedergelegt, gelten als typische Merkmale für Rituale. Aus der Vorgeschichte ist das mehrfach bekannt: Zerstört wurde, was die Menschen in einer Zeremonie oder bei einem Fest in einem Heiligtum verwendet hatten. Es darf nicht mehr in die Alltagswelt zurückgebracht werden. Intentionelle Unbrauchbarmachung nennen das die Fachleute.

Hatte man Menschen geopfert?

In einigen Schachtgruben machten die Ausgräber zudem schaurige Entdeckungen. Sie fanden die Skelette von Kindern, Jugendlichen und einer Frau, manches Mal auch nur Knochenteile. Da sind zum Beispiel das Stück eines Fußes, eines Oberschenkels, einer Hand. Ungewöhnlich war, dass die Toten nicht sorgsam bestattet, sondern achtlos in die Schächte befördert worden waren. Die Frau lag in verrenkter Pose am Grubenboden, über ihr ein Kind. Beiden hatte man den Schädel eingeschlagen und die Rippen gebrochen. Hunde hatten sich an der Frauenleiche zu schaffen gemacht. Und die Lage des Kinderskeletts deutete darauf hin, dass der kleine Körper gefesselt worden war.

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Ritualopfer? | Am Boden einer Grube lagen die Skelettreste einer Frau und eines Kindes. Beiden hatte man den Schädel eingeschlagen. Ob sie geopfert wurden, lässt sich aber nicht nachweisen.

Zwischen Tod und Deponierung war nur wenig Zeit verstrichen, wie die anthropologische Untersuchung ergeben hat. Hatte man diese Menschen demnach geopfert? »Das lässt sich archäologisch nicht nachweisen«, sagt François Bertemes. »Aus der Ethnologie kennen wir gewaltsame Totenrituale. Es wäre daher denkbar, dass man den beiden erst kurz nach dem Tod die Schädel eingeschlagen hatte.« Nach Ansicht von André Spatzier gehe es zudem nicht so sehr um die Frage Menschenopfer ja oder nein, sondern aus der Fundlage gehe eben nur hervor, dass die Leichen Teil eines Rituals gewesen sein könnten.

Diese Schlussfolgerung legen die übrigen Knochenfunde nahe. Die beiden Anthropologen Kurt Alt von der Danube Private University und Marcus Stecher von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben sie studiert. Sie stellten fest, dass sich meist gar keine Todesursache mehr bestimmen lässt. Ihnen fiel aber auch auf: Einige Skelette lagen derart lose in der Grube, die Körper müssen »sich bereits in einem fortgeschrittenen Verwesungsstadium« befunden haben, schreiben Alt und Stecher. Von den Gebeinen fehlten oft Schulterblätter, Rippen, Bein- oder Armknochen. Auch diese Toten waren nicht wie zwischen 2300 und 2000 v. Chr. üblich beigesetzt worden. In jener Zeit, das wissen Archäologen von vielen anderen Fundorten in Mitteleuropa, war es Sitte, die Verstorbenen mit angezogenen Beinen und auf der Seite liegend zu begraben.

Ein gegendertes Bestattungsritual

Indes: Im Detail sind diese so genannten Hockerbestattungen nicht völlig gleich. Körperseite und Kopflage unterscheiden sich, allerdings nicht beliebig. Die Haltung hing von der Kulturgruppe ab, der die Toten angehört hatten. Die Schnurkeramiker aus der Steppe, die seit 2900 v. Chr. in Mitteleuropa präsent waren, begruben ihre Verstorbenen mit dem Gesicht nach Süden gerichtet. Die Glockenbecherleute, die ebenfalls um 2500 v. Chr. aus dem Osten nach Mitteleuropa kamen, platzierten die Verstorbenen mit Blick nach Osten. Bei beiden Kulturen lagen die Männer aber auf einer anderen Körperflanke als die Frauen. »Es muss eine perfekt gegenderte Gesellschaft gewesen sein«, davon ist Bertemes überzeugt. Offenbar sollte die weibliche und die männliche Sphäre klar getrennt sein – selbst im Jenseits. Die Unterschiede im Totenritual sprechen laut Bertemes überdies dafür, dass Schnurkeramiker und Glockenbecherleute nicht dieselben religiösen Vorstellungen teilten.

»Es gibt in Pömmelte einen klaren Bezug auf solare Ereignisse«(François Bertemes, Archäologe, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Aus beiden Kulturen und der alteingesessenen Bevölkerung ging um 2200 v. Chr. vermutlich die Aunjetitzer Kultur hervor – das legen genetische Analysen nahe. Sie wurde nach dem Erstfundort Únětice (deutsch: Aunjetitz) in Tschechien benannt. Die Aunjetitzer Kultur orientierte ihre Toten ebenfalls nach Osten, allerdings ohne Geschlechtsunterschiede. Wenig später, um 2000 v. Chr., schwangen sich ebenjene Aunjetitzer zur bestimmenden Macht in der Region auf. Das Zentrum ihres Einflussgebiets befand sich über 100 Kilometer südlich von Pömmelte. Archäologen vom Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt haben es in großen Grabhügeln einst reich bestatteter Fürsten ausgemacht: in Leubingen, Helmsdorf und Bornhöck. Diese liegen in der Gegend von Saale und Unstrut südlich von Halle. Die Forscher sind überzeugt davon, dass jene Fürsten niemand anderes waren als die Herren der berühmten Himmelsscheibe von Nebra.

Ein Spiegel der Gemeinschaft

Pömmelte hatte einige Generationen vor der Himmelsscheibe existiert. Doch Hinweise auf bedeutende Männer entdeckten die Archäologen auch dort. Sie stießen entlang des Kreisgrabens auf 13 Gräber, in denen ausschließlich Männer im Alter zwischen 17 und 30 Jahren bestattet worden waren. Obwohl kaum Beigaben bei den Skeletten lagen, vermuten die Forscher, dass die Herren einst einen besonderen Status hatten. »Das legt die Fundlage innerhalb des Rondells nahe«, erklärt Spatzier.

Die Männergräber befinden sich nur in der Osthälfte des Rondells, die Skelette von Frauen und Kindern ausschließlich in den Gruben des Kreisgrabens. Darin kamen wiederum die großen Mahlsteine allein in den Schächten der Nordosthälfte ans Licht – in der Südwesthälfte lagen hingegen Steinäxte. »Die Mahlsteine könnten Symbole für die weibliche Welt dargestellt haben und die Steinäxte solche für die männliche«, interpretiert Spatzier den Fund. Nicht nur das Totenritual jener Zeit, sondern auch die heiligen Orte waren offenbar streng nach Geschlecht aufgeteilt. Beide Sphären trennte in Pömmelte zudem eine imaginäre Linie: die solare Sichtachse quer durchs Rondell. Was hinter all dem steckte, darüber können die Archäologen bisher nur spekulieren. Spatzier ist davon überzeugt, dass sich in dem Heiligtum das Weltbild der damaligen Gemeinschaft spiegelte, in das alle Aspekte des Lebens und des Glaubens einflossen.

Die Stadt um das Heiligtum

Doch wer waren die Menschen, die das Rundheiligtum von Pömmelte-Zackmünde errichtet hatten? Die Keramikfunde deuten darauf hin, dass die Erbauer Glockenbecherleute waren. »Und diese gehörten genetisch zu den Menschen, die in Britannien den Steinkreis von Stonehenge ausbauten«, erklärt François Bertemes. Das hat 2018 eine groß angelegte Genom-Studie ergeben. Dies könnte eine Erklärung für die vielen Parallelen zwischen beiden Fundorten liefern.

Wenige Generationen nachdem die Glockenbecherleute die ersten Pfosten in Pömmelte in den Boden gerammt hatten, suchten Menschen der Aunjetitzer Kultur das Rondell auf. »Das war aber wohl keine neue Bevölkerung, sondern es waren Menschen vom selben Schlag«, wie André Spatzier aus den Keramikfunden im Heiligtum schließt.

Seine These stützen die jüngsten Grabungen in Pömmelte. Franziska Knoll und ihre Kollegen haben das Umfeld des Heiligtums frei gelegt und die Reste von mindestens 30 Häusern gefunden. »Es handelt sich damit um eine der größten Siedlungen der Aunjetitzer Kultur in Mitteleuropa«, sagt die Archäologin. Wenige der zirka 20 Meter langen Häuser stammen aus der Zeit der Glockenbecher, die Mehrzahl hatten Menschen der Aunjetitzer-Zeit errichtet. Das belegen C-14-Daten, die Wohnbauten der beiden Kulturen haben aber auch einen unverkennbaren Grundriss: Die Glockenbecherhäuser waren trapezoid aufgebaut, die der Aunjetitzer rechteckig.

»Die Mahlsteine könnten Symbole für die weibliche Welt dargestellt haben und die Steinäxte solche für die männliche«(André Spatzier, Archäologe, Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg)

»Die Siedlung war enorm groß«, sagt Bertemes. »In der Mittelmeerregion würden wir bei dieser Größe von protourban sprechen« – also von stadtähnlich. Außerdem haben die Ausgräber ein großes Gräberfeld aufgedeckt. Häuser und Gräber säumen einen schmalen, unbebauten Streifen in der Grabungsfläche. »Hier könnte ein Weg verlaufen sein«, erklärt Knoll. »Die Richtung weist nach Schönebeck.«

Eine große Siedlung, ein großes Heiligtum – welche Bedeutung hatte Pömmelte? Sicher eine, die über die Region hinausreichte, sagen die drei Archäologen. Franziska Knoll kann sich gut vorstellen, dass manche Häuser als Unterkunft dienten. »Jemand musste die Anlage versorgen und Besuchern Kost und Logis bieten.« Vielleicht, sagt Knoll, war die Siedlung auch deshalb so groß.

Der Tempel geht in Flammen auf

Die Pfostenringe von Pömmelte standen ungefähr 300 Jahre lang in der Elbniederung. Dann kam ein abruptes Ende. Um 2050 v. Chr. stürzte man die Pfosten um, häufte sie inmitten des Runds auf und legte Feuer. Die verkohlten Reste scharrten die Menschen in den Kreisgraben. Das Heiligtum hatte offenbar seinen Zweck erfüllt, vermutet Spatzier. »Es wurde rituell abgebaut.« Danach passierte nicht mehr viel im Rondell. Die Menschen blieben aber noch einige Jahrzehnte im Umfeld wohnen. Um 1975 v. Chr. dann, das legen aktuelle C-14-Daten nahe, wurden die Siedlung und das Heiligtum im benachbarten Schönebeck verlassen.

Das Ende der Rondelle mag gewiss sein, jedoch sind längst nicht alle Fragen beantwortet. So wissen die Archäologen noch nicht, wie groß die gesamte Siedlung war. Außerdem ist unbekannt, was sich um das Rondell von Schönebeck befand. Und von diesem Rundheiligtum liegt noch ein Viertel unangetastet in der Erde.

2/2020 (Mai/Juni) Denisovaner

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Geschichte, 2/2020 (Mai/Juni) Denisovaner

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