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Politische Zwangseinweisungen: Die finstere Seite der Psychiatrie

Seit ihren Anfängen diente die Psychiatrie auch dazu, Gesellschaften zu normieren. So manches autoritäre Regime erfand Diagnosen für unbequeme Bürger und therapierte sie mit Gewalt.
Ein karger Raum mit drei Betten, in dem drei Personen zu sehen sind. Eine Person sitzt auf einem Bett links im Vordergrund, eine andere steht am Fenster in der Mitte des Raumes, und die dritte sitzt auf einem Bett rechts. Der Raum ist in gedämpften Farben gehalten, mit blassen Wänden und einem Fenster, das diffuses Licht hereinlässt. Die Atmosphäre wirkt beengt und nachdenklich.
Das Moskauer Serbski-Institut für forensische Psychiatrie, gegründet 1921, war in der Sowjetzeit berüchtigt für politisch motivierte repressive Behandlungsmethoden. Benannt ist es nach dem Psychiater Wladimir Petrowitsch Serbski (1858–1917). Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1990.

Wer das sozialistische Paradies verlassen will, muss verrückt sein. Für Waltraud Krüger wurde diese Floskel der DDR-Propaganda auf beklemmende Weise wahr. 1980 verhaftete die Stasi die damals 38-jährige Magdeburger Telefonistin. Sie war weder Dissidentin noch psychisch krank – und landete doch erst im Gefängnis und dann in der Psychiatrie. Ihre »Störung«: Seit 1973 hatte sie immer wieder Anträge an die Behörden gestellt, in den Westen übersiedeln zu dürfen.

Waltraud Krüger ist kein Einzelfall. In den 1970er- und 1980er-Jahren kam es im Ostblock zu einer regelrechten Epidemie psychiatrischer Diagnosen. Allerdings erkrankten nicht plötzlich mehr Menschen an ihrer Seele. Vielmehr konnte jeder, der sich nicht in die gehorsame Masse fügte, kurzerhand für krank erklärt werden. Speziell in der Sowjetunion genügten bereits oppositionelle Äußerungen, Ausreiseanträge oder religiöse Überzeugungen, um Menschen zwangsweise in die Psychiatrie zu stecken. Die Diagnose ersetzte Prozess und Gerichtsurteil.

Wie konnte eine Wissenschaft, die eigentlich seelisches Leid heilen soll, zu einem Instrument staatlicher Unterdrückung werden? Das liegt wohl an einem Zwiespalt, welcher der Psychiatrie seit ihren Anfängen anhaftet. Wie der renommierte Medizinhistoriker Andrew Scull, der lange an der University of California in San Diego forschte, in seinem Buch »Madness in Civilization« von 2015 feststellt, löste Wahnsinn immer nicht nur Mitleid, sondern auch Schrecken aus.

Exorzismus – mit Methode gegen Dämonen

Diese Ambivalenz zeigte sich besonders drastisch im Mittelalter. Damals lag die Behandlung psychisch Kranker in den Händen der Kirche. Wer als von Dämonen besessen galt, wurde in Klöstern und bei Exorzismen »geheilt« – mit Schlägen, heißem Wachs oder wochenlanger Fesselung zum Beispiel.

Als im 17. Jahrhundert die ersten »Tollhäuser« entstanden, waren diese meist eine bloße Erweiterung der damaligen Gefängnisse. Geisteskranke und Kriminelle galten gleichermaßen als Gefahr für die Ordnung und wurden entsprechend weggesperrt. Das Londoner Bethlem Hospital, besser bekannt unter dem Namen Bedlam, wurde zu einem berüchtigten Prototyp: »Patienten« wurden dort mit schweren Eisenringen um den Hals angekettet und der Londoner Stadtgesellschaft zur moralischen Abschreckung vorgeführt.

Mit dem Begriff »Psychiatrie«, den der Hallenser Arzt Johann Christian Reil (1759–1813) im Jahr 1808 prägte, wurde das Feld endlich der Medizin zugeordnet. Wahnsinn galt nun als Nervenkrankheit, als Defekt im menschlichen Organismus. Die neue Behandlungsmethode versprach Fortschritt, brachte jedoch auch neue Formen der Gewalt mit sich: kalte Bäder, stundenlanges Fixieren in Zwangsjacken oder die Verabreichung von Opiumpräparaten. Seit dem späten 19. Jahrhundert kamen weitere invasive Verfahren hinzu, unter anderem Elektroschocks und chirurgische Eingriffe am Gehirn.

Psychiatrie in Leningrad | Die Sonderpsychiatrische Haftklinik in der Arsenal-Straße 9 war seit 1951 Teil des sowjetischen Repressionsapparats und eine der berüchtigtsten Einrichtungen zur Internierung politischer Dissidenten. Die Aufnahme entstand vermutlich 1990.

Die Erklärungen wechselten – anfangs vor allem religiös, mit dem Einzug der Industrialisierung mechanisch, medizinisch –, doch die Logik blieb stets dieselbe: Der Kranke galt nicht ganz als Mensch. Man konnte mit ihm umgehen, als sei er ein Gegenstand, ein Tier oder ein defekter Mechanismus. Gewalt wurde nicht als solche erkannt, sondern als notwendiges Mittel, ja als Fürsorge aufgefasst.

Aus dieser Logik erwuchs eine Praxis, die die Psychiatrie über Jahrhunderte hinweg prägen sollte: die Behandlung ohne Einwilligung. Lange war Zwang die therapeutische Norm. Seit dem 19. Jahrhundert erlaubten sogar Gesetze in England, Frankreich und in Teilen des deutschsprachigen Raums, Menschen allein aufgrund von Aussagen ihrer Familien oder eines ärztlichen Gutachtens zu internieren. Wer sich wehrte, galt als noch kränker.

Wer entscheidet, was normal ist?

Diese Entwicklung traf auf eine strukturelle Schwäche der Psychiatrie. Anders als andere medizinische Disziplinen verfügte sie trotz allen Fortschritts der Wissenschaft über keine objektiven Messkriterien. Psychische Krankheiten wurden ausschließlich am Verhalten festgemacht. Doch wer entscheidet, was auffällig ist und was normal? Die Instanz ist stets dieselbe: die Gesellschaft. Wie der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) in seinem 1961 erschienenen Werk »Wahnsinn und Gesellschaft« betonte, war die Psychiatrie von Beginn an ein System, das gesellschaftliche Normen durchsetzte, indem es Abweichungen pathologisierte.

Dadurch entstanden Diagnosen, die mehr über die jeweilige Gesellschaft als über die Patienten verrieten. Jede Epoche definierte ihr eigenes Bild des Wahnsinns – als Spiegel ihrer Ängste, Obsessionen und Machtverhältnisse: Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, wurde die Manie zum Gegenbild zur damals gefeierten Vernunft und zum Inbegriff des Wahnsinns. Ein Jahrhundert später, als Frauen ein neues Selbstbewusstsein entwickelten, wurde Hysterie zur Universaldiagnose für weibliche »Abweichungen«. Frauen, die studieren oder einen »Männerberuf« ergreifen wollten, galten als krank. Nach der Pariser Kommune im Jahr 1871 wurden viele aufständische Frauen nicht ins Gefängnis, sondern als »Hysterische« in die Psychiatrie eingewiesen.

Bisweilen wurde es grotesk: Das amerikanische Plantagensystem etwa brachte die »Drapetomanie« hervor – ein vermeintliches Nervenleiden, das angeblich Sklaven zur Flucht trieb. Der in Mississippi und Louisiana praktizierende Arzt Samuel Cartwright schrieb 1851, nur ein gestörter Geist könne das »Glück« der Sklaverei ablehnen. ​​Und im kolonialen Algerien deuteten französische Psychiater den traditionellen Geisterglauben an J’nun (Dschinn) oft als Symptom einer schweren psychiatrischen Krankheit und hielten die vermeintlichen Patienten gegen ihren Willen fest.

Erst der Beginn des 20. Jahrhunderts markierte einen Wendepunkt in der Psychiatrie. Eine neue Generation von Neurologen und Psychotherapeuten – Sigmund Freud (1856–1939), Pierre Janet (1859–1947) und andere – begann, den Patienten selbst zuzuhören. Für sie war Krankheit nicht mehr Verlust von Menschlichkeit, sondern Ausdruck innerer Konflikte, seelischer Kämpfe, traumatischer Erfahrungen. So bekamen Patienten erstmals eine Stimme und mit ihr auch Rechte.

Dieser entscheidende Paradigmenwechsel stieß vielerorts freilich auf den Widerstand des Establishments. Und doch begann sich die Psychiatrie allmählich von ihrem repressiven Erbe zu lösen.

Keine therapeutische Revolution in Russland

Nur in einem Land Europas vollzog sich dieser Wandel nicht. In Russland hatte 1917 zwar die politische Revolution gesiegt, doch die therapeutische Revolution wurde verworfen. Die neuen Konzepte galten der sowjetischen Führung als »bourgeoise Pseudowissenschaft«. Eine personenzentrierte Seelenkunde passte nicht in ein politisches System, das den einzelnen Menschen lediglich als Teil von Klasse und Geschichte sah. Und so blieb die Psychiatrie in den Jahrzehnten der Sowjetunion das, was sie in ihren schlimmsten Zeiten schon immer gewesen war: ein Machtinstrument.

Anfang der 1970er-Jahre entfielen in Moskau laut einer WHO-Studie fast 80 Prozent aller Schizophreniediagnosen auf Formen, die international nicht anerkannt waren. Dahinter standen nicht bloß unterschiedliche diagnostische Traditionen. In der Sowjetpsychiatrie wurde die Krankheit politisch definiert.

Die systematische Politisierung der Psychiatrie begann in den 1960er-Jahren – just in einer Phase, als die Sowjetunion versuchte, sich nach außen als moderner und humaner Staat zu geben.

Zimmer oder Zelle? | Eine Flurszene im Moskauer Serbski-Institut im Jahr 1990.

Nach Josef Stalins Tod 1953 endete der offene Terror. Massenverhaftungen wurden gestoppt. Kontrolle aber sollte bleiben. Dafür schuf der sowjetische Staat zunächst die juristische Grundlage: Eine Reihe von Gesetzen ermöglichte die Zwangseinweisung psychisch Kranker ohne Gerichtsbeschluss, allein auf ärztliche Entscheidung hin.

Erst danach errichtete man das notwendige »medizinische« Fundament. Im Interesse des Staats wurde eine neue Diagnose eingeführt: »schleichende Schizophrenie«. Eine Krankheit ohne überprüfbare Symptome, zu deren Merkmalen ihr Erfinder, der regimetreue Psychiater Andrei Sneschnewski (1904–1987), Dinge wie Reformeifer, einen übersteigerten Gerechtigkeitssinn, überhöhtes Selbstwertgefühl oder misstrauisches Denken zählte. Die Diagnose ließ sich auf alles anpassen: Protest galt als »überreizt«, Schweigen umgekehrt als »abgestumpft«, Ironie als »unangemessen«. Eine perfekte Krankheit, erkennbar nur für den Staat.

Kein Verfahren, Urteil, Rechtsbeistand

Damit war die eigentliche Innovation vollzogen. Jeder, der dem System missfiel, konnte jetzt für krank erklärt und zwangsweise eingewiesen werden – direkt aus dem Alltag heraus, ohne Verfahren, ohne Urteil, ohne Frist, ohne Rechtsbeistand. Und wer einmal hinter Klinikmauern verschwunden war, galt als diskreditiert – sozial, politisch, beruflich, menschlich. So entstand, wie der Dissident Alexander Podrabinek (* 1953) es in seinem Buch »Punitive Medicine« 1980 treffend bezeichnete, eine »Strafpsychiatrie« – ein System, das Repression als Therapie tarnte, ein psychiatrischer Gulag.

Bereits 1979 waren mehr als 6000 Menschen in psychiatrischen Spezialkliniken untergebracht – so die offiziellen Zahlen aus dem Zentralarchiv des russischen Innenministeriums. Die Dunkelziffer der Einweisungen in gewöhnliche Kliniken lag vermutlich um ein Vielfaches höher. Ein indirekter Hinweis darauf: Ende der 1980er-Jahre, als die Sowjetunion diese Einweisungspraxis auf internationalen Druck hin zurückfuhr, wurden fast zwei Millionen Menschen aus den psychiatrischen Registern gestrichen.

Die hohen Zahlen erklären sich durch die Opfergruppe. Es ging nicht nur um Dissidenten, sondern vor allem um unbequeme Bürger: Gläubige, Ausreisewillige, Künstler oder einfache Beschwerdeführer – Menschen, die nach einer ungerechten Kündigung oder Schikane an höhere Instanzen schrieben, um Gerechtigkeit einzufordern.

Was sie in den Kliniken erwartete, war keine Therapie mit dem Ziel einer Verbesserung des Gesundheitszustandes, sondern eine Kombination aus den repressiven Methoden der alten Anstaltspsychiatrie mit den damals modernsten Mitteln der Psychopharmakologie.

Das Arsenal des Schreckens

Das Arsenal reichte von wochenlanger Isolation und Elektroschocks bis hin zur Verabreichung von Medikamenten, die Krämpfe auslösten. Den Patienten wurde das Essen verweigert, sie wurden zu aggressiven Mitpatienten gelegt oder stunden-, ja tagelang fixiert.

Eine verbreitete Methode war die sogenannte »Einwicklung«, die auch der spätere Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky (1940–1996) am eigenen Leib erfahren musste, wie er berichtete. 1964 wurde er in seiner Geburtsstadt Leningrad drei Wochen lang als »sozialer Parasit« psychiatrisch begutachtet. Nachts wurde er aus dem Bett geholt, in eiskaltes Wasser getaucht, in nasse Laken gewickelt und anschließend an die Heizung gelegt. Als die Stoffe trockneten, zogen sie sich zusammen und schnürten sich schmerzhaft um den Körper.

Erwartete Waltraud Krüger 1980 in Ostberlin das gleiche Schicksal wie viele sowjetische Opfer der Strafpsychiatrie? Nach ihrer Verhaftung wurde sie einem Psychiater des Ministeriums für Staatssicherheit vorgeführt – ein routinemäßiger Vorgang bei Stasi-Häftlingen. In den 1970er-Jahren berichtete beispielsweise eine DDR-Überläuferin in den Westen, dass in das Bezirksklinikum für Psychiatrie und Neurologie Uchtspringe im Bezirk Magdeburg jährlich 125 bis 150 mehrheitlich jugendliche Festgenommene nach Fluchtversuchen zur »Untersuchung auf Gehirnschäden« eingewiesen wurden.

Nach Erkenntnissen des – westdeutschen – Bundesnachrichtendienstes aus dem Jahr 1977 gab es offenbar Bestrebungen in der DDR, sowjetische Methoden zu übernehmen. Rechtlich hatte man vergleichbare Möglichkeiten geschaffen – Zwangseinweisungen waren seit 1968 geregelt. Die tatsächlichen Ausmaße blieben jedoch geringer als in der UdSSR.

»Die DDR nutzte die Psychiatrie primär zur gezielten Informationsgewinnung«Thomas Strauß, Therapieforscher

»Die DDR nutzte die Psychiatrie primär zur gezielten Informationsgewinnung«, erklärt Thomas Strauß. Der Psychotherapieforscher leitet seit 2019 den Forschungsverbund »Seelenarbeit im Sozialismus« an der Universität Jena und hat zahlreiche Zeitzeugengespräche mit ehemaligen DDR-Psychotherapeuten geführt. Die Stasi rekrutierte systematisch Ärzte und Psychologen, da diese Zugang zu den intimsten Problemen ihrer Patienten hatten. Die gewonnenen Informationen dienten der berüchtigten »Zersetzung« – einer psychologischen Methode, um Regimegegner durch Manipulation zu brechen.

Genau das geschah bei Krüger: Beim Arzt erhielt sie ein Medikament, das sie zwang, gegen ihren Willen auf alle Fragen zu antworten. Unter dem Einfluss von Psychopharmaka und Falschinformationen über ihre inhaftierten Familienangehörigen zog sie schließlich ihren Ausreiseantrag zurück.

Kein systematischer Missbrauch in der DDR

Eine Reihe ähnlicher und noch drastischerer Einzelfälle – darunter auch körperliche Misshandlungen – wurde nach der Wende durch Untersuchungskommissionen in den neuen Bundesländern offiziell bestätigt. Die Zahl der anerkannten Rehabilitierungsanträge blieb jedoch gering: In Thüringen waren es 21, in Brandenburg nur ein einziger. »Nach allem, was wir wissen, hat es keinen systematischen Missbrauch der Psychiatrie und Psychotherapie in der DDR gegeben«, fasst Strauß zusammen.

Warum? Vor allem wohl wegen des internationalen Drucks. Selbst die mächtige Sowjetunion sah sich 1983 gezwungen, aus dem Weltverband für Psychiatrie auszutreten, um einer öffentlichen Untersuchung der Missbrauchsvorwürfe zu entgehen. In einem kleineren und für westliche Beobachter viel leichter zugänglichen Land wie der DDR hätte sich ein vergleichbarer Skandal nur schwer vertuschen lassen. Hinzu kam das moralische Erbe des Nationalsozialismus: Zehntausende psychisch Kranke waren in der NS-Zeit ermordet worden. Ein systematischer Missbrauch der Psychiatrie in der DDR hätte peinliche Vergleiche provoziert.

Auch in anderen Ostblockstaaten – Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei – gab es in den 1960er- bis 1980er-Jahren einen politischen Missbrauch der Psychiatrie. Dieser blieb jedoch weit hinter dem systematischen Charakter der sowjetischen Repressionspraxis zurück. Mit Ende des Kalten Krieges verschwanden solche Praktiken aus dem Alltag.

Selbst im heutigen Russland bleiben Fälle wie diese zum Glück die Ausnahme. Bekannt wurde der sibirische Schamane Alexander Gabyschew, der 2019 zu Fuß nach Moskau marschierte, um »Putin auszutreiben«, und prompt in der Psychiatrie landete. Doch der Kreml setzt heute auf andere Mittel. Statt subtiler psychiatrischer Repression bevorzugt er offene Einschüchterung und demonstrative Härte.

Strafpsychiatrie der Gegenwart

Damit ist die Strafpsychiatrie jedoch keineswegs Geschichte. Es gibt nämlich noch ein sozialistisches Land, in dem sie nicht nur Fuß fasste, sondern gerade jetzt auf ein völlig neues Niveau gehoben wird: die Volksrepublik China.

Zwischen 2015 und 2021 wurden mindestens 144 Fälle von Zwangseinweisungen ohne medizinische Grundlage dokumentiert – in über 100 Kliniken, verteilt über ganz China. Das geht aus einem Bericht der Organisation Safeguard Defenders hervor. »Diese dokumentierten Fälle sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs – die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher sein«, sagt die chinesische Menschenrechtsaktivistin Mou Yanxi, die die Recherche leitete.

Im Jahr 2025 berichtete die BBC, 59 Personen identifiziert zu haben, die nach Protesten oder Auseinandersetzungen mit Behörden in Kliniken eingewiesen und psychiatrisch behandelt wurden, unter anderem mit Antipsychotika und teilweise auch mit Elektrokonvulsionstherapie – einem Verfahren, das gemeinhin bei schwerstdepressiven Patienten eingesetzt wird. Dabei lösen Ärzte durch Stromimpulse unter Narkose eine kurzzeitige Übererregung im Gehirn aus.

China hatte nämlich einschlägige Praktiken von der Sowjetunion übernommen und weiterentwickelt. Seit den 1990er-Jahren werden unerwünschte Personen meist in reguläre Kliniken gebracht. Dieses System umgeht Gerichtsverfahren und erlaubt es dem Staat, ganze Bevölkerungsschichten zu erfassen.

Laut Yanxi sind heute mehr als 80 Prozent der Betroffenen keine Dissidenten, sondern einfache Bürger, die auf legalem Weg ihr Recht suchen. Die Methoden – Elektroschocks ohne Narkose, Zwangsmedikation, Isolation – sind dieselben wie einst in der UdSSR. Und neben neuen Kontrolltechnologien wie Gesichtserkennung und Social-Credit-System fügt sich auch diese alte Praktik nahtlos in das Arsenal einer modernen Diktatur: Repression, getarnt als Fürsorge.

Ein Symbol dieses Missbrauchs ist die 1989 geborene Dong Yaoqiong, das »Tintenmädchen«. Im Jahr 2018 filmte sie sich dabei, wie sie Tinte auf ein Porträt des chinesischen Staatspräsidenten schüttete und dessen Politik kritisierte. Das Video verbreitete sich rasend schnell im Internet. Kurz darauf wurde sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Bis heute befindet sie sich dort in Zwangsbehandlung.

Waltraud Krüger hatte am Ende Glück. 1981 durfte sie mit ihrer Familie die DDR verlassen. Acht Jahre später veröffentlichte sie ihre Geschichte unter dem Titel »Ausreiseantrag«.

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  • Quellen

Erices, R., Psychotherapeut https://doi.org/10.1007/s00278–021–00514–5, 2021 Krüger, W., Ausreiseantrag, 1989

Sartorius, N. et al., Schizophrenia Bulletin 10.1093/schbul/1.11.21, 1974

Scull, A., Desperate Remedies 10.2307/j.ctv2sp3dmc, 2022

Süß, S. (Hg.), Politisch mißbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR, 1998

Voren, R., Schizophrenia Bulletin 10.1093/schbul/sbp119, 2009

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