Blockierte Straße von Hormus: Werden Düngemittel knapp?

Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar ist die Straße von Hormus faktisch gesperrt, erst heute durften einzelne Schiffe die Meerenge wieder passieren. Waren aus den ölfördernden Golfstaaten sitzen dort seit Anfang März fest. Dazu zählen nicht nur Erdöl und Erdgas, sondern auch andere Produkte, die für die Weltwirtschaft unverzichtbar sind. Fachleute warnen vor einer Knappheit an Düngemitteln.
Was haben Düngemittel mit Erdgas zu tun?
Erdgas ist nicht nur Energieträger, sondern auch Grundlage für die Herstellung von Wasserstoff – und der wiederum wird für die Synthese von Ammoniak (NH3) benötigt, die Ausgangsbasis für Stickstoffdünger. Weil durch den Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus nun ein guter Teil des weltweit gehandelten Erdgases fehlt, wird auch Wasserstoff zum knappen Gut. Und darunter leidet direkt die Produktion von Stickstoffdünger.
Vor allem Länder, die einen Großteil ihres Erdgases aus der Golfregion beziehen, müssen daher möglicherweise Produktionsanlagen für Düngemittel wegen des ausbleibenden Rohstoffs abschalten. Kritisch wird die Versorgung in den Ländern, die ihr Erdgas komplett oder zum Großteil aus dem Arabischen Golf beziehen, darunter Indien und weitere asiatische Länder. Dort wurden bereits Produktionsfabriken für Dünger geschlossen oder heruntergefahren.
Aber auch Nationen, die ihr Erdgas anderweitig beziehen, bekommen den Engpass zu spüren, da die Preise für den Rohstoff weltweit steigen. Anlagen für die Düngerproduktion bleiben nur profitabel, wenn die Betreiber die steigenden Rohstoffpreise an ihre Abnehmer weitergeben – also an die Landwirte.
Wie wird aus Erdgas Dünger?
Erdgas besteht zum Großteil aus Methan (CH4). Mit Wasserdampf und unter hohen Temperaturen erhält man daraus Wasserstoff (H2), der im Haber-Bosch-Prozess mit Stickstoff aus der Luft (N2) zu Ammoniak (NH3) umgesetzt wird. Etwa 80 Prozent der Weltproduktion von Ammoniak werden zu Düngemitteln verarbeitet, unter anderem zu Harnstoff.
Werden Düngemittel auch direkt über die Straße von Hormus transportiert?
Dünger sowie Erdöl- und Erdgasverarbeitungsprodukte, die für die Herstellung von Dünger essenziell sind, werden ebenfalls in den Golfstaaten produziert und über die Straße von Hormus exportiert. Die wichtigsten darunter sind Ammoniak und Harnstoff. Jedes Jahr passieren zusammengenommen 15 Millionen Tonnen dieser beiden Stoffe die Meerenge. Das entspricht schätzungsweise ein Viertel der Weltproduktion. Hinzu kommen Mono- und Di-Ammoniumphosphate, aus denen Phosphatdünger hergestellt wird. Zwischen 2019 und 2023 lieferte allein Saudi-Arabien circa ein Fünftel allen Diammoniumphosphats und ein Zehntel des weltweiten Monoammoniumphosphats. Insgesamt exportieren Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait und Bahrain zwischen acht und zehn Prozent der weltweiten Düngemittel in mehr als 40 Länder.
Daneben wird auch fast die Hälfte des weltweit gehandelten Schwefels über die Straße von Hormus verschifft. Aus Schwefel hergestellte Schwefelsäure ist wiederum nötig, um Phosphatdünger zu produzieren. 60 Prozent des Weltverbrauchs an Schwefel gehen in die Herstellung von Dünger.
Werden Düngemittel jetzt knapp?
Im März 2026 warnte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP), dass der Krieg im Iran und die blockierte Straße von Hormus Hungersnöte weltweit auf ein Rekordniveau treiben könnten. Die Organisation sieht vor allem Länder in Subsahara-Afrika und Asien gefährdet, da diese einen Großteil ihrer Lebensmittel und Treibstoffe importieren. In der Betrachtung spielt aber nicht nur ein konkreter Mangel an Düngemitteln eine Rolle, sondern ebenso steigende Energiepreise und dass durch die Blockade auch Frachtschiffe für anderweitige Transporte fehlen. Selbst, wenn Ernten nicht direkt ausfallen, könnte der Irankrieg Hungerkrisen weltweit verschärfen – vor allem, weil sich viele Menschen durch die gestiegenen Lebensmittelpreise kein Essen mehr leisten können.
Eine Gruppe von Experten aus Österreich und den Niederlanden kommt zu dem Schluss, dass es mittelfristig nicht direkt an Düngemitteln mangeln wird, diese aber teurer werden. Die Pflanzsaison für viele Lebensmittel fange gerade an oder habe bereits begonnen, schreiben die Autorinnen und Autoren in ihrer Analyse. Da Düngemittel für gewöhnlich mehrere Monate im Voraus gekauft würden, wirke sich die derzeitige Schließung der Straße von Hormus bislang nicht aus. Sie verweisen außerdem auf die erst wenige Jahre zurückliegende Krise, als im Jahr 2022 durch den russischen Angriff auf die Ukraine Düngemittel schlagartig teurer wurden. Man habe damals nur »geringfügige Auswirkungen auf Ernteerträge beobachtet«.
Dünger wird durch das verknappte Angebot aber zumindest teurer. Der Weltmarktpreis für Harnstoff ist seit dem 27. Februar von 465 auf 675 US-Dollar pro Tonne gestiegen (Stand: 23.3.2026) und liegt damit so hoch wie zuletzt im Oktober 2022. Bauernverbände berichten auch hierzulande von steigenden Düngerpreisen. Wie sich die Preise über das Jahr entwickeln, hängt davon ab, wie lang die Straße von Hormus geschlossen bleibt und wie lange der Krieg im Iran andauert.
Woher stammt der in Europa verwendete Dünger?
Stickstoffdünger wird in EU-Ländern teils selbst produziert, teils importiert. Europa ist daher zum einen von steigenden Erdgaspreisen betroffen, zum anderen von steigenden Düngemittelpreisen selbst. Im Jahr 2025 importierten die EU-Länder gut 28 Millionen Tonnen Düngemittel, davon mehr als die Hälfte Stickstoffdünger und Ammoniak, und exportierten knapp 12 Millionen Tonnen.
Düngen wir nicht eher zu viel als zu wenig?
Zunächst: Ohne ausreichend Nährstoffe können Pflanzen nicht leben, Stickstoff und Phosphor sind kritisch für deren Wachstum. Ohne den technischen Haber-Bosch-Prozess, mit dem Stickstoff aus der Luft in Ammoniak umgewandelt und damit für Pflanzen zugänglich gemacht wird, wäre die Welt deshalb wohl deutlich spärlicher bevölkert. Schätzungen zufolge ernähren mineralische Dünger fast die Hälfte der Menschheit.
Auf der anderen Seite ist die zunehmende Belastung von Böden, Gewässern und der Luft mit Stickstoffverbindungen laut Experten eines der größten Umweltprobleme der heutigen Zeit. Warum also besteht auf der einen Seite ein Überschuss und auf der anderen ein Mangel?
Zum einen verwerten Pflanzen nicht alles, was aufs Feld kommt. Studien zeigen, dass Ackerpflanzen im Schnitt nur etwa die Hälfte des ausgebrachten Düngers aufnehmen. Nicht verbrauchter Stickstoffdünger verbleibt nach der Ernte als Nitrat im Boden; Regen spült es in Flüsse und Seen. Dort schädigt es Wasserorganismen und lässt Algen wachsen, die wiederum Sauerstoff verbrauchen. In Deutschland ist das Problem gravierend: An rund 16 Prozent der Grundwassermessstellen lagen die Nitratgehalte zuletzt über dem EU-Schwellenwert von 50 Milligramm pro Liter. Überschüssige Stickstoffverbindungen gelangen außerdem in Form von Ammoniak in die Luft und können Böden und Gewässer an anderer Stelle versauern. Das gefährdet zum einen Tier- und Pflanzenarten weltweit und wirkt zum anderen als Treibhausgas.
Eine weitere Rolle spielt die Viehwirtschaft. Nutztiere scheiden überschüssige Nährstoffe wieder aus, was zunächst einmal gut klingt, denn Gülle lässt sich als Dünger verwenden. Dieser Kreislauf ist allerdings nicht geschlossen: Erstens schwankt die Nährstoffzusammensetzung jener Exkremente, weshalb es vorteilhaft sein kann, stattdessen industriell hergestellten Dünger zu verwenden, wo das Nährstoffverhältnis genau eingestellt ist. Zweitens liegen die zu düngenden Felder nicht unbedingt in denselben Gegenden, in denen auch der Mist anfällt. Stickstoffemissionen aus der Viehhaltung tragen daher ebenso zur Stickstoffbelastung der Umwelt bei.
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