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Rekordtemperaturen: Streit um Deutschlands Hitze-Hochburg

Der deutsche Hitzerekord liegt bei 42,6 Grad - doch wie lange noch? Die Station, an der er gemessen wurde, liefert bekanntermaßen zu hohe Werte. Fachleute fordern, den Rekord zu annullieren.
Eisessen im Hochsommer – eine durchaus schwierige Angelegenheit.Laden...

Zum ersten Mal in diesem Sommer wird es nun längere Zeit sehr warm, doch Hitzerekorde sind nicht zu erwarten. Allerdings nicht nur, weil die 40-Grad-Marke noch in weiter Ferne ist, sondern auch weil die bisherige Höchstmarke so aberwitzig hoch ist: 42,6 Grad wurden vergangenen Sommer in Lingen im Emsland gemessen. Selbst in Zeiten des Klimawandels ist dieser Rekord kaum zu brechen. Es sei denn, der Höchstwert wird disqualifiziert. Genau das fordern viele Fachleute.

Aus Sicht der Kritiker wäre das ein längst überfälliger Schritt: Der Deutsche Wetterdienst würde damit eingestehen, dass er einen Fehler gemacht hat. Denn die Wetterstation im Westen der 54 000 Einwohner zählenden Stadt entspricht nach Ansicht vieler Meteorologen nicht den strengen Ansprüchen, die an solche Standorte gestellt werden. Er sei nicht geeignet, um das Wetter repräsentativ zu messen, heißt es. Der Grund: Einerseits liegt er in einer Mulde, in der sich Wärme stauen kann, andererseits ist er von dichten Sträuchern und Bäumen umgeben, die eine Belüftung behindern und damit die Messung verfälschen können. Meteorologen sprechen von einem »Garteneffekt«.

Man misst die Lufttemperatur in zwei Meter Höhe über einer Rasenfläche, früher in einer weiß angestrichenen Wetterhütte mit guter Belüftung. Heute lassen Ventilatoren Außenluft an den Sensoren vorbeiströmen. Um die Richtigkeit der Messung zu überprüfen, setzt der Wetterdienst gleich zwei Temperaturfühler in das Gerät. Außerdem dürfen für einwandfreie Temperaturmessungen weder Gebäude oder andere Hindernisse die Sensoren abschatten, noch dürfen Beton- oder Asphaltoberflächen zu nahe an der Station liegen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass sich durch Hindernisse kein Luftstau bildet.

Wo eine Wetterstation stehen darf

Die WMO (World Meteorological Organization) unterscheidet verschiedene Güteklassen, die Station Lingen scheint einer eher niedrigen anzugehören. Die Schwankungen der Messung könnten dadurch bis zu zwei Grad betragen. Zudem steht die Station offenbar auch nicht im Einklang mit den Richtlinien des DWD. Die Wetterhütte solle auf natürlichem Untergrund, möglichst auf einer Rasenfläche stehen und der Luftströmung ungehindert ausgesetzt sein, heißt es darin. Am besten eigne sich hierfür ein freier Platz oder ein locker mit Sträuchern bewachsenes und möglichst ebenes Gelände. Zudem dürfe der Luftraum, in dem gemessen wird, nicht durch Mauern, Bretterzäune, Hecken, dicht stehendes Strauchwerk oder dicht wachsende höhere Pflanzenkulturen abgeschlossen sein.

Schaut man sich die Station genauer an, fällt auf, dass sie nur bei bestimmten Wetterlagen Ausreißer produziert. Hauptsächlich bei östlichen Windrichtungen staut sich vermutlich die Warmluft an der Station, eine Hecke wirkt offenbar wie eine Barriere. Die Station in Lingen scheint dadurch nicht den Qualitätskriterien zu genügen, wie sie die Weltmeteorologie-Organisation (WMO) vorschreibt.

Die Kritik an dem Standort ist nicht neu, sie wurde direkt nach Bekanntwerden jenes ominösen Rekordwerts am Abend des 25. Juli vor einem Jahr von zahlreichen Meteorologen geäußert und in Wetterforen diskutiert. Die Zweifel wuchsen so schnell wie die Temperaturen stiegen an jenem Sommertag. Der Meteorologe Jörg Kachelmann hatte bereits ein Jahr zuvor in einem Beitrag für »T-Online« den Luftstau rund um die Wetterstation bemängelt. Anderen Meteorologen und privaten Wetterdiensten war die Station schon länger aufgefallen, weil sie bei manchen Wetterlagen erheblich höhere Werte maß als vergleichbare Stationen um den Standort herum. Lingen war dadurch um ein bis drei Grad wärmer. Eine Hitzeinsel mitten im sonst so kühlen Emsland.

Rekorde sind politisch

Umso mehr überraschte, wie der Deutsche Wetterdienst die Lage zu jener Zeit einschätzte. Nach einer Routineprüfung der Messtechnik bestätigte der Wetterdienst den Hitzerekord einen Tag später. Die Behörde hatte zudem die Umgebungsbedingungen überprüft, auch hier hatte sie nichts zu beanstanden. Genug freie Fläche sei vorhanden, Lingen habe einfach gute Bedingungen für große Hitze, sagte DWD-Sprecher Andreas Friedrich dem NDR. Kurzum: Der neue deutsche Hitzerekord in Lingen gilt. Für den Wetterdienst war die Debatte damit beendet.

Handelt es sich hier bloß um eine Posse zwischen Wetter-Nerds? So einfach ist es nicht. Hitzerekorde können in Zeiten des Klimawandels gar nicht unpolitisch sein, vor allem wenn sie den alten Wert um mehr als zwei Grad übertreffen – was in der Wettergeschichte nur selten vorkommt. Mit Rekordwerten wird Klimapolitik betrieben, sie taugen als Menetekel einer um sich greifenden Klimakrise. Die Öffentlichkeit reagiert weniger auf langsam steigende Durchschnittswerte, sondern vor allem auf plötzlich auftretende Extremereignisse und -werte.

»Können die Werte überhaupt richtig sein?«(Karsten Schwanke)

Ob das nun falscher Aktionismus ist oder nicht – der Anspruch an korrekte Messungen wird dadurch umso wichtiger. Klimaleugner lauern auf Fehler seriöser Wissenschaftler oder Institutionen, zu denen der Deutsche Wetterdienst natürlich gehört, und nehmen diese zum Anlass, ihre kruden Theorien zu verbreiten. Eine davon lautet, dass es sich bei der Erderwärmung bloß um einen statistischen Effekt der sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verdichtenden Städte handle. Sie ziehen dadurch den Anstieg der globalen Mitteltemperatur in Zweifel. Einzig und allein der Wärmeinseleffekt zubetonierter Agglomerationen löse den Temperaturanstieg aus, heißt es. Was schon deswegen nicht stimmt, weil viele Stadtstationen längst nicht mehr zur Berechnung des globalen Mittelwerts einfließen – oder bereits ins Umland verlegt wurden.

Der Fall Lingen jedenfalls geriet nach dem spektakulären Rekord erst einmal in Vergessenheit. Höchstens informierten Kreisen fielen auch während der Herbstmonate gelegentlich ungewöhnlich hohe Tageswerte aus dem Emsland auf. Dann stieg am 21. Mai die Temperatur in Lingen erneut in die Höhe – mit 29,4 Grad war die Stadt im Emsland bundesweit der wärmste Ort, dieses Mal im Frühling 2020. Das Problem: Erneut wurde in den Wetterstationen der Umgebung deutlich niedrigere Werte gemessen, und zwar um drei bis vier Grad. Die Kritik wurde wieder lauter, am 29. Mai bestätigte der Deutsche Wetterdienst den Rekordwert jedoch im hauseigenen Frühjahrsrückblick. Für einige Meteorologen war der Bogen damit endgültig überspannt.

Die Messungen waren schon lange umstritten

Darunter war auch ARD-Wettermoderator Karsten Schwanke. Schon die Entscheidung, Lingen als deutschen Hotspot auszurufen, hatte bei ihm vorigen Sommer Kopfschütteln ausgelöst. Dem 51-Jährigen war die Station jedenfalls schon länger aufgefallen, man hätte sie längst mit »kritischem Menschenverstand überprüfen lassen müssen«. Spätestens aber jetzt im Mai hätte man in Offenbach eine einfache Frage stellen können: »Können die Werte überhaupt richtig sein?«

Schwanke meint damit nicht die technische Qualität der Messung, tatsächlich können beim Ausfall von Ventilatoren Fehler auftreten. Es geht ihm um die Grundfrage nach dem geeigneten Standort. »Wer sich die Höchstwerte von damals ansieht, dem springt der Wert aus Lingen sofort ins Auge«, sagt er. 40 Grad wären an jenem Nachmittag in Niedersachsen eine plausible Höchsttemperatur gewesen, wie man anderen Stationen in der Umgebung entnehmen konnte. Aber rund 43 Grad? Niemals, meint er. Schwanke hätte den Wert jedenfalls streichen lassen, wenn er in der Verantwortung gestanden hätte.

Richtig verärgert habe ihn allerdings die Reaktion des Wetterdiensts auf die erneute Kritik Ende Mai. Darunter waren zwar auch manche Meteorologen und private Wetterdienste, die auf der Jagd nach billigen Klicks selten Seriosität oder fachliche Kompetenz beweisen und nebenher den Boulevard mit haarsträubenden News füttern, in der Sache dieses Mal aber nicht so falsch lagen. In einem Scharmützel auf Twitter mit einem DWD-Meteorologen warf Schwanke dem Wetterdienst Ignoranz, Unprofessionalität und Gutsherrenart aus dem letzten Jahrhundert vor. Seit Jahren habe der DWD Messwerte privater Wetterstationen mit dem Hinweis ignoriert, dass nur seine Stationen die einzig offiziellen Werte anzeigen würden. »Wie borniert kann man eigentlich sein?«, fragt er.

Lingens letzter Rekord

Fast ein Jahr nach dem unglaublichen Rekord in Lingen hat nun der Deutsche Wetterdienst auf die Kritik reagiert. Der DWD hat die Wetterstation Lingen offline gestellt, die Wetterbehörde möchte Messdaten nicht mehr veröffentlichen. Es seien »auffällige Differenzen zwischen Messungen von Maximalwerten der Lufttemperatur in Lingen anderer DWD-Stationen im Emsland erkennbar«, heißt es in einer Pressemitteilung von Anfang Juni. Solche Unterschiede gebe es innerhalb eines Gebietes zwar immer wieder, jedoch sei die Differenz hier sehr groß. Der Deutsche Wetterdienst möchte die Station jetzt wissenschaftlich untersuchen. Und was passiert mit dem deutschen Hitzerekord?

»Der Rekord von 42,6 Grad steht so lange in den Büchern, bis die wissenschaftliche Untersuchung geklärt ist«, teilt Pressesprecher Andreas Friedrich mit. Es könne allerdings passieren, dass man im Herbst oder gegen Ende des Jahres den Wert nachträglich korrigiere. Bei windschwachen und strahlungsintensiven Wetterlagen gebe es beim Lingener Standort offensichtliche Probleme, die Fläche falle zu einer Seite ab, allerdings sei der Ort »keine Suppenschüssel«, wie manche behauptet hätten.

Richtig sei allerdings, dass der Bewuchs zu nahe am Temperaturfühler sei, hätten ihm Messtechniker erklärt. Die wiederum hätten nun an etwas oberhalb der Fläche einen weiteren Temperaturfühler eingerichtet. Den plötzlichen Sinneswandel des Wetterdiensts erklärt er folgendermaßen: »Die Abweichung zu Umgebungsstationen ist dieses Jahr noch höher ausgefallen als ein Jahr zuvor«, sagt Friedrich. Daher hätte man die Reißleine gezogen.

Neue Rekordwerte aus Lingen sind in diesem Sommer jedenfalls nicht zu erwarten. Eine Verlegung der Station sei außerdem längst beschlossene Sache, sagt Friedrich. Allerdings nicht wegen Bedenken bezüglich der Temperaturmessung, sondern wegen der Messung des Windes. Die Bäume rund um den Standort wären in den vergangenen Jahren einfach zu hoch gewachsen.

Wird der Hitzerekord von Lingen am Ende tatsächlich aberkannt, müssen sich künftig zwei Orte den Rekord teilen. An jenem historischen Hochsommertag Ende Juli 2019 kletterte das Thermometer in Duisburg-Baerl und Tönnisvorst am Niederrhein auf 41,2 Grad. Zweifel an den Messungen gab es keine, in der gesamten Region war es ähnlich brütend heiß.

26/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26/2020

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