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News: Streß legt das Gedächtnis lahm

Unter extremen Streßbedingungen können sich Menschen an bestimmte Dinge nicht mehr erinnern. Ihr Gehirn wird durch physiologische Prozesse zu einem quasi 'unwichtigen' Organ herabgestuft, und das Gedächtnis läuft auf Sparflamme. Dieser Vorgang ist aber zum Glück reversibel und ohne Spätfolgen.
Hohe Konzentrationen des Streßhormons Cortisol können vorübergehend das Gedächtnis beeinträchtigen. Zu dieser Auffassung kommt John Newcomer von der Washington University in St. Louis in einer Studie, in der Versuchspersonen unterschiedliche Mengen an Cortisol verabreicht bekamen. Die Ergebnisse wurden in der Juni-Ausgabe der Archives of General Psychiatry veröffentlicht (Abstract).

Frühere Studien haben gezeigt, daß hohe Dosen synthetischer Glucocorticoide, die als Medikamente bei der Behandlung von Asthma und Lupus eingesetzt werden, Gehirnschäden und Gedächtnisprobleme verursachen können. John Newcomer wollte wissen, ob auch das natürliche Glucocorticoid Cortisol, das im Körper als Streßhormon auftritt, denselben Effekt hat. Es löst bei Streß die sogenannte fight-or-flight-Reaktion aus, bei der Glucose ausgeschüttet wird und dann im Blut zirkuliert.

Über vier Tage hinweg schluckten 51 Freiwillige zweimal täglich entweder eine hohe Dosis Cortisol (160 mg), eine kleine Menge (40 mg) oder einen Placebo. Die hohe Dosis "ist nicht gleichbedeutend mit einem miesen Tag im Büro", sagt Newcomer. Sie löst eher einen Erregungszustand wie vor einem schwierigen chirurgischen Eingriff aus, "als ob man während eines Krieges 100 km in ein Flüchtlingslager marschieren muß oder ein furchtbar krankes Kind hat", sagt er.

Nach dem ersten Tag konnten sich noch alle Freiwillige gut an Einzelheiten aus Textpassagen erinnern, die sie angehört hatten. Die Texte enthielten insgesamt ungefähr 90 Informationen. Nach vier Tagen zeigten die Versuchspersonen mit der hohen Dosis jedoch eine deutlich schwächere Gedächtnisleistung. 93 Prozent der Gruppe erinnerten sich an ungefähr 20 Details weniger als die anderen Beteiligten. Eine Woche nach dem Experiment schnitten allerdings wieder alle Testpersonen gleich gut ab.

Die Forscher vermuten, daß erhöhte Cortisolmengen auf irgendeine Weise den Glucosetransport in die Zellen des Hippocampus, die bei der Erinnerung eine Rolle spielen, verhindern. Sie werden damit vorübergehend ihrer Energieversorgung zugunsten anderer Organe beraubt und praktisch "auf Sparflamme gestellt".

Der Neuroendokrinologe Bruce McEwen von der Rockefeller University in New York City findet es bemerkenswert, daß die Beeinträchtigung nicht von Anfang an auftritt: "Das Gehirn ist offenbar gegen Streß geschützt, da es nicht sofort irgendwelche Auswirkungen zeigt und diese Auswirkungen vollständig reversibel sind." Newcomer und seine Gruppe versuchen nun, den spezifischen Cortisolgehalt im Blut zu bestimmen, bei dem eine Beeinträchtigung der Gehirnleistung auftritt. Sie hoffen, daß es dann eines Tages für Ärzte einen Bluttest gibt, mit dem sie Streß als Ursache für Gedächtnisprobleme bei ihren Patienten ausschließen können.

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