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News: Stress macht vergesslich

Prüfungsstress kennen die meisten von uns. Hoffentlich haben aber die wenigsten die bittere Erfahrung gemacht, dass ihr Erinnerungsvermögen wie ausgelöscht war, als die entscheidenden Fragen gestellt wurden. Jedenfalls können sie nichts dafür, das haben Neurowissenschaftler jetzt herausgefunden: In besonders stressigen Augenblicken verlieren wir schnell das Vermögen, Erinnerungen wieder ins Gedächtnis zu rufen.
In vielerlei Hinsicht funktioniert unser Gehirn tatsächlich wie ein Computer. Weil der elektronische Rechenknecht nimmt auch unser Rechenzentrum Informationen erst kurz in einer Art schnell verfügbarem Arbeitsspeicher auf, um sie danach fest zu speichern. Im Gehirn geschieht dies durch Verschaltung zahlreicher Nervenzellen untereinander – sie bilden einen so genannten neuronalen Cluster aus. Einmal so auf die "Festplatte gebracht" lassen sich Informationen beliebig oft wieder abrufen. Ältere Studien zeigten schon, dass Cortisol – ein Stresshormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird – das Erinnerungsvermögen verschlechtert. Möglicherweise löst das Hormon die Verbindungen zwischen den einzelnen Neuronen wieder auf, wodurch auch die Erinnerung verloren geht. Dem gegenüber steht die Meinung, dass Cortisol lediglich den Informationsfluss blockiert.

Dem gingen der Physiker Dominique de Quervain, von der Universität Zürich, und seine Kollegen erneut nach (Nature Neuroscience, vom April 2000). Sie ließen ihre 36-köpfige Versuchsgruppe in einem bestimmten Zeitraum 60 Verben auswendig lernen und fragten sie zuerst unmittelbar nach der Lernphase und dann nochmals 24 Stunden später ab. Dazu verabreichten sie einem Teil der Probanden zu unterschiedlichen Zeitpunkten 25 Milligramm Cortison, das vom Körper sehr schnell zu Cortisol umgewandelt wird. Die Forscher konnten – im Vergleich zur Cortison-freien Testgruppe – keine Verschlechterung des Erinnerungsvermögens bei den Versuchsteilnehmern feststellen, denen das Präparat eine Stunde vor oder unmittelbar nach der Lernphase verabreicht wurde. Sie bewerten den Befund als einen Hinweis dafür, dass Cortisol gar keinen Einfluss auf die Erinnerungsleistung hat.

Anders verhielt es sich dann bei der Abfrage nach 24 Stunden. Diejenigen Probanden, die eine Stunde vor dem Test das Cortison schlucken mussten, konnten sich anschließend im Schnitt nur noch an 11 Wörter erinnern. Die Placebo-Gruppe wusste noch 17 Verben – immerhin ein Unterschied von 35 Prozent. Für die Forscher steht damit fest: Das Stresshormon beeinflusst nicht die frischen Verschaltungen im Gehirn, sondern die älteren, vermeintlich robusteren Neuronen-Cluster. In der nächsten Zeit wollen De Quervain und seine Kollegen untersuchen, in wieweit dauerhaft erhöhte Cortisolmengen, wie im Falle chronischer Depressionen, das Erinnerungsvermögen beeinflussen.

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