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Nachhaltige Ernten: Streuobstwiesen, das Paradies von nebenan

Streuobstwiesen sind reich an köstlichem Obst, das viel zu oft verrottet. Das ist ein Verlust an Geschmack und eine Bedrohung für die Umwelt. Zeit, die Wiesen zu retten!
Streuobstwiese beim Sonnenaufgang
Wenige Lebensräume in Deutschland sind so artenreich wie Streuobstwiesen. Doch leider sind sie im Bestand bedroht.

Gelbmöstler, Palmischbirne oder Welsche Bratbirne heißen die Baumriesen auf den alten Streuobstwiesen. Ihre dicken, borkigen Stämme tragen mächtige Kronen, die im Herbst bunt leuchten und im Frühjahr die Landschaft mit tausenden weißen Blüten verzieren. Mostbirnen werden 300 Jahre alt, 30 Meter hoch, und ein einziger Baum kann in guten Jahren bis zu eine Tonne Birnen tragen. Mittlerweile gibt es nur ein Problem: Niemand will die Birnen haben. Statt für Säfte, Brände und Most genutzt zu werden, verrotten sie auf der Wiese. Immerhin: Am ungenutzten Fallobst tummeln sich Wespen, Hornissen und Schmetterlinge. Ähnlich ergeht es jedes Jahr tausenden Tonnen hochwertiger Äpfel, Zwetschgen und Kirschen.

Um das Jahr 1900 bekam man am Stuttgarter Großmarkt noch umgerechnet 120 bis 150 Euro für den Doppelzentner Äpfel (100 Kilogramm), und das wertvolle Obst wurde bis nach Paris gefahren. Diese goldenen Zeiten waren bald vorbei, aber bis in die 1960er Jahre lohnte sich der Betrieb von Streuobstwiesen noch. Seither ging es mit den Preisen stetig bergab. Der ertragreichere Intensivobstbau in Gunstlagen wurde stark subventioniert, die alten Obstbäume waren bei der maschinellen Bewirtschaftung im Weg, und es gab sogar Hiebprämien. Heute bekommt man für einen Doppelzentner Mostäpfel etwa acht Euro.

»Da lohnt sich das Bücken kaum noch«, sagt Klaus Schmieder, Professor am Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim. Aus Schmieders Sicht ist die fehlende Wirtschaftlichkeit das größte Hindernis auf dem Weg zur Erhaltung der Streuobstwiesen. Nach seinen Erfahrungen braucht man beim Auflesen des Mostobstes von Hand etwa eine Stunde pro Doppelzentner, und der Stundenlohn von acht Euro müsse dann auch noch für den Baumschnitt und die Wiesenmahd reichen.

Admiral an fauligem Apfel | Streuobstwiesen weisen eine hohe Artenvielfalt auf – gerade auch bei Insekten. Hier nutzt ein Admiral die zuckerreichen Säfte eines gammeligen Apfels.

Obstbäume werden seit Jahrtausenden kultiviert, die Streuobstwiesen in Deutschland wurden aber vor allem im 19. Jahrhundert angelegt und erlebten ihre Blütezeit in den 1920er und 1930er Jahren. Die lose verstreut stehenden Bäume einer typischen Streuobstwiese tragen die ersten Äste erst ab 1,80 Meter Stammhöhe, sind also so genannte Hochstämme. Dadurch erlauben sie die Bewirtschaftung der darunter liegenden Wiese: ein Anbausystem, das man heute als »Agroforst« bezeichnen würde, also die Verknüpfung von Bäumen und Landwirtschaft auf derselben Fläche.

»Da lohnt sich das Bücken kaum noch«(Klaus Schmieder)

Im Lauf der Zeit hat sich eine große Vielfalt an Obstsorten entwickelt, teils durch gezielte Zucht, teils durch Zufallskeimlinge, die von den Bauern und Bäuerinnen weiter kultiviert wurden. So gibt es allein in Deutschland mehr als 6000 Obstsorten, darunter mindestens 2700 Apfel- und 800 Birnensorten. In Streuobstwiesen wachsen schmackhafte Tafeläpfel wie Brettacher, Goldparmäne oder Jakob Fischer, besonders lang haltbare Sorten wie Ontario oder Rheinischer Bohnapfel und besonders frühreife wie der Klarapfel. Die Erhaltung dieses genetischen Schatzes hängt ausschließlich an den extensiv genutzten Streuobstwiesen, denn im intensiven Obstbau beschränkt man sich zumeist auf einige wenige Sorten.

Naturerlebnis Streuobstwiese

Streuobstwiesen bieten aber noch mehr als die Produktion von Lebensmitteln (Obst) und Tierfutter (Heu und Weide). Sie ziehen Touristen an, dienen als Erholungsort und verschönern die Landschaft. Wenig bis gar kein Einsatz von Dünger und Pestiziden, seltene Mahd und vielfältige Strukturen durch eine Mischung aus Bäumen verschiedener Fruchtsorten und unterschiedlichen Alters sorgen dafür, dass auf Streuobstwiesen zahllose Arten leben. Dazu gehören Spechte wie der seltene Wendehals und Halsbandschnäpper ebenso wie Heuschrecken, Wildbienen und Hornissen. Sie finden in den Obstwiesen Ersatz für rar gewordene natürliche Biotope, etwa lichte, alte Wälder. Kleinräumige Unterschiede in der Bewirtschaftung, Hecken, Trockenmauern und das so genannte Totholz, also abgestorbene Äste und Stämme, sorgen für vielfältige Lebensräume. In Baumhöhlen beispielsweise nisten gerne Steinkäuze, Stare, Siebenschläfer und Fledermäuse.

Die traditionelle Bewirtschaftung der Streuobstwiesen ist seit 2021 als »immaterielles Kulturerbe« Deutschlands anerkannt und der hohe Wert der Streuobstwiesen für Kultur, Landschaft und Artenvielfalt unbestritten. »Trotzdem geht es ihnen sehr schlecht«, beklagt Klaus Schmieder, der mit seiner Arbeitsgruppe von der Universität Hohenheim die Streuobstbestände in Baden-Württemberg erfasst. Dazu werten sie Luftbilddaten aus und führen Ortsbegehungen durch. »Der Trend weist seit 1965 ziemlich konstant nach unten«, sagt Schmieder. Wenn sich nichts grundlegend ändere, würden die Streuobstwiesen im Südwesten demnach spätestens 2050 in weiten Teilen verschwunden sein. Manche Experten gehen sogar von einem Niedergang bedingt durch Überalterung der Bestände, Klimawandel und weiteren Flächenverlusten bis 2030 aus.

Deutschland verliert einen seiner größten Natur- und Kulturschätze

Der Südwesten Deutschlands war seit jeher eine Hochburg des Streuobstanbaus. Von den knapp 18 Millionen Streuobstbäumen, die es 1965 noch in Baden-Württemberg gab, sind nach Schmieders Erhebungen heute nur rund sieben Millionen übrig. Wichtige verbliebene Streuobstgebiete dort liegen zwischen Schwäbischer Alb und Neckar, in den tieferen Lagen des Schwarzwalds oder im Odenwald. Auch in anderen Bundesländern gibt es noch Gegenden mit ausgedehnten Obstwiesen, etwa im Alpenvorland, in Mainfranken oder in der Rhön; die prekäre Situation bei der Erhaltung der Wiesen ist aber ein deutschlandweites Problem.

Die Gründe für den Niedergang der Streuobstwiesen sind vielfältig. Vor allem mangelt es an der nötigen Pflege. Wiesen müssen gemäht oder beweidet und Bäume geschnitten werden. Denn ohne regelmäßigen Baumschnitt gerät die Statik der jahrhundertelang auf Ertrag gezüchteten Sorten aus dem Gleichgewicht: Voll beladene Äste brechen leicht ab, über die Wunden dringen Pilze in den Baum ein und die Bäume sterben deutlich früher.

Bunte Wiese | Extensiv bewirtschaftete Streuobstwiesen wie hier am Rheinsteig verfügen über eine immense Artenvielfalt auch bei Kräutern sowie Gräsern und bieten Zuflucht für Tiere, die selten geworden sind.

Streuobstwiesen wurden traditionell wie ein Gürtel um Dörfer angelegt. Beim Wachstum der Dörfer mussten und müssen sie Einkaufszentren, Industrie- und Neubaugebieten weichen. Doch nicht nur der Flächenverlust ist ein Problem, sondern auch das Absterben der Bäume selbst. Schmarotzer wie die Mistel, Schädlinge wie der Rindenbrandpilz und zunehmend auch der Klimawandel setzen den Bäumen zu. Die trockenen Sommer seit 2018 hätten nicht nur im Wald, sondern auch auf den Obstwiesen ihren Tribut gefordert, sagt Schmieder.

Streuobst oder Plantage

Die Probleme sind also vielschichtig, aber Schmieder sieht in der fehlenden Wirtschaftlichkeit den Knackpunkt: »Wir müssen wieder dahin kommen, dass Lebensmittel reelle Preise bekommen.« Dem entgegen stehen Globalisierung und der Wunsch der Verbraucher nach günstigen Lebensmitteln. Das Tafelobst in deutschen Supermärkten stammt oft aus den Plantagen am Bodensee, aus dem niedersächsischen Alten Land, Polen, Südtirol oder auch aus Übersee, etwa Chile, Südafrika und Neuseeland. Die benötigten großen Mengen bei einheitlicher Qualität können über die Streuobstwiesen nicht gedeckt werden. In manchen Regionen gibt es Ansätze für ein saisonales Angebot an Tafelobst von Streuobstwiesen, etwa über Bauernmärkte, Hofläden, Bioläden und lokale Supermärkte. So hat der Verein »Schwäbisches Streuobstparadies« im Herbst 2021 über sieben Tonnen Tafelobst von 32 unterschiedlichen Apfelsorten in der Region Neckar-Alb vermarktet. Deutschlandweit werden auf diese Weise bislang jedoch nur vergleichsweise geringe Mengen umgesetzt.

Beim Apfelsaft sind die Streuobstwiesen etwas besser vertreten: Nach Angaben des Verbands der deutschen Fruchtsaftindustrie schwankt der Streuobstwiesenanteil bei Direktsaft, also dem direkt aus den Äpfeln gepressten Saft, je nach Jahr zwischen 10 und 50 Prozent. Die Nachfrage nach Direktsaft lege seit Jahren zu und liege momentan bei rund der Hälfte des in Deutschland produzierten Apfelsafts. Die anderen, meist deutlich billigeren Säfte werden aus Apfelsaftkonzentrat hergestellt, das hauptsächlich aus Polen, Österreich und Italien importiert wird. Die Einfuhr von Apfelsaftkonzentrat aus China ist in den letzten zehn Jahren stark zurückgegangen und liegt inzwischen bei einem Anteil von unter fünf Prozent.

Beim Obstertrag pro Fläche sind die niedrigwüchsigen, eng stehenden Spalierbäume der Obstplantagen den Streuobstwiesen deutlich überlegen. Aus Sicht des Streuobstanbaus besteht allerdings auch ein künstliches Ungleichgewicht am Markt, weil Probleme durch Pestizide und Dünger ebenso wenig in die Verbraucherpreise einfließen wie die Werte Artenvielfalt, Erholung und Kulturerbe auf Seiten der Streuobstwiesen. Einen dritten Weg beschreiten Obstbauern, die zwar auch intensiv, aber nach Biorichtlinien anbauen. Das bedeutet deutlich mehr Arbeit in den Kulturen, während die Ernte in der Regel 20 bis 30 Prozent niedriger ausfällt.

Vom Most zum Secco

Lange Zeit waren Apfelsaft und Most bei der Landbevölkerung Alltagsgetränk und beliebter Energiespender. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ein Glas Apfelsaft ähnlich viel Zucker enthält wie ein Glas Cola. Während aber der englische Cider oder der französische Cidre als regionale Köstlichkeiten gelten, hat der Most in Deutschland einen schweren Stand. Völlig zu Unrecht, wie Klaus Schmieder findet, der ein echter Mostgourmet ist: »Ein guter Most kann geschmacklich leicht mit einem edlen Weißwein mithalten, und im Vergleich zum Bier hat er den großen Vorteil, dass man davon nicht müde wird, sondern beschwingt und wach.« Inzwischen haben auch einige Produzenten die kulinarischen Möglichkeiten erkannt und vermarkten die sauer-fruchtige Vielfalt der Obstwiesen, etwa als schwäbischen Cider oder prickelnden Secco.

Neben professionellen Produzenten sind es vor allem lokale Initiativen, die den Streuobstwiesen eine Zukunft sichern könnten. »Um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, sind Netzwerke das A und O«, sagt Streuobstexperte Schmieder, der neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit selbst mehrere Obstwiesen bewirtschaftet und mit dem Tübinger Alpenverein eine Bewirtschaftungs- und Vermarktungsinitiative gestartet hat. Gemeinsam lässt sich mehr erreichen. Größere Obstmengen erzielen bessere Preise, Geräte und Maschinen können geteilt und Ideen gemeinsam umgesetzt werden. So soll in der Tübinger Kletterhalle bald ein Energiegetränk aus lokalem Streuobst den einschlägigen isotonischen Drinks Konkurrenz machen, und der Kletternachwuchs wird direkt auf der Obstwiese zu Artenvielfalt und nötigen Pflegemaßnahmen weitergebildet.

Die Streuobstinitiative im Calw-Enz-Kreis zwischen Schwarzwald und Stuttgart hat es geschafft, mit »Schneewittchen« eine eigene Marke für Cider, Säfte und Co zu etablieren. »Schneewittchen«-Erzeuger erhalten einen »Streuobst-Aufpreis« von etwa acht Euro pro Doppelzentner. Und im dortigen Landratsamt hat man ein Dokument erarbeitet, das 88 Maßnahmen auflistet, wie Kommunen gemeinsam mit den Erzeugern Obstwiesen erhalten können. Das Spektrum reicht von der Verpachtung einzelner Obstbäume über Obstbaumschnittkurse und die Sammlung von Schnitt- und Mähgut bis zum Verleih von Dörrautomaten.

Naturtrüber Apfelsaft | Lokale Initiativen versuchen Streuobstwiesen durch regionale Vermarktung zu retten. Vor allem Apfelsaft aus diesen Biotopen findet zunehmend Anklang.

Mostseminare und Kirschblütenfeste

Auch am Rand der Schwäbischen Alb geht man innovative Wege. In Zusammenarbeit mit dem Einzelhandel wird frisches Obst von den Streuobstwiesen in Supermärkten angeboten und über eine Grundstückbörse können Interessenten freie Obstwiesen finden. Der Verein »Schwäbisches Streuobstparadies« bietet Mostseminare an, hat ein Streuobst-Infozentrum eingerichtet und lädt zur Zeit der Obstblüte zum »Schwäbischen Hanami«.

Es sind einige Beispiele von vielen. Zahlreiche weitere Initiativen von Niedersachsen bis ins Chiemgau und vom Odenwald bis nach Ostthüringen sind in den letzten Jahren entstanden. Deutschlandweit werden die lokalen Netzwerke vom Verein »Hochstamm Deutschland e. V.« vertreten, der auch international mit Streuobstverbänden in Österreich, Großbritannien, Frankreich, Italien und Slowenien kooperiert. »Erhaltung durch Nutzung« sei das Ziel des Vereins, sagt die Vorsitzende Martina Hörmann, und dass man Verbraucherinnen »für 100 Prozent Streuobstprodukte« begeistern wolle.

Gefragt sind letztlich viele: Verbraucher, die den Wert heimischer Produkte schätzen; Privatleute, die ihre Wiesen als Hobby oder nebenberuflich bewirtschaften; aber auch professionelle Produzenten, die größere Flächen bewirtschaften können. Nur dann haben Streuobstgebiete mit all ihrer landschaftlichen Schönheit, den vielfältigen Lebensräumen, ihrer Tradition und ihrem kulinarischen Potenzial eine Zukunft.

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