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Wissenschaftliche Entdeckungen: Kaum noch Fortschritt in der Forschung?

Die Zeit der großen Entdeckungen und Durchbrüche in der Forschung sei vorbei, besagt eine aktuelle Studie. Womöglich weil Wissenschaftler viel mehr wissen müssen als früher.
Eine Forscherin sitzt unzufrieden vor ihrem Laptop.
Manche Forscherinnen und Forscher schaffen es kaum, mit der hohen Zahl an Publikationen in ihrem Forschungsfeld Schritt zu halten. (Symbolbild)

Fachleute haben im 20. und 21. Jahrhundert so viele neue Entdeckungen gemacht und derart viel Wissen angesammelt wie vermutlich nie zuvor. Doch der Fortschritt in der Forschung erlahmt offenbar, wie Russell Funk von der University of Minnesota und zwei seiner Kollegen im Fachmagazin »Nature« berichten. In einem Zeitraum von mehr als 60 Jahren sei die Zahl an bahnbrechenden Erkenntnissen und Patenten in zahlreichen Disziplinen gesunken. Als Gründe für diese Entwicklung nennt die Arbeitsgruppe, dass sich Forscherinnen und Forscher heutzutage viel mehr Wissen aneignen müssen als zuvor, um überhaupt neue Erkenntnisse zu gewinnen und neue Technologien entwickeln zu können.

Für ihre Studie werteten die drei Wissenschaftler ungefähr 25 Millionen Fachpaper verschiedener Disziplinen aus einem Zeitraum von 1945 bis 2010 aus – sowie zirka 45 Millionen Patente aus der Zeit von 1980 bis 2010. Dazu nutzten sie die Datenbanken »Web of Science« und »Patents View« des US-Patentamts. Ihre Ergebnisse überprüften sie zudem anhand weiterer Onlinebibliotheken und Abstractsammlungen wie »JSTOR« oder »PubMed«, die insgesamt 20 Millionen Studien umfassten.

Um messen zu können, ob und wie sich die Zahl an neuen Entdeckungen und Patenten über die Jahrzehnte verändert hat, nutzten Funk und seine Kollegen einen entsprechenden Maßstab, den so genannten CD Index. Dieser orientiert sich an der Art des wissenschaftlichen Fortschritts: So gibt es zum einen Erkenntnisse, die bestehendes Wissen bestätigen und es somit untermauern. Zum anderen können neue Ergebnisse den bisherigen Kenntnisstand widerlegen und für einen Forschungsdurchbruch sorgen. Den Unterschied haben Funk und Co daran bemessen, ob Studienautoren auf Vorarbeiten verweisen oder nicht. Gelingen nämlich bahnbrechende Erkenntnisse, werden in der Folge seltener die widerlegten Studien zitiert.

Zu viel Wissen und zu spezialisiert

Ebensolche Erkenntnisse sind nach Ansicht von Funk und seinen Kollegen weniger geworden. Viel häufiger würden Experten bestehendes Wissen ausbauen. Das läge daran, dass sie sich mit kleineren Bereichen in ihrer Fachdisziplin beschäftigen als zuvor und zudem nicht alle Publikationen zu einem Thema kennen. In den Sozialwissenschaften beispielsweise seien zwischen 1945 und 2010 fast 92 Prozent weniger bahnbrechende Studien erschienen. Bei den Patenten liegt dieser Wert etwa im Bereich der Medizin bei 91,5 Prozent, im Fall der Computer- und Kommunikationstechnik bei fast 79 Prozent.

Die durchschnittliche Qualität der Arbeiten hätte sich dabei im Lauf der Jahrzehnte nicht verändert. Vielmehr würden Wissenschaftler für ihre Forschungen weniger zuvor publizierte Studien heranziehen und vermehrt die immer gleichen Paper zitieren. Zudem würden sie sich häufiger selbst zitieren, folglich den eigenen Wissensstand weniger erweitern. Außerdem schafften Forschende es kaum noch, mit der hohen Zahl an Publikationen Schritt zu halten.

»Neuerungen entstehen vor allem dadurch, dass man neue Dinge oder Ideen aus anderen Disziplinen ausprobiert und dann schaut, was passiert«, sagt Koautor Michael Park laut einer Pressemitteilung der University of Minnesota. »Aber wenn Sie sich ständig Sorgen machen müssen, so schnell wie möglich Studie um Studie zu veröffentlichen, bleibt viel weniger Zeit, um gründlich zu recherchieren und über die großen Probleme nachzudenken, die zu Durchbrüchen führen könnten.« Daher schlagen Funk und seine Kollegen vor, dass Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen Forscherinnen und Forschern mehr Möglichkeiten für ungestörte Forschungszeit geben und weniger die Zahl an Papern, sondern deren Qualität als Maßstab für gute Wissenschaft verwenden. So könnte in gleichem Maß bestehendes Wissen ausgebaut und revolutionäre Ergebnisse gewonnen werden.

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