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Kurioses: Supraleitung im Wohnzimmer oder Pfusch im Labor?

An Oberflächen und in dünnen Schichten, also dort, wo sich Stoffe mit sehr verschiedenen Eigenschaften auf engstem Raum treffen, treten gelegentlich unerwartete und spektakuläre Effekte auf. Phänomene wie der Riesenmagnetowiderstand mögen nur Experten ein Begriff sein, aber was der Inder Dhruba Dasgupta vor kurzem an der Grenzfläche einer Aluminiumschicht entdeckt haben will, lässt auch Laien aufhorchen: Supraleitung, bei Raumtemperatur und höher.

Zur Erinnerung: Materialien, die elektrische Ströme verlustfrei fließen lassen, mögen es kalt, die meisten sogar extrem kalt. Als Hochtemperatursupraleiter gelten Stoffe, die sich auf 23 Grad über dem absoluten Nullpunkt erwärmen lassen, ohne normalleitend zu werden. Der Rekord – bisher – liegt bei 135 Kelvin. Dasgupta von der Universität Nord-Bengalen in Siliguri bietet mehr – in seinem Versuchsaufbau misst er eine Sprungtemperatur von 313 K oder 40 Grad Celsius.

Dazu benötigte er keineswegs exotische Materialien oder ausgefeilte Herstellungsverfahren: Aus einer kommerziell erhältlichen Scheibe von Blei-Zirkonat-Titanat, einer in elektronischen Bauteilen gängigen ferroelektrischen Keramik, schnitt er einen zwei Zentimeter mal zwei Millimeter großen Streifen heraus und beschichtete ihn mit einer wenige Atomlagen dicken Schicht Aluminium.

Den temperaturabhängigen Widerstand in diesem Element maß er mit einem Induktionsverfahren, bei dem die Frequenz eines Schwingkreises von den elektrischen Eigenschaften der Probe abhängt. Dabei bemerkte er einen seltsamen Knick in der Kurve bei genau jenen 313 K, der seiner Meinung nach darauf hindeutet, dass hier ein abrupter Anstieg des Widerstandes stattgefunden hat: Das wäre der gesuchte Übergang vom supraleitenden zum normalleitenden Zustand – und der indische Forscher heißer Kandidat auf einen Physik-Nobelpreis.

Dem unbeteiligten Beobachter allerdings drängen sich durchaus auch andere, weniger schmeichelhafte Interpretationen auf, zumal Dasgupta seine Resultate bisher lediglich im Online-Repositorium Arxiv.org veröffentlicht hat, die Beurteilung durch fachliche Gutachter also noch aussteht.

Dass die öffentlich einsehbare Publikation den Begutachtungsprozess übersteht, daran bestehen allemal Zweifel – kurios vor allem, dass über die Aluminiumschicht auf dem Träger, an dessen Grenze der Effekt auftreten soll, in der gesamten Arbeit nahezu nichts zu erfahren ist. Insgesamt gibt der Forscher wenig Genaues über sein Vorgehen preis. Zwar deutet er an, dass er die Versuche mehrfach wiederholt hat, die Abbildungen jedoch zeigen offenbar jeweils nur einen Datensatz – zu wenig für aussagekräftige Ergebnisse.

Dafür legt er dicke schwarze Geraden durch seine Diagramme, die, damit wir ihn auch ja nicht übersehen, den von ihm postulierten Effekt deutlich zeigen. Man könnte sonst womöglich auf die Idee kommen, die Datenpunkte für zufällig um die Trendlinie streuende Messwerte zu halten – und hätte damit höchstwahrscheinlich richtig gelegen. (lf)

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