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Wahrnehmung: Synästheten kodieren Ziffern rückwirkend in Farbe

Die Farbeindrücke, die synästhetisch wahrnehmende Personen individuell und dauerhaft beim Sehen mit bestimmten Ziffern oder Buchstaben verbinden, bilden sich offenbar nicht in den Hirnarealen, die grundlegend für die Darstellung von Farben und Formen des Gesehenen sorgen. Stattdessen scheinen bei Synästheten Hirnregionen einer höheren Hierarchie der Wahrnehmungskette Ziffern und Buchstaben erst etwas später zu kolorieren, nachdem die basalen Prozesse der Reizverarbeitung abgeschlossen sind. Mit dieser Schlussfolgerung aus ihren Experimenten stellt ein britisches Forscherteam bisherige Vorstellungen in Frage.

Michael Morgan von der City University London und seine Kollegen hatten die Wahrnehmungsgeschwindigkeit von sieben Synästheten untersucht, die unabhängig von der tatsächlichen Schriftfarbe Ziffern in individuell typischen Farbtönen sehen, also etwa die Ziffern 2 und 8 stets rot. Im Experiment sollten sie unter anderem die von ihnen farbig wahrgenommenen, tatsächlich aber schwarz dargestellten Ziffern möglichst schnell aus einer Kolonne von Ziffern heraussuchen, die alle in der von den Synästheten wahrgenommenen, zum Beispiel roten, Farbe präsentiert waren.

Bei einem solchen Versuchsaufbau sollten sie nach gängiger Vorstellung eigentlich schlechter abschneiden als Personen ohne die synästhetische Farbwahrnehmung, welche die für sie einzig ungefärbte Ziffer stets schnell auf Grund des typischen "Pop-out-Effektes" erkannten. Die Synästheten nahmen im Versuch die Ziffern nun allerdings ebenso schnell wie die Vergleichsgruppe wahr, fassen die Wissenschaftler zusammen. Dies widerspricht früheren Experimenten, die darauf hingedeutet hatten, dass die Farbwahrnehmung im Gehirn schon bei den ersten visuellen Prozessen eingespeist wird. Morgan und Co vermuten aber, dass die früheren Resultate aus verschiedenen Gründen fehlerhaft waren.

Sie spekulieren stattdessen, dass das Hirn der Synästheten die Farbeindrücke erst den Ziffern zuordnet, wenn die schnelle prinzipielle Wahrnehmung schon abgeschlossen ist. In Frage kämen etwa Sprachzentren oder Bereiche, deren Hauptfunktion in der Trennung verschiedener Eigenschaften der gesehenen Objekte liegt. Möglicherweise gebe es aber auch eine größere Bandbreite unterschiedlicher neuronaler Verschaltungen, die verschiedenen Formen der Synästhesie nach sich ziehen.

Bei der Synästhesie können nicht nur Buchstaben und Ziffern von Farben begleitet sein, sondern etwa auch akustische oder mechanische Reize von anderen optischen Erscheinungen oder Assoziationen mit einem bestimmten Geschmack. Solche Reizverknüpfungen ereignen sich ohne willentliche Beeinflussung und sind relativ starr, automatisch und konsistent. Die Ursache der Synästhesie besteht wohl darin, dass neben der für ein Sinnesorgan zuständigen Hirnrindenregion wegen abweichender neuronaler Verschaltungen andere sensorische und assoziative Hirnreale aktiv werden. (jo)

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