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Sexuelle Gewalt: Tatort Schule

Sie werden begrapscht, zum Sex oder zu Nacktfotos gedrängt oder verbal belästigt: Rund jeder vierte Neunt- oder Zehntklässler hat nach eigenen Angaben schon einmal diese oder ähnliche sexuelle Übergriffe erlebt. Zwei von drei Tätern sind Freunde, Bekannte oder Mitschüler, die wiederum teils selbst in gewalttätigen Familien aufwachsen.
Mädchen tuscheln über Mitschülerin: Sexuelle Gewalt kann auch auf verbaler Ebene stattfinden

In Niederbayern fahndet die Polizei nach einem Jugendlichen, der vor gleichaltrigen Mädchen in der Bahn seinen Penis entblößte und sie körperlich bedrängte. 14-Jährige sollen in Berlin eine Mitschülerin sexuell missbraucht haben. Ein 12-Jähriger aus Duisburg grapschte einer Gleichaltrigen an die Brust.

Jugendliche, die Jugendliche sexuell angreifen? Das scheint ungewöhnlich. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Zeitungsmeldungen wie die obigen sind vermutlich nur die Spitze des Eisberges. Tatsächlich geschehen sexuelle Übergriffe im Jugendalter vor allem durch Gleichaltrige. Das schlussfolgert unter anderem eine aktuelle, repräsentative Erhebung unter mehr als 2700 Schülern in Hessen. Die so genannte Speak!-Studie, ein Kooperationsprojekt der Universitäten Marburg und Gießen, hat Neunt- und Zehntklässler zu ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt befragt. Die Ergebnisse rütteln auf: Zwei von drei Jugendlichen wurden schon einmal Zeuge von sexualisierter Gewalt. Beinahe jeder vierte Jugendliche hat selbst einen sexuellen Übergriff erlebt. Die Täter: in den meisten Fällen selbst noch Jugendliche.

Vor allem Mädchen waren der Befragung zufolge von Übergriffen betroffen. Jede dritte Schülerin wurde schon einmal gegen ihren Willen an Po oder Busen betatscht; mehr als jede zehnte berichtete von dem Versuch, sie zum Geschlechtsverkehr zu zwingen; etwa halb so viele wurden zu Nacktfotos genötigt oder gedrängt, sich auszuziehen. Aber auch Jungen erlebten Übergriffe: 5 von 100 wurden gegen ihren Willen begrapscht, etwas weniger mussten sich küssen oder am Penis berühren lassen, und vereinzelt wurden sie zum Sex gedrängt.

Die Forscher zählten zu sexualisierter Gewalt aber auch Übergriffe, die ohne Körperkontakt abliefen. Dazu gehören zum Beispiel Exhibitionismus, sexuelle Beleidigungen oder Belästigungen im Internet. "Sexuelle Gewalt ist nicht nur, wenn mich jemand ungewollt anfasst. Wenn jemand in seiner Jugend, also einer Zeit, in der Heranwachsende auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität sind, ständig in abfälliger Weise als schwul oder Schlampe beschimpft wird, kann dies für die Betroffenen ebenfalls starke Auswirkungen haben", sagt Ludwig Stecher, Koautor der Speak!-Studie und Professor am Institut für Erziehungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Es sei wichtig, auch hier hinzuschauen.

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Die Nummer gegen Kummer – anonym und kostenlos:

Kinder- und Jugendtelefon

Orientierungshilfe für Fachkräfte

Allroggen, M., Gerke, J., Rau, T., Fegert, J. (2016): Umgang mit sexueller Gewalt. Eine praktische Orientierungshilfe für pädagogische Fachkräfte in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Universitätsklinikum Ulm.

Nichtkörperliche Übergriffe scheinen Alltag für junge Menschen zu sein. Nahezu die Hälfte aller Befragten hat damit Erfahrungen gemacht. Jeder vierte Junge und vier von zehn Mädchen mussten beleidigende Zurufe und sexuelle Witzchen über sich ertragen. Einer von zehn Jungen hat erlebt, wie Gerüchte über ihn und seine Sexualität in die Welt gesetzt wurden. Mädchen waren davon doppelt so oft betroffen. Knapp jedes sechste wurde zudem unwillentlich Zeugin von entblößten Geschlechtsteilen anderer, und mehr als doppelt so viele fühlten sich schon mal online belästigt.

Die Angreifer sind zumeist nicht viel älter als die Opfer. In einem von drei Fällen war ein Freund körperlich übergriffig, etwa genauso oft waren es Mitschüler und Bekannte. Aber auch Exfreunde zählen zu typischen Angreifern. Mitschüler und Freunde werden auch bei nichtkörperlichen Übergriffen besonders häufig als Täter genannt. Bei beiden Gewaltformen waren die Angreifer in mehr als einem von drei Fällen zwar Unbekannte, aber auch hier war etwa die Hälfte von ihnen nicht älter als 19 Jahre. Gleichaltrige, so schlussfolgern die Studienautoren, dominieren die Gruppe der Täterinnen und Täter damit deutlich.

Darauf haben in jüngster Zeit auch andere deutschsprachige Studien hingewiesen. In der Untersuchung "Sprich mit!" des Universitätsklinikums Ulm und der Goethe-Universität Frankfurt am Main wurden zum Beispiel Jugendliche in Internaten und Jugendhilfeeinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der 322 Jugendlichen hatte bereits sexuelle Übergriffe erlebt, zumeist durch gleichaltrige Mitbewohner, Freunde oder den eigenen Partner.

Eine Erhebung aus der Schweiz untermauert die deutschen Befunde. Im Rahmen der Optimus-Studie mit mehr als 6700 Schülerinnen und Schülern gaben mehr als 15 Prozent an, bereits Opfer eines sexuellen Übergriffs durch einen unter 18-Jährigen geworden zu sein. Die "sexuelle Gewalt geht bei ihnen viel öfter von etwa gleichaltrigen Liebespartnern oder Dates aus. Die Täter besuchen das gleiche Schulhaus oder die gleiche Disco", schreiben die Studienautoren.

"Manche Grenzverletzungen passieren, weil die Jugendlichen sexuell unwissend sind, weil sie die Grenzen anderer nicht einschätzen können oder weil Signale falsch gedeutet werden"

Weshalb Jugendliche sexuelle Grenzen verletzen, dafür gibt es viele Ursachen. Dabei ist zunächst die Frage, wo überhaupt die Trennlinie zwischen jugendlichem Experimentieren und tatsächlichen Übergriffen zu ziehen ist. Wann ist jemand Täter, wann handelt er nur unbedacht?

"Manche Grenzverletzungen passieren, weil die Jugendlichen sexuell unwissend sind, die Grenzen anderer nicht einschätzen können, aber auch, weil diese zwischen zwei Jugendlichen nicht immer klar kommuniziert oder Signale falsch gedeutet werden. Da liegt eine Grauzone", sagt der Pädagoge und Sozialtherapeut Karsten Köster, stellvertretender Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit sexualisiert grenzverletzendem Verhalten (BAG KJSGV). Seit 17 Jahren behandelt er übergriffige Jungen in stationären Wohngruppen in Berlin. Fakt sei aber: Gewalt, körperliche wie verbale, ist vorsätzlich und passiert bewusst.

"Letztlich lässt sich die Grenze, was sexualisierte Gewalt ist, nur aus der Perspektive der betroffenen Person heraus definieren", erläutert Ludwig Stecher. Wenn einem Schüler oder einer Schülerin etwas unangenehm ist und gegen dessen oder deren Willen geschieht, das Verhalten des anderen sie körperlich oder seelisch verletzt, dann gehört dies dazu.

Fast jeder dritte Jugendliche ist selbst Täter

In der Speak!-Studie gaben rund 30 Prozent der Jugendlichen zu, anderen selbst sexuelle Gewalt angetan zu haben, vor allem durch Beschimpfungen oder schriftliche Attacken. Auf Basis dieser Angaben versuchen die Forscher auch Ursachen für diese Übergriffe zu ermitteln. Die Analyse ist noch nicht abgeschlossen. Klar ist aber: Sexuelle Gewalt, egal ob verbal oder körperlich, tritt weder bei bestimmten Schulformen noch bei Migrationshintergrund häufiger auf. Ein Zusammenhang besteht hingegen mit dem Konsum von Pornografie. Jugendliche, die Grenzen überschritten haben, schauten sich eher regelmäßig pornografische Filme, Internetseiten oder Bilder an. Ob das eine das andere bedingt, geben die Daten jedoch nicht her.

Andere Studien haben indessen weitere wichtige Parameter herausgefiltert. "Sexuelle Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, sondern in einem von Gewalt und Vernachlässigung geprägten Umfeld", betonen zum Beispiel die Autoren der Schweizer Optimus-Studie. Sie stellten fest, dass junge Täter deutlich häufiger als andere Befragte selbst schon einmal Opfer von Misshandlung wurden, dass in ihren Elternhäusern eher ein harscher Erziehungsstil herrschte und sie weniger Freunde hatten.

"Viele der übergriffigen Jugendlichen haben eine Bindungsstörung. Sie können also keine tiefere Bindung zu ihren Mitmenschen aufbauen. Dann fällt es auch nicht schwer, über deren Grenzen hinwegzugehen"

Ähnliches ergab eine Hamburger Studie mit sexuell auffälligen Minderjährigen aus dem Jahr 2010. Die Sexualforscher befragten dafür 81 Jungen zwischen 8 und 17 Jahren. "Bei mehr als einem Drittel der Jungen wurde das Familienklima als dysfunktional eingestuft", führen die Studienautoren weiter aus. 13 Kinder und Jugendliche lebten zeitweise außerhalb ihrer Familie, die Partnerschaft der Eltern war oft von Gewalt und Herabwürdigung geprägt, und zahlreiche Jungen wurden zu Hause geschlagen, getreten oder misshandelt.

"Viele der übergriffigen Jugendlichen haben eine Bindungsstörung. Sie können also keine tiefere Bindung zu ihren Mitmenschen aufbauen. Dann fällt es auch nicht schwer, über deren Grenzen zu gehen", erklärt der Berliner Pädagoge Köster. Ebenso könne die eigene Tat ein Hilferuf sein oder ungeahnte Ursachen haben. Er habe zum Beispiel einmal einen Jungen behandelt, der immer wieder Mädchen bedrängt und angetatscht hat. In der Behandlung kam heraus, dass er sich eigentlich zu Jungen hingezogen fühlte, aber Homosexualität in seiner Familie sehr stark abgelehnt wurde. Um sich als "ganzer Kerl" zu beweisen, habe er begonnen, Mädchen zu belästigen. "Das zeigt: Bei jedem Fall ist es wichtig, genauer hinzuschauen", mahnt Köster.

Nicht jeder Jugendliche, der einmal sexuelle Übergriffe begeht, braucht eine umfassende Therapie. "Für manche sind schon ein paar Beratungsgespräche etwa gemeinsam mit den Eltern hilfreich und wegweisend. Andere brauchen jahrelange fachliche Betreuung, manche auch stationär", sagt Köster. Leider mangle es an Studien dazu, für wen welche Behandlung sinnvoll und wirksam sei.

Fest steht jedoch: "Sexuell übergriffige Mädchen und Jungen haben ein Recht auf Hilfe", betont das Bundesfamilienministerium auf seiner Internetseite "Hilfeportal Sexueller Missbrauch". Sie bräuchten qualifizierte pädagogische Fachkräfte oder spezialisierte Beratungs- und Behandlungsangebote, um dahinterliegende Ursachen zu bearbeiten und überhaupt erst damit aufzuhören. Die Arbeit mit dem Täter: immer auch eine Prävention.

Um sexuellen Übergriffen vorzubeugen, gehen Sozialarbeiter, Pädagogen und Psychologen aber vor allem in Schulen. Dazu raten die Autoren der Speak!-Studie ebenfalls. Mehr als die Hälfte aller nichtkörperlichen Gewaltakte sowie ein Viertel aller körperlichen Angriffe geschehen den Daten zufolge genau dort. "Die Schule ist die zentrale soziale Arena von Jugendlichen. Hier kommen sie zusammen. In dieser Hinsicht ist die Schule ein riskanter Ort", verdeutlicht Koautor Stecher. Aber es ist auch der Ort, wo präventiv gearbeitet werden kann.

Sinnvoll wäre, schon in Grundschulen mit der Aufklärung anzusetzen. Dabei wichtig: nicht nur vor sexuellen Übergriffen von Erwachsenen zu warnen. Sie müssen genauso ein Gefühl dafür entwickeln, wann Klassenkameraden, Nachbarskinder oder Freunde aus dem Sportverein zu weit gehen. "Die Programme sollten den Kindern unbedingt vermitteln, eigene Grenzen zu setzen", sagt Stecher. Das sei gerade in jener Phase besonders schwer, in der Jugendliche ihre Identität ausbilden und Gleichaltrige eine wichtige Rolle spielen. Die eigenen Grenzen zu kennen, ist ein wichtiger Schutz und zugleich die beste Prävention.

30/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30/2017

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