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Vogel des Jahres: »Taubenfreunde haben romantische Vorstellungen«

Der Vogel des Jahres wird online gewählt. Das sorgt für Trubel und Streit, vor allem um die Stadttaube. Vogelkenner Daniel Haag ordnet im Interview ein, was dahintersteckt.
Tauben im ParkLaden...

Auch 2021 wird wieder ein Vogel des Jahres gekürt werden – aber anders als früher suchen Vogelfreunde und Interessierte den Gewinner diesmal per Online-Abstimmung. Das sorgt für Diskussionen, überraschende Favoriten und mitunter gar Streit. Daniel Haag, emeritierter Professor für Biologie in der Medizin von Universität Basel, ordnet im Interview das Geschehen ein.

Herr Haag, die Stadttaube hat gute Chancen, Vogel des Jahres in Deutschland zu werden. Überrascht Sie das?

Daniel HaagLaden...
Daniel Haag | Daniel Haag ist emeritierter Professor für Biologie in der Medizin von der Universität Basel. Die Stadttaube hat Haag zu einem Standardwerk inspiriert: »Die Taube: Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin zur Strassentaube«.

Haag: Ja, das überrascht mich. Bislang wurden immer reine Wildtiere gewählt. Es wäre also das erste Mal, dass ein Tier gewählt würde, das von einer domestizierten Art abstammt. Außerdem wurden immer Wildtiere gewählt, die von den Menschen neutral oder positiv bewertet wurden. Dieses Mal wäre das anders – große Teile der deutschen Bevölkerung sind der Stadttaube gegenüber eher negativ eingestellt. Das wäre ungefähr so, wie wenn die Ratte zum Säugetier des Jahres gewählt würde.

In diesem Jahr wird der Vogel des Jahres erstmals per Online-Abstimmung gewählt. In der Vorauswahl lag die Stadttaube ganz vorne, offenbar gepusht von den Taubenfreunden in Deutschland.

Das wundert mich weniger. Ich forsche jetzt 30 Jahre an Stadttauben und hatte häufig mit diesen Leuten zu tun. Seit einiger Zeit ist die Lobby der Taubenfreunde sehr aktiv. Ich habe vermehrt Mails bekommen, in denen die Taubenfreunde mich mit Forschungsergebnissen konfrontierten, die ihnen nicht in den Kram passen.

Welche zum Beispiel?

Es wird behauptet, dass Stadttauben Haustiere seien und dementsprechend behandelt werden müssten. Aber das ist völliger Unsinn. Die Stadttaube ist wieder zu einem Wildtier geworden, sie ist kein entflohener Papagei. Sie trifft eine freie Partnerwahl und ist in der Stadt einem starken Selektionsdruck unterworfen. Zudem leben die Stadttauben frei und sind nur bei der Nahrung vom Menschen abhängig. Wir werden gerade Zeuge, wie eine Unterart entsteht.

Während der Corona-Ausgangsbeschränkungen finden Stadttauben weniger zu fressen, weil die Menschen kaum draußen sind. Zahlreiche Stadttauben müssten daher verhungern, heißt es aus vielen Städten. Stimmt das?

Meines Wissens ist das nicht belegt. Wenn das der Fall wäre, müssten Hunderte von toten Tieren herumliegen. In Basel ist uns jedenfalls nichts aufgefallen. Um das eingehender zu erforschen, müsste man die Übersterblichkeit untersuchen. Sonst ist das eine reine Behauptung.

Wirklich? Der Deutsche Tierschutzbund bangte im ersten Lockdown um den Fortbestand der Stadttauben und forderte die Städte auf, Futterstellen einzurichten.

Das ist blanker Unsinn. Eine Tierart wie die Stadttaube kann nicht einfach so aussterben. Und im Winter ist für alle Wildtiere die Nahrung extrem knapp, viele Jungtiere sterben. Das ist ein völlig normaler Vorgang bei diesen Tierarten.

Taubenarten

Fünf Taubenarten sind in Deutschland heimisch, die bekannteste darunter ist die Stadttaube, die auch als Straßentaube bekannt ist. Sie stammt wahrscheinlich von der Felsentaube ab, die vom Menschen einst als Haus- oder Brieftaube in Gefangenschaft genommen wurde. Entflohene Exemplare haben in den Städten neue Populationen gebildet, die Art gilt als erfolgreicher Kulturfolger. Die Hohltaube sieht der Stadttaube sehr ähnlich, ist allerdings etwas kleiner, oft in Parks und auf Feldern zu sehen und entflieht als Zugvogel dem Winter. Ebenfalls häufig in Parks oder auf Friedhöfen trifft man die Ringeltaube an. Sie ist die größte heimische Art, am besten zu erkennen an ihren weißen Halsstreifen. Weiß bis hellgrau ist das Gefieder der Türkentaube, die sich mittlerweile ebenfalls vor allem in Städten wohlfühlt. Immer weniger wohl fühlt sich hingegen die Turteltaube, der Vogel des Jahres 2020. Ihre Bestände brechen seit Jahrzehnten massiv ein, der Hauptgrund sind die aufgeräumten Felder und die Monokulturen der industriellen Landwirtschaft.

Aber wenn die Tiere verhungern, kann man doch helfen.

Das Problem ist, dass wir uns die Stadttaube als Mensch in Vogelgestalt vorstellen. Dabei ist Hungern der Regelfall für Wildtiere, die Mortalität liegt teilweise bei 80 Prozent. Hirsche, Rehe, Wildschweine haben ebenfalls eine hohe Jugendsterblichkeit. So bleiben die Populationen stabil. Wird hingegen gefüttert, vermehren sie sich. Und sie entwickeln sich zu jenen Massentierphänomenen, wie wir sie in den Städten seit einigen Jahrzehnten beobachten können.

Ist das Füttern also falsch verstandene Tierliebe?

Ich war lange gegen ein Fütterungsverbot. Es kriminalisiert die 90-jährige, liebe Taubenfreundin, die jeden Tag ihre Brotkrumen verstreut. Manchmal kommen Taubenfreunde sogar in Beugehaft, daher solidarisiert sich ein großer Teil der Bevölkerung mit ihnen. Aber die einzig wirksame Methode gegen die massenhafte Vermehrung der Stadttaube geht nur über die Reduktion der Nahrungsquellen. Wenn Sie den Tauben Brotkrumen einwerfen, kommen unten Eier raus, so schnell geht das. Andere Methoden sind nicht wirksam – da können Sie noch so viele Eier aus Taubenschlägen entfernen. Es braucht ein wirksames urbanes Taubenmanagement. Und dazu gehört: Tauben bitte nicht füttern.

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie die Städte aufforderten, die Tiere verhungern zu lassen.

Man braucht ab und zu schon ein dickes Fell. Aber der Vorwurf ist falsch. Kleine, gesunde Bestände helfen den Tauben wie auch den Menschen. Ich bin viel in Deutschland unterwegs und sehe, was große Populationen anrichten: Die Bahnhöfe sind häufig eine Katastrophe, ich sehe kranke Tiere und überall Kot. In München zahlt die Stadt den Tierschutzvereinen viel Geld, um die Tiere zu füttern. Eine völlig absurde Idee, damit schafft sich die Stadt ihr Problem selbst.

Also führt nichts an einem Fütterungsverbot vorbei?

Besser als ein Fütterungsverbot wäre es, die Bevölkerung aufzuklären. Damit könnte man erreichen, dass die Nahrungsgrundlage sinkt. Falls das nicht möglich ist, könnten Fütterungsverbote zu einer Reduktion der Bestände führen. Die gibt es zwar in vielen deutschen Städten, aber sie werden nicht durchgesetzt.

Taubenfreunde halten wenig vom Fütterungsverbot.

Taubenfreunde haben romantische Vorstellungen: Man müsse nur genügend Taubenschläge mit Futter einrichten – und schon kommen die Tauben hereingeflattert. So funktioniert das nicht. Auch die Pille für die Taube ist völlig ineffektiv, wenn man nicht mindestens 95 Prozent der Population behandelt. Tauben sind intelligente Tiere, die sich nicht einfach vertreiben lassen. Selbst Greifvogelattrappen durchschauen sie sehr schnell. Sie merken, dass sie für sie keine Gefahr darstellen, und benutzen sie sogar als Sitzplätze. Wir dürfen das Taubenproblem also nicht Laien überlassen, die immer mit denselben Argumenten und Vorschlägen daherkommen. Wer sich ernsthaft mit den Tauben beschäftigen will, der muss die internationale Literatur kennen. Die Entwicklung der Population der Stadttaube ist jedenfalls eine komplexe urbane wie ökologische Angelegenheit.

Und was folgt daraus?

Es ist eine ökologische Grundregel, dass die Größe einer Tierpopulationen von der Nahrungsgrundlage abhängt. Das bedeutet eben nicht, dass Tauben zu Hunderten sterben, wenn plötzlich die Nahrung ausbleibt. Es bedeutet, dass die Tiere die Fortpflanzung bei Hunger auf null herunterfahren. So etwas passiert ja jedes Jahr. Im Sommer gibt es viele Fütterer, vermehrt wird draußen gegessen. Im Winter sinkt das Nahrungsangebot dann schlagartig. Aber die Taube lebt nicht nur von der systematischen Fütterung. Sie frisst natürlicherweise Grassamen, Körner und Früchte in Parkanlagen oder ernährt sich von Abfällen. Als in Basel ein Rheinhafen geschlossen wurde, fiel für hunderte Tauben plötzlich die Nahrungsquelle weg. Ein Massensterben wurde dadurch nicht ausgelöst, die Tauben konnten aber in einem unserer Taubenschläge, deren Tiere sich vor allem im Rheinhafen ernährten, über Jahre keine Jungen mehr aufziehen. Die hatten zu wenig Freizeit und Energie, um sich der Fortpflanzung zu widmen.

»Tauben sind hochintelligent. Sie sind das letzte Stück Natur in der Stadt«

Wodurch werden Massensterben dann ausgelöst?

Wenn Massensterben auftreten, dann durch Krankheiten. Ausgelöst werden sie häufig von Paramyxoviren, Newcastle Disease wird die Krankheit genannt. Stadttauben beherbergen wie andere Wildtiere auch eine große Zahl von Krankheitserregern, darunter sieben, die nachweislich auf den Menschen übertragen wurden. Die Hauptgefahr geht von Chlamydien aus, die vor allem Menschen mit schwachem Immunsystem infizieren können. Diese Bakterien verursachen fiebrige Lungenerkrankungen, ja sogar Todesfälle.

Eine weitere Gefahr sind Parasiten.

Kürzlich hatten wir hier in Basel einen Parasitenfall. Ein junger Mann wies 1500 Stiche der roten Vogelmilbe auf, die von einem einzigen Taubenpaar ausgingen, das auf dem Balkon der Nachbarin zwei Junge aufgezogen hatte. Der Mann war von oben bis unten mit Stichen übersät. Häufig verwechseln Ärzte den Befall mit einem allergischen Hautausschlag. Besonders dramatisch sind auch Befälle mit der Taubenzecke, die zu ernsthaften allergischen Reaktionen führen können. Das Problem bei Taubenzecken ist, dass sie äußerst schwierig zu bekämpfen sind, da sie tief versteckt in Ritzen und Spalten leben.

Wie gefährlich ist der Kot der Stadttauben?

Kot kann eine große Zahl von Krankheitserregern enthalten, die auf den Menschen übertragen werden können, vor allem Bakterien und Pilze. Taubenkot ist deshalb infektiös. Sie müssen sich nur die Arbeiter anschauen, die Gebäude von Kot befreien, die stecken von oben bis unten in voller Montur, höchste Sicherheitsstufe. Eine Amsel setzt ihren Kot auf einen Baum, der fällt von dort auf eine Wiese. Die Stadttaube hingegen setzt ihn direkt auf den Fenstersims.

Greift Kot die Bausubstanz an?

Feuchter Kot ist sehr reaktiv, wie man auf Kupferoberflächen sehen kann. Im Kot entstehen Säuren, die den Sandstein angreifen. In feinste Poren dringt dann Wasser, das bei Frost gefriert und zu Frostsprengungen führt. Zudem ist Taubenkot ein Nährboden für Pilze und Bakterien, die wiederum die Bausubstanz angreifen können.

Erklärt sich dadurch der verbreitere Taubenhass? In Berlin beispielsweise werden immer wieder Tauben vergiftet.

Solche Vergiftungsfälle gibt es auch in Basel, aber der Ton ist in Deutschland rauer als in der Schweiz. Es wird dort mit harten Bandagen gekämpft, Nazivergleiche sind üblich, Fütterungsverbote werden als Taubenpogrome bezeichnet. Der Kampf wird so hart geführt, dass sich Lokalpolitiker nicht trauen, das Problem konsequent anzugehen. Keiner will einen Shitstorm riskieren.

Warum spaltet die Stadttaube die Menschen?

Der österreichische Verhaltensforscher Otto Koenig vermutete dahinter ein Massenphänomen. Sobald ein Tier zum Massentier wird, wird es gehasst. Sie werden fortan als Gefahr angesehen, als Störenfried und Schadensverursacher. Ich habe ja selbst ein Buch über die Kulturgeschichte der Taube geschrieben …

… ein Standardwerk …

Ja, darauf bin ich sehr stolz. Früher verkörperte die Taube den Heiligen Geist, sie wurde als Friedensvogel und als Fruchtbarkeitssymbol verehrt. Als die ersten Tauben die Städte besiedelten, wurde das von den Menschen noch positiv aufgenommen. Seit dem Jahr 1920 etwa büßen die Tauben ihre Sympathie ein. Dabei sind Tauben hochintelligent. Sie sind das letzte Stück Natur in der Stadt. Meine Motivation war immer, die Lebensbedingungen der Tauben zu verbessern.

Sieht man eine ähnliche Abwertung gerade auch bei den Krähen?

Das sind fantastische Tiere, das schwarze Gefieder schimmert wunderbar. Aber die Krähen sind leider unerwünscht. Wissen Sie, die Menschen machen unverständliche Dinge.

Wahl zum Vogel des Jahres 2021

Noch bis zum 19. März kann man über den Vogel des Jahres online abstimmen, zehn Vögel stehen zur Wahl. Hier klicken, um mitzuwählen.

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