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Terminale Luzidität: Rätselhafte Klarheit kurz vor dem Tod

Menschen mit schweren Hirnerkrankungen wie Alzheimer verlieren Sprache, Orientierung, Erinnerungen. Umso erstaunlicher sind Momente, in denen all das kurzzeitig zurückkehrt. 
Eine Frau hält die Hand eines älteren Mannes, der im Bett liegt. Sie beugt sich zu ihm hinüber und berührt sanft seine Stirn. Die Szene vermittelt Fürsorge und Trost in einer ruhigen Umgebung.
Manche Menschen sprechen kurz vor dem Tod plötzlich wieder zusammenhängend, erinnern sich und treten in Kontakt mit ihrer Umgebung. Für Angehörige wirkt es wie ein Aufflackern der längst verloren geglaubten Persönlichkeit.

Nach seinem 70. Geburtstag häuften sich bei Dan die Probleme im Alltag. Er konnte mit dem neuen Auto nicht umgehen, vernachlässigte seine Finanzen und reagierte oft gereizt. Ein Arzt bestätigte den Verdacht: Alzheimer. Mit Fortschreiten der Krankheit verblassten Dans Erinnerungen. Wenn Helen, seine Frau, mit ihm in alten Fotoalben blätterte, erkannte er die Gesichter darin nicht mehr. Dann geschah das Unerwartete: Als Helen und die gemeinsame Tochter eines Abends wieder Bilder mit ihm anschauten, begann er, Namen aufzusagen. Einen nach dem anderen erkannte er zwölf Männer aus seiner Armee. Seine Frau brach in Tränen aus, Dan schien in Glück zu schwelgen – bis der lichte Moment jäh wieder erlosch.

Diesen Fall vorübergehender Geistesklarheit bei fortgeschrittener Demenz beschrieb Jason Karlawish 2021 in einem Fachartikel. Damals noch als »paradoxe Geistesklarheit« oder »paradoxe Luzidität« bezeichnet, meint der US-amerikanische Medizinethiker und Alzheimerforscher heute, man solle stattdessen über »Episoden geistiger Klarheit« sprechen und den Begriff »paradox« meiden, denn der impliziere, »dass an fortgeschrittener Demenz erkrankte Menschen keine klaren Momente erleben«.

Gar nicht so paradox

Das sei aber nicht der Fall: »Forschungsergebnisse legen nahe, dass luzide Episoden vorkommen können. Obgleich sie wohl nicht bei allen auftreten, sind sie Teil des Krankheitsbildes und deshalb nicht paradox.« Für den Forscher ist das »faszinierend, da es unser Bild von der Erkrankung völlig verändert«. In einer 2022 veröffentlichten US-Befragung gaben 61 Prozent der Pflegenden an, eine oder mehrere luzide Episoden bei schwer Demenzkranken erlebt zu haben.

Ähnliches beobachtet man auch bei anderen neurologischen und psychiatrischen Leiden, beispielsweise Schlaganfällen, Meningitis, Schizophrenie, Hirntumoren und -verletzungen. Sogar bei Menschen im Koma, die kurz vor dem Tod noch einmal aufwachen und sich von Angehörigen verabschieden, oder im Delir der Sterbephase kann dergleichen auftreten. Patientinnen und Patienten sprechen wieder zusammenhängend, erinnern sich und treten in Kontakt mit ihrer Umgebung, oft für Sekunden oder Minuten, manchmal für Stunden oder gar Tage. Für Angehörige wirkt es wie ein Aufflackern der längst verloren geglaubten Persönlichkeit.

»Ein dementer Dichter begann eines Tages, vergessene Verse zu rezitieren – bevor er wieder im Nebel der Krankheit verschwand«, beschreibt Alexander Batthyány von der Universität Wien einen anderen Fall. Der Mann fragte seine Frau, ebenfalls eine Dichterin: Erinnerst du dich? »Für einen Demenzkranken finde ich das eine bemerkenswerte Frage«, so der Philosoph, Kognitionswissenschaftler und Psychotherapieforscher. Solche Anekdoten gibt es in der Literatur viele. Ein Team um den Biologen Michael Nahm vom Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene hat Fallberichte zusammengetragen, die 250 Jahre zurückreichen.

Luzide Episoden treten vor allem kurz vor dem Tod auf

Besonders oft scheinen die luziden Episoden kurz vor dem Tod aufzutreten. Fachleute sprechen dann von »terminaler Geistesklarheit«. Batthyány und sein Kollege Bruce Greyson, Neurowissenschaftler an der University of Virginia, befragten 2020 in einer Studie Pflegekräfte, die im Jahr zuvor geistig klare Momente bei schwer Demenzkranken erlebt hatten. Mehr als zwei Drittel der Patienten verstarben den Befragten zufolge innerhalb von zwei Tagen nach der klaren Episode.

Nathalie Peter, Leiterin des Christlichen Hospiz Soest, kennt Derartiges. Manche ihrer Gäste äußern dann konkrete Wünsche. Eine Dame, die tagelang nicht gegessen und getrunken hatte, verlangte plötzlich nach einer Cola. Kurz darauf verstarb sie. Ein Mann war nicht mehr ansprechbar gewesen, stand aber eines Nachts wie selbstverständlich auf, um zur Toilette zu gehen. Manche wollen sich waschen, ihre Haare gemacht bekommen. Eine Frau wollte »den Krimi im Ersten« sehen, nachdem sie wochenlang im Delir gelegen hatte. »Sie wusste genau, dass Montag war und der Tatort um 20:15 Uhr beginnen würde«, so Peter. »Tatsächlich schaffte sie es, ihn im Kreise ihrer Familie zu schauen, bevor sie starb.«

Jason Karlawish und Alexander Batthyány sind Pioniere in der Erforschung der geistesklaren Episoden. 2018 nahmen sie an einem Experten-Workshop des US National Institute of Aging (NIA) teil, der Fachleute aus verschiedenen Disziplinen wie Neurowissenschaft, Bewusstseinsforschung und Geriatrie zusammenbrachte.* »Bis dahin neigten wir Kliniker dazu, luzide Episoden zu ignorieren oder als belanglose ›Spasmen‹ des Gehirns abzutun«, erinnert sich Karlawish – »Fehler im System« sozusagen. Das sollte sich künftig ändern: Der Workshop markierte den Beginn einer systematischen, wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen, unterstützt durch Fördergelder, die das NIA für die Forschung vergab, und zwar vor allem im Kontext von Demenz.

Mehr Fragen als Antworten

»Die Zahl der Demenzkranken steigt durch den demografischen Wandel«, sagt Karlawish – einer der Gründe, warum sich die Forschung überwiegend diesem Feld widmet. »Wir fürchten Demenz, weil sie das zerstört, was uns Menschen im Kern ausmacht: unseren Geist.« So zeigen sich bei fortgeschrittenem Alzheimer im Gehirn ausgeprägte Veränderungen: Nervenzellen im Hippocampus und in der Großhirnrinde gehen zugrunde, die Kommunikation zwischen Hirnregionen ist massiv gestört. »Neuronenverbände sind nicht nur defekt, sondern oft auch atrophiert, also gar nicht mehr da«, sagt Batthyány. Die große Frage lautet: Was befähigt ein strukturell und funktional derart geschädigtes Gehirn plötzlich wieder zu klaren Gedanken und Erinnerungen? »Wir befinden uns ganz am Anfang«, sagt Batthyány, »in einer Phase der freien Spekulation.«

Gehirnkarten, wie sie bis heute in der naturwissenschaftlichen Ausbildung üblich sind, ordnen in bunten Bildern einzelnen Arealen feste Funktionen zu: dem Schläfenlappen in der Nähe des Ohrs etwa, der am Gedächtnis beteiligt ist, oder dem Hinterhauptlappen, der visuelle Signale verarbeitet. »Momente geistiger Klarheit passen nicht in dieses Schema«, sagt Batthyány.

»Wir befinden uns ganz am Anfang, in einer Phase der freien Spekulation«Alexander Batthyány, Kognitionswissenschaftler

Kurz vor ihrem Tod, in einer Phase solcher Klarheit, führten er und seine Großmutter ein etwa zehnminütiges Telefonat, tauschten Erinnerungen aus. Dabei war die Frau nach mehreren Schlaganfällen, die ihr »Sprachzentrum« beschädigt hatten, seit anderthalb Jahren praktisch sprechunfähig gewesen. Nur wenige, einfache Worte waren ihr geblieben. »Am Telefon redete sie auf einmal genauso ausdrucksstark wie früher«, erinnert Batthyány sich. »Meine Großmutter hatte sich immer stilvoll ausgedrückt und dafür durch ihre Ausbildung am Theater ein besonderes Talent.«

Unbeschädigte Hirnnetzwerke können Funktionen übernehmen

Wie ist so etwas möglich? Dass in schwer geschädigten Denkorganen Nervenzellverbände plötzlich wieder »auferstehen«, gilt als extrem unwahrscheinlich. Doch man weiß: Gehirne sind plastisch. »Nach Schlaganfällen können andere Regionen die Funktionen beschädigter Hirnbereiche teilweise übernehmen«, sagt Karlawish. »Episoden geistiger Klarheit könnten darauf hindeuten, dass verbliebene Netzwerke vorübergehend reaktiviert werden.«

Um diese Idee geht es auch in einer Publikation von Fachleuten um George Mashour von der University of Michigan. Darin formulierte der Anästhesiologe und Neurowissenschaftler die Idee, dass Funktionen in beschädigten Hirnnetzwerken erhalten bleiben. In den seltenen Momenten geistiger Klarheit könnten sie sich neu synchronisieren, wodurch Sprache oder Erinnerung bei Demenzkranken temporär zurückkehren.

Parallelen zu Nahtoderfahrungen

Mashour verweist auf verwandte Phänomene, die darauf hindeuten, dass bewusstes Erleben auch dort auftreten kann, wo gängige Theorien es kaum erwarten lassen. Das verleiht den klaren Momenten bei fortgeschrittener Demenz und anderen Hirnerkrankungen eine gewisse biologische Plausibilität. Besonders eindrückliche Beispiele sind Nahtoderfahrungen: außergewöhnliche Bewusstseinszustände, von denen Menschen nach lebensbedrohlichen Situationen wie Herzstillstand, Koma oder schweren Unfällen berichten. Sie können auftreten, wenn die Betroffenen dem Tod sehr nahe waren oder sogar für klinisch tot erklärt wurden.

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt die Sauerstoffkonzentration im Denkorgan. Die Nervenzellen gehen in einen Sparmodus, stellen ihre Aktivität fast vollständig ein. Sind die Energiereserven verbraucht, bricht das über die Zellmembran hinweg aufrechterhaltene Spannungsgefälle zusammen und eine riesige Entladungswelle breitet sich als »Tsunami« über das gesamte Gehirn aus. Nahtoderlebnisse wie Lichtvisionen oder außerkörperliche Erfahrungen könnten darauf zurückgehen. Mashour spekuliert, dass ähnliche Prozesse bei luziden Episoden kurz vor dem Tod eine Rolle spielen.

»Es stellt die gängige Vorstellung infrage, wonach ein intaktes Gehirn zwingende Voraussetzung für geistige Funktionen ist«Alexander Batthyány, Kognitionswissenschaftler

Auch andere Beobachtungen deuten darauf hin, dass gestörte Hirnnetzwerke Funktionen unter bestimmten Bedingungen zurückgewinnen können – und zwar dann, wenn niemand damit rechnen würde. So hat das Schlafmittel Zolpidem die Reaktionsfähigkeit von Patienten im vegetativen Zustand in Einzelfällen verbessert. Und einige Eltern berichteten, dass ihre Kinder mit Autismus während eines Fiebers vorübergehend Fortschritte in Kommunikation, Verhalten und sozialen Fähigkeiten zeigten. Beides sind Einflüsse, die auf ein gesundes Gehirn normalerweise hemmend wirken, so Mashour.

Terminale Luzidität stellt gängige Annahmen der Hirnforschung infrage

Einige Erklärungsansätze reichen über die klassische Neurowissenschaft hinaus bis ins Reich der puren Spekulation: So beschreibt Batthyány in seinem Buch »Das Licht der letzten Tage« terminale Geistesklarheit als eine Art Phasenübergang des Bewusstseins, bei dem sprunghaft eine neue Ordnung entstehen könnte – vergleichbar mit Phasenwechseln in physikalischen Systemen. Er erklärt, dass viele physikalische Gesetze, die in unserem normalen Alltag gelten, in Grenzbereichen ihre Gültigkeit verlieren würden. Der Tod sei die »härteste Grenzbedingung« für das Leben. Es sei daher denkbar, dass dort die übliche Abhängigkeit zwischen Gehirn und Geist nicht mehr in der gleichen Form gelte wie sonst. Belege gibt es dafür bisher allerdings keine.

»Die terminale Geistesklarheit führt uns vor Augen, dass das Gehirn-Geist-Problem nach wie vor ungelöst ist«, sagt der Kognitionsforscher. »Es stellt die gängige Vorstellung infrage, wonach ein intaktes Gehirn zwingende Voraussetzung für geistige Funktionen ist.«

»Wir wissen nicht, was passiert«, sagt Karlawish. Unklar ist auch, ob es sich bei luziden Episoden immer um ein- und dasselbe Phänomen handelt oder ob verschiedene Mechanismen wirken, je nachdem, ob die Klarheit kurz vor dem Tod, in früheren Lebensphasen oder im Kontext bestimmter Erkrankungen auftritt. »Eines der Dinge, die mich meine medizinische Laufbahn gelehrt hat, ist eine gesunde Skepsis gegenüber der Vorstellung eines einzigen Mechanismus.« Die zugrunde liegenden Prozesse nennt Karlawish den »Heiligen Gral« der Luziditätsforschung. Würde man sie entschlüsseln, könnten daraus eines Tages vielleicht Therapien entstehen, die solche Episoden häufiger ermöglichen. »Das ist ein ambitioniertes, aber durchaus legitimes Forschungsziel.«

»Jeder Mensch stirbt anders«Nathalie Peter, Leiterin des Christlichen Hospiz Soest

Zunächst geht es jedoch darum, das Phänomen systematisch zu erfassen und zu beschreiben. Alexander Batthyány analysiert derzeit etwa 400 Aufnahmen von Gesprächen, die Menschen während luzider Episoden vor ihrem Tod geführt haben. Die Art, wie Menschen Sätze bilden, verrät viel über den kognitiven Zustand. Demenzkranke sprechen oft in kurzen, einfachen Sätzen. Ein komplexer Satzbau ist dagegen ein Hinweis auf geistige Präsenz. Auch das Gesagte selbst interessiert ihn. »Viele scheinen Abschied zu nehmen. Erstaunlich oft geht es um körperliche Wünsche, zum Beispiel Essen. Einige planen ihr Begräbnis.« Ein Team um die Pflegeforscherin Andrea Gilmore-Bykovskyi von der University of Wisconsin-Madison will die Bewegungsmuster von Hospizpatienten anhand von Videos analysieren. Ähnlich wie die Sprache könnten sie ein Indikator für Geistesklarheit sein.

Für Angehörige mitunter ein Geschenk

Ein Fokus von Jason Karlawishs Forschung liegt auf ethischen Fragen: Was bedeutet es für Angehörige, wenn Mutter, Ehemann oder Großmutter mit schwerer Demenz für kurze Zeit »wieder da« sind? Der Mediziner erinnert sich an eine Frau, die ihm von einer klaren Episode ihres schwer demenzkranken Großvaters kurz vor dessen Tod erzählte. »Die Erinnerung an diesen Moment der Verbindung bewegte sie noch Jahre später so tief, dass sie in meinem Büro in Tränen ausbrach.« Solche Erfahrungen müssten Kliniker ernst nehmen, betont Karlawish, denn für Familien seien sie oft von unschätzbarer Bedeutung. »Wer sie abtut oder ignoriert, vermittelt Angehörigen, dass ihre Gefühle keine Rolle spielen, und zerstört damit Vertrauen.«

Bei allem Forschungsdrang sieht Alexander Batthyány auch eine Gefahr: »Es darf nicht die Erwartung entstehen, dass ein ›guter‹ Tod einen letzten klaren Moment braucht.« In einer prospektiven Studie des neuseeländischen Psychiaters Sandy Macleod zu terminaler Geistesklarheit trat diese bei 6 von 100 Hospizpatienten auf. »Das sind nicht besonders viele«, so Batthyány. Hospizleiterin Nathalie Peter formuliert es so: »Jeder Mensch stirbt anders.« Einige seien verwirrt und unruhig, manche abwesend oder ängstlich, andere friedlich und ruhig. »Für Angehörige ist es ein Geschenk, wenn sie mit Schwerkranken noch einmal in Verbindung treten können. Doch das schönste Geschenk für Sterbende ist es, in der eigenen Verwundbarkeit gesehen und gehalten zu werden – ganz unabhängig von ihrem Bewusstseinszustand.«

*In einer früheren Version haben wir fälschlicherweise geschrieben, Jason Karlawish, Alexander Batthyány und Michael Nahm hätten 2018 an einem Experten-Workshop des US National Institute of Aging (NIA) teilgenommen. In Wirklichkeit trifft das nur auf Jason Karlawish und Alexander Batthyány zu, weshalb wir die Passage geändert haben.

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  • Quellen

Batthyány, A., Greyson, B., Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice, 10.1037/cns0000259, 2021

Mashour, G., Alzheimer’s & Dementia, 10.1016/j.jalz.2019.04.002, 2019

Ney, D. B., Journal of the American Geriatrics Society, 10.1111/jgs.17484, 2025

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