Theoderich: Der Barbar, der Rom rettete

Vor den Toren Ravennas setzte er sein letztes Zeichen: ein zweigeschossiges Mausoleum, 16 Meter hoch, auf zehneckigem Grundriss, abgedeckt mit einem etwa 230 Tonnen schweren Monolithen. Der Koloss strahlt in hellem Kalkstein. Das Grabmal von Theoderich lässt sich architekturgeschichtlich in keine Schublade stecken. Es ist ein Einzelfall ohne Vorbild und ohne Nachfolger – fast so wie sein Bauherr.
Wie es im 6. Jahrhundert gelang, den riesigen Kuppelmonolithen aus einem Steinbruch bei Triest über die Adria zu transportieren und an seinem Bestimmungsort aufzusetzen, ist bis heute ein Rätsel. Theoderich hat sich mit dem gewagten Bau sein eigenes Denkmal gesetzt. Als er vor 1500 Jahren, am 30. August 526, starb, war das Mausoleum offenbar so weit fertig gestellt, dass sein Leichnam darin beigesetzt werden konnte.
Damit ging eine Ära zu Ende, die Italien mitten in einer Phase des politischen Umbruchs noch einmal eine Atempause verschaffte. Ausgerechnet ein »Barbar« aus den ehemaligen Grenzregionen des Reiches sorgte für Ruhe und Stabilität. Doch worauf gründete seine Macht? Ein neuer »Augustus« oder ein »Kaiser«, der im Westen des einst geteilten Imperium Romanum herrschte, wollte er wohl nicht sein. Er selbst bezeichnete sich als »rex«, als König, und ließ sich von seinen Untergebenen als »dominus«, Herr, anreden.
Unklar ist allerdings, ob er nicht doch danach strebte, das römische Kaisertum zu erneuern und sich selbst als Imperator zu stilisieren. Die Eliten nannten ihn auch »princeps«, was dem alten Kaisertitel entsprach. Dennoch trug Theoderich in der Öffentlichkeit nicht alle kaiserlichen Insignien – vermutlich ein bewusstes Understatement, um den Kaiser in Konstantinopel nicht zu verärgern, dessen Vorrang er nicht offen infrage stellen konnte.
Aufgewachsen am Hof von Konstantinopel
Theoderich übte allerdings die Macht des Stärkeren aus: Er war skrupelloser Machtpolitiker und geschmeidiger Diplomat in einem – nicht aus irgendeiner aufgeklärten Toleranz heraus, sondern aus Kalkül. Geboren wurde er um 453 in Pannonien im mittleren Donaugebiet als Sohn des Königs Thiudimir aus dem Hause der Amaler. Bereits als Achtjähriger war er als Geisel an den Hof von Konstantinopel gekommen. Schon Jahrhunderte zuvor war es üblich, die Kinder auswärtiger Herrscherhäuser am Kaiserhof zu erziehen. Es sollte die »Barbarenprinzen« zu Römern machen, Abkommen und Frieden garantieren, den auch die Ostgoten mit der oströmischen Reichsregierung suchten.
Das Medaillon aus Morro d’Alba bei Ancona ist das einzige gesicherte Bildnis Theoderichs. Darauf hat der gerüstete Herrscher den Sieg buchstäblich in der Hand: als Figur der Victoria. Auch auf der Rückseite ist die Siegesgöttin abgebildet. Zu sehen ist eine galvanoplastische Nachbildung des originalen Medaillons.
Unter Kaiser Leo I. (um 401–474) erhielt Theoderich eine sorgfältige Ausbildung in Sprachen, Mathematik, Musik und Kunst, die ihn zeitlebens prägte. Zehn Jahre währte sein Aufenthalt in der glanzvollen Kaiserstadt am Bosporus – eine Zeit, in der er auch die Machtstrukturen am Hof, das Zeremoniell, den überragenden Einfluss der mächtigen Heermeister, aber auch die prächtigen Bauwerke der Metropole Konstantinopel kennenlernte.
Lange fand Theoderich, der seinen Vater 474 in der Königswürde beerbte, keine Rolle für sich und seine Goten auf dem Boden des Imperiums. Daher nahm er das Angebot an, das ihm der neue oströmische Kaiser Zenon unterbreitete, der von 474 bis 491 herrschte. Zenon wollte die unruhigen Goten aus seinem Machtbereich loswerden. Daher sollte Theoderich den Usurpator Odoaker, der 476 den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt hatte, beseitigen und an seiner Stelle Italien im Namen des Kaisers verwalten. Im Sommer 489 fiel Theoderich über die Julischen Alpen mit seinem Kampfverband in das politisch zerrissene, aber immer noch wohlhabende Italien ein und nahm Kurs auf den Fluss Isonzo.
Mord aus Machtkalkül
Die beiden germanischen Heerführer trafen in verlustreichen Schlachten aufeinander und schenkten sich nichts. Als nach fast dreijähriger Belagerung die völlig ausgehungerte Stadt Ravenna kapitulierte, entschloss sich der Ostgotenkönig, die Entscheidung mit dem Schwert herbeizuführen: Bei einem Empfang im Jahr 493 brachte er Odoaker eigenhändig um und spaltete ihm mit einem einzigen Hieb den Leib vom Schlüsselbein bis zur Hüfte.
Ob sich die Szene tatsächlich so zugetragen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vieles, was über Theoderich bekannt ist, stammt aus spätantiken Schriften, darunter Lobreden auf den Gotenkönig, und aus Dutzenden amtlicher Schreiben, die während Theoderichs Herrschaft und somit in seinem Sinne verfasst wurden. Stimmen dürfte aber: Theoderich begann seine Herrschaft über Italien mit Mord und Totschlag.
Der Machtkampf war entschieden, doch nun galt es, den entwurzelten Goten eine neue Heimat zu geben. Die schätzungsweise 20 000 Krieger und der gewaltige Tross an Frauen und Kindern, insgesamt etwa 100 000 Menschen, mussten mit der zahlenmäßig weit überlegenen römischen Bevölkerung ausgesöhnt werden.
Die einstige Palastkirche Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna ist mit Mosaiken geschmückt. Theoderich ließ den Bau errichten, später, nach der oströmischen Eroberung, wurde er umgestaltet.
Eine Welt aus Kriegern und Zivilisten
Nach den Worten von Hans-Ulrich Wiemer von der Universität Erlangen-Nürnberg verfolgte der Ostgotenkönig ein außergewöhnliches Herrschaftskonzept, das der Historiker mit dem Schlagwort »Integration durch Separation« umreißt. Theoderich »zielte keineswegs darauf ab, Goten und Römer zu einem Volk zu verschmelzen«, sondern war vielmehr darum »bemüht, eine soziale Scheidewand zwischen Eroberern und Einheimischen zu errichten«. Der Herrscher teilte seine Untertanen in zwei Völker, die unterschiedliche Aufgaben und Rollen erfüllen sollten: »die Goten als Krieger, die Römer als Zivilisten«, schreibt Wiemer in seiner Theoderich-Biografie. Umgehend begann der König, seine Gefolgsleute auf Landgütern anzusiedeln, die zuvor Odoaker und dessen Parteigängern gehört hatten oder zum Staatsbesitz zählten. Er verschaffte ihnen damit krisenfeste Einnahmen und versicherte sich ihrer Loyalität. Die Goten behielten ihre Sitten, Rechtsgebräuche und Sprache bei und unterstanden einer eigenen Militärverwaltung.
Gleichzeitig bezog Theoderich aber auch die römische Bevölkerung mit ihrer senatorischen Führungsspitze in sein Herrschaftssystem mit ein: Er übernahm die römische Zivilverwaltung, berief weiterhin vornehme Römer in alle Spitzenämter und wahrte die Privilegien der grundbesitzenden Senatoren. Legendär wurde sein Besuch in Rom im Jahr 500, wo er wie ein römischer Kaiser auftrat, das Forum Romanum und den Senat besuchte, Wagenrennen im Circus Maximus organisierte und dem Volk Getreidelieferungen zusicherte. Da Zenons Nachfolger, Kaiser Anastasios I. (430–518), Theoderichs Herrschaft über Italien inzwischen offiziell anerkannt hatte, konnte er sich den Römern mit Fug und Recht als legitimer König präsentieren.
Mit dieser auf Ausgleich bedachten Politik schuf Theoderich eine mehr als drei Jahrzehnte währende Friedensära. Rom überließ er dem Senat; seine Residenz verlegte er in die Stadt Ravenna, die er glanzvoll zur »urbs regia«, zur königlichen Stadt, ausbaute. Wie einst Kaiser Honorius (395–423), der seinen Hof 402 von Mailand nach Ravenna verlegt hatte, wohnte er im Stadtpalast, den er vergrößerte und mit einem Säulenumgang erweiterte. An zentralen Stellen präsentierte er sich, wie es frühmittelalterliche Beschreibungen überliefern, auf schmuckvollen Mosaikbildern in kaiserlichen Posen: hoch zu Ross oder stehend mit Schild und Lanze, umgeben von den Personifikationen der Roma und der Stadt Ravenna.
Der König ließ im großen Stil bauen
Aus der Kaiservilla auf dem Pincio in Rom holte er antike Werkstücke aus Marmor, um sie in seinen eigenen Bau zu integrieren. Handwerker aus Rom und Konstantinopel führten die Arbeiten aus – Theoderich wollte das Beste vom Besten haben. Der ihm nahestehende Geschichtsschreiber und Kanzleibeamte Cassiodor (um 490–um 580) lobte in seiner Weltchronik die diesbezüglichen Verdienste Theoderichs mit den Worten: »Unter seiner Glück bringenden Herrschaft werden sehr viele Städte erneuert; bewundernswerte Paläste steigen in die Höhe; man baut hervorragend befestigte Kastelle. Die Wunder der alten Zeit werden durch seine großen Bauwerke übertroffen.«
Sein größter selbständiger Bau in der Stadt war die heute Sant’Apollinare Nuovo genannte Palastkirche, die ursprünglich Christus Salvator geweiht war. Wegen ihrer einst goldenen Decke und der goldenen Wandmosaiken im Innern erhielt sie den Beinamen »goldener Himmel«. Über die gesamte Länge der Kirche schmückten Mosaike die Wände, die vor allem der Verherrlichung der Person und der Herrschaft Theoderichs dienten: Er selbst saß wohl im Thronsaal seines abgebildeten Palastes, umgeben von Höflingen, über ihm eine Fülle von Heiligen und Märtyrern, Aposteln und Propheten, dazu die Muttergottes und Christus. Nie zuvor war ein weltlicher Herrscher auf diese Weise innerhalb einer Kirche gewürdigt worden, was nach Theoderichs Tod auch Anlass war, die Mosaiken gründlich zu überarbeiten.
Ein Wandmosaik in Sant’Apollinare Nuovo zeigt den Palast Theoderichs. Noch in der Spätantike wurde das Bild umgearbeitet. Figuren, die ursprünglich zwischen den Säulen standen, wurden durch Vorhänge ersetzt. Zu erkennen ist das an den »Geisterhänden«, die auf einigen Säulen belassen wurden. Im Zentrum war vermutlich Theoderich abgebildet.
Denn so prächtig die Palastkirche auch ausfiel, sie diente nicht dem gemeinsamen Gottesdienst von Römern und Goten. Die Kirche war arianisch geweiht. Die Ostgoten hatten, wie viele andere germanische Völker, das Christentum in seiner arianischen Form angenommen. Demnach glaubten sie an die Wesensähnlichkeit Christi mit dem Gottvater, jedoch nicht an dessen Wesensgleichheit wie die römischen Katholiken. Da das 325 auf dem Konzil von Nicäa ausformulierte Glaubensbekenntnis aber immer stärkere Anerkennung in der Christenheit fand, galten die Arianer spätestens seit 381 als Häretiker.
Theoderich hinderte das allerdings nicht, an seinem Bekenntnis festzuhalten. Er tat auch nichts, um den Bruch zwischen Katholiken und Arianern zu kitten, auch wenn er seine Hand über die katholische Kirche hielt und gute Beziehungen zu deren Bischöfen, einschließlich des Papstes in Rom, pflegte. Selbst den Entschluss seiner eigenen Mutter, zum römisch-katholischen Glauben überzutreten, akzeptierte er widerstandslos. Allein aus machtpolitischen Erwägungen heraus verbot es sich für ihn als Anführer einer ethnischen und religiösen Minderheit, einen Religionskonflikt mit der Bevölkerungsmehrheit zu entfachen. Deshalb gewährte er auch jüdischen Gemeinden Schutz vor Übergriffen, um die innere Ruhe zu wahren.
Theoderich holte die geistige Elite an den Hof
Trotz der strikten Trennung zwischen Goten und Römern, Katholiken und Arianern zeigte der Gotenkönig keine Scheu im Umgang mit Menschen, die nicht zu seinem Personenverband zählten. An seinen Hof holte er bedeutende Intellektuelle, von denen der aus altem römischen Senatorengeschlecht stammende Boethius (um 480–um 524) der bekannteste war. Boethius übersetzte Werke antiker griechischer Gelehrter ins Lateinische und verschaffte so den Naturwissenschaften, der Mathematik und der Medizin einen Aufschwung. Bei Hof diskutierte man über Geografie und Medizin, tauschte Wissen über die Konstruktion von Uhren und Musikinstrumenten aus und gefiel sich im Vortrag von Liedern und Gedichten. Auch die Geschichtsschreibung florierte: Der von Theoderich mit der Abfassung einer »Gotengeschichte« beauftragte Cassiodor legte später auch eine wichtige Sammlung amtlicher Schreiben an, die zu den bedeutendsten Quellen dieser Zeit zählt.
Trotz seiner Bemühungen fiel es dem Ostgotenkönig jedoch zusehends schwer, alle Konflikte im Zaum zu halten. Letztendlich blieben die arianischen Goten eine Minderheit in Italien. Die ungeklärte Frage, wer ihm nachfolgen sollte – der König hinterließ einzig eine lebende Tochter mit Enkel –, und ein sich eintrübendes Verhältnis zu Ostrom ließen das Reich nach seinem Tod rasch zusammenbrechen. Der oströmische Kaiser Justinian I. (482–565) nutzte schließlich im Jahr 535 die Gelegenheit, um mit seinen Truppen in Italien einzumarschieren. Die Apennin-Halbinsel versank daraufhin für fast zwei Jahrzehnte in den Gotenkriegen. Einzig das Mausoleum in Ravenna kündete da noch von Theoderichs einstiger Herrschaft – und das bis heute.
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