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Thomas Grundmann: »Die Leute sollen glauben, was die Experten sagen«

Der Philosoph Thomas Grundmann sagt, das Selberdenken sei überschätzt und man solle im Zweifel einfach auf Wissenschaftler hören. Damit will er bewusst an Tabus rütteln.
Eine Hand berührt die glänzende, abgenutzte Oberfläche der Finger einer großen Bronzestatue. Die Statue ist teilweise sichtbar und zeigt eine ausgestreckte Hand. Die Berührung hat die Patina der Statue an dieser Stelle abgetragen, was auf häufigen Kontakt hinweist. Im Hintergrund sind verschwommene Details der Statue zu erkennen.
Wer sich auf die Urteile von Experten verlässt, handele vernünftig, argumentierte der schottische Denker David Hume (1711–1776). Um von seiner Weisheit zu profitieren, genügt es angeblich aber auch, den linken Fußzeh seiner Statue zu reiben. So zumindest erzählt man es sich in Edinburgh.

Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragt die »DIE ZEIT« in dieser Serie, was interessante Köpfe gegenwärtig bedenkenswert finden. Heute antwortet der analytische Philosoph Thomas Grundmann – und ausnahmsweise geht dem Gespräch eine persönliche Geschichte voraus. Befragt wird Grundmann von Lars Weisbrod, der vor 20 Jahren bei ihm studierte und vieles lernte. Als der »Zeit«-Redakteur aber das neue Buch seines ehemaligen Professors las, war er entsetzt. In »Expert Authority and the Limits of Critical Thinking« rechnet Grundmann ab mit dem kritischen Denken, dem aus seiner Sicht zu viel Gewicht beigemessen werde.

DIE ZEIT: Thomas Grundmann, worüber denken Sie gerade nach?

Thomas Grundmann: Über einen tiefgreifenden Wandel in der Wissensgesellschaft in den letzten 150 Jahren. Unser kollektives Wissen ist exponentiell angestiegen: in der Menge wie in der Tiefe. Dafür gibt es technologische Gründe, aber die Wissensexplosion ist auch Folge einer veränderten Arbeitsweise. Forscher arbeiten vermehrt zusammen, es gibt mehr epistemische Arbeitsteilung. Dadurch spezialisieren sich Experten immer weiter. Diese Spezialisten sind den Laien inzwischen so weit überlegen, dass man als Laie ihren Einsichten oft gar nicht mehr folgen kann.

Und was schließen Sie als Philosoph daraus?

Dass man noch einmal gründlich darüber nachdenken muss, welche Erkenntnisideale wir historisch mitschleppen und wie zeitgemäß die noch sind. Da wären zum einen die Ideale der Aufklärung, zum anderen die antiautoritären Ideale von ’68. Die Ideale der Aufklärung werden oft verkürzt zur Maxime: Folge nur deiner eigenen Einsicht! Und die antiautoritäre Position scheint darauf hinauszulaufen, dass jede Form von Unterordnung überwunden werden muss. Das aber steht im Widerspruch zur arbeitsteiligen Wissensgesellschaft mit ihren Experten. Wo diese sich stetig stärker spezialisieren, kann der Laie nicht ohne Weiteres der eigenen Einsicht folgen. Und angesichts der epistemischen Asymmetrien ist Unterordnung oft geboten.

Thomas Grundmann |

Der Professor für Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Logik forscht und lehrt an der Universität Köln. Sein Buch »Expert Authority and the Limits of Critical Thinking« ist gerade bei Oxford University Press erschienen.

Sie wollen also mit den Idealen der Aufklärung brechen?

Wo es um echte Fachfragen geht, sollte der Laie nicht selbst nachdenken. Mein kritischer Geist darf nicht die Letztinstanz sein, die entscheidet: Glaube ich dem Experten oder lieber nicht? So stellt man sich das ja oft vor: Wir hören uns alles an, was die Experten sagen – und dann denken wir selber noch mal drüber nach. Und wenn das Expertenurteil für uns nicht passt, wenn es sich nicht in einen für uns schlüssigen Gesamtzusammenhang einordnen lässt, dann müssen wir Widerstand leisten. So könnte man das Aufklärungsideal ja verstehen. Dieses Ideal aber halte ich für überholt.

Sie sagen: Wichtiger als Selberdenken ist es, Wissenschaftlern zu vertrauen – und ihre Meinung einfach zu übernehmen. Ganz ohne sich selbst Gedanken in der Sache zu machen. Für mich klingt das skandalös!

Klar, man rüttelt schnell an Tabus, wenn man Autorität rehabilitieren will. Was ich behaupte, ist aber erstens durch rationalitätstheoretische Überlegungen gedeckt. Und zweitens argumentiere ich auch von den Konsequenzen her. Was passiert denn, wenn wir die Aufklärungsideale nicht entsprechend präzisieren und sie weiter unhinterfragt hochhalten? Die Folgen können wir längst besichtigen: grassierende Verschwörungstheorien und Wissenschaftsfeindlichkeit. Außerdem will ich das Selberdenken natürlich nicht komplett verabschieden. Es spielt weiterhin eine wichtige Rolle, zum Beispiel für das kognitive Training. Aber es spielt keine Rolle für die tatsächliche Urteilsbildung in Fachfragen.

»Viele Theorien wirken für Laien verrückt, aber sind trotzdem wahr.«
Thomas Grundmann

Für diese Urteilsbildung sind Ihnen zufolge nur die Aussagen anderer entscheidend. Aber ist das nicht völlig unplausibel? Ich weiß doch erst etwas über die Welt, wenn ich sie selbst gesehen habe oder zumindest selbst über sie nachgedacht habe.

So hat man das in der Philosophiegeschichte lange gesehen. Es herrschte ein epistemischer Individualismus vor. Die sachlichen Gründe für eine Position mussten mir selbst einleuchten. Andere Leute spielten höchstens eine Rolle, wenn sie mich auf mir bisher unbekannte Gründe oder Argumente aufmerksam machten. So sah es Platon, später argumentierten auch René Descartes und John Locke so.

Und was soll falsch sein an diesem Individualismus?

Oft erzählt mir mein Nachbar, dass etwas passiert ist, als ich nicht da war – und ich glaube das erst mal. Oder ich telefoniere mit jemandem, der mir sagt: Hier ist gerade schönes Wetter in Rio de Janeiro! Das glaube ich ihm, ohne es noch einmal zu prüfen. Wir glauben im Alltag, was uns verlässliche Zeugen erzählen. Sogar vor Gericht ist das so. Ist das etwa unvernünftig? David Hume war der Erste, der argumentiert hat: Es ist rational, sich auf »testimony« zu verlassen, auf »Zeugnisse« anderer. Wenn ich weiß, dass Leute glaubwürdige Zeugen sind, weil sich ihre Aussagen in der Vergangenheit als wahr herausgestellt haben, dann ist es vernünftig, ihre Meinungen zu übernehmen. Komischerweise ist vor Hume keiner auf diese eigentlich naheliegende Idee gekommen.

Dass ich mich auch auf die Zeugnisse anderer verlassen kann, mag ja sein. Aber Hume wollte mir sicherlich nicht das Selbstdenken verbieten!

Die meisten Philosophen sehen es heute vermutlich so, dass beides nebeneinander steht. Sie sind also keine epistemischen Individualisten mehr, sondern gestehen den Zeugnissen anderer Gewicht zu. Und das Zeugnis von Experten hat dann ein größeres Gewicht als mein eigenes Urteil. Mein eigenes Urteil hat aber trotzdem noch irgendein Gewicht – so argumentiert diese Standardposition. Wenn zum Beispiel 100 Laien unabhängig voneinander zum selben Urteil kommen, dann könnte das Expertenurteil überstimmt werden.

Und das stört Sie? Sie wollen, dass die Laien gar kein epistemisches Mitspracherecht haben?

Ich habe eben gesehen, dass viele Verschwörungstheoretiker auf diesem Weg in Teufels Küche kommen. Das wirkt ja zunächst harmlos und sogar berechtigt, wenn man sagt: Ich glaube den Experten eigentlich schon, aber wenn mir ihre Erklärungen völlig absurd erscheinen, dann ist Schluss.

Klingt eigentlich nach einem guten Prinzip.

Nein, das ist kein gutes Prinzip. Nehmen Sie die Zwillingstürme des World Trade Centers am 11. September 2001. Die sind nach dem Einschlag der Flugzeuge irgendwann eingestürzt. Dieser Einsturz hat jeweils zwischen 14 und 16 Sekunden gedauert. Und dann haben Leute gesagt: »Moment mal, ein Stein im freien Fall aus der Höhe des Daches hätte neun Sekunden bis zum Boden gebraucht. Diese Gebäude sind also fast so schnell kollabiert wie ein frei fallender Stein? Also das kann ja nun wirklich nicht stimmen! Dass die zusammenfallen, mag ja sein, aber das ist doch eine solide Konstruktion, das muss doch länger dauern!« Und das wurde als Argument präsentiert dafür, dass es in Wirklichkeit eine kontrollierte Sprengung gewesen sein muss. Dabei haben Experten den Einsturz genau nachvollzogen und nachgerechnet, dass diese 14 bis 16 Sekunden ungefähr der erwartbaren Zeit entsprechen. Dass dieser geringe Wert auf Laien irgendwie absurd wirkt, das kann ja nicht gegen das Expertenurteil sprechen. Genauso wenig wie es gegen die Quantenphysik spricht, dass Teilchen unbestimmte Aufenthaltsorte haben, was uns ja ebenfalls absurd erscheint. Viele Theorien wirken für Laien verrückt, aber sind trotzdem wahr. Und meine Befürchtung ist: Wenn wir zulassen, dass dem Laienurteil in Sachfragen auch nur irgendein Gewicht zukommt, dann kann sich ein wissenschaftsfeindlicher Habitus etablieren.

Dass Sie Wissenschaftsfeindlichkeit bekämpfen wollen, ehrt Sie. Aber das ist doch kein philosophisches Argument.

Sie missverstehen mich. Ich halte es auch dann für falsch, dem Laienurteil in Sachfragen Gewicht beizumessen, wenn der Laie tatsächlich mal richtig liegt. Stellen Sie sich vor, Sie rechnen eine mittelschwere Matheaufgabe im Kopf aus, und das Ergebnis ist korrekt. Dann bitten Sie einen ausgewiesenen Kopfrechenprofi, die Aufgabe nachzurechnen. Der hat einen ganz schlechten Tag und kommt zu einem anderen, falschen Ergebnis. Trotzdem sollten Sie als Laie das Urteil des Profis übernehmen!

Wieso denn das?

Weil es grundsätzlich irrational wäre, Expertenurteile nicht zu übernehmen. Expertinnen und Experten kennen in der Regel die Gründe und Argumente, die ich als Laie kenne, sowieso alle. Die haben meist alle meine Überlegungen schon durchdacht – und sie haben mehr Kompetenz in der Bewertung der Überlegungen und Gründe. Ich darf also meine eigenen Gründe grundsätzlich nicht berücksichtigen, auch nicht ein bisschen, denn ich muss davon ausgehen, dass der Experte sie bereits berücksichtigt hat. Und zwar besser berücksichtigt.

Das klingt nach einem gewieften Argument. Aber sind solche Metaüberlegungen nicht irreführend? Ich muss mich doch auf meine eigentlichen Gründe verlassen können und darf nicht einfach von ihnen abstrahieren. Wenn ich eine Behauptung absurd finde, dann kann ich sie vernünftigerweise nicht glauben, egal ob statistisch gesehen absurde Expertenbehauptungen trotzdem oft wahr sind oder ob statistisch gesehen Experten die Gründe, die ich anführe, oft schon bedacht haben.

Alle psychologischen Daten zeigen genau in die gegenteilige Richtung. Wir machen selbst bei Aufgaben, bei denen wir uns ganz sicher zu sein scheinen, viele Fehler. Wir werden Opfer von zahlreichen Fehlschlüssen und von Bias. Ich weiß nicht, wie sinnvoll es angesichts dieser Studienlage ist, den common sense gegen jede philosophische Reflexion zu verteidigen, wie Sie das tun. Natürlich ist es sinnvoll, das eigene Urteil kritisch zu reflektieren und möglicherweise im Lichte dieser kritischen Reflexion anzupassen. Genau das entspricht übrigens dem eigentlichen, richtig verstandenen Ideal der Aufklärung, das ich fortführen und stärken will.

»Was ist so schlimm daran, wenn nicht jeder Einzelne alles versteht und durchdringt?«
Thomas Grundmann

Wenn ich mich als Laie niemals auf eigene Überlegungen verlassen darf – woher weiß ich dann überhaupt, wer die Experten sind, denen ich vertrauen soll? Von anderen Experten?

Nein, das wäre natürlich zirkulär. Zunächst will ich betonen: Laien dürfen sich auf eigene Überlegungen verlassen, solange es sich um rein allgemeine Überlegungen handelt und nicht um Überlegungen zu Fachfragen. Und solche Überlegungen rein allgemeiner Natur sind meines Erachtens ausreichend, um Experten erkennen zu können, um also jene Personen zu identifizieren, die den prozessualen und formalen Standards von Wissenschaft folgen. Zu diesen wissenschaftlichen Standards, die auch Laien verstehen können, gehört zum Beispiel ein echter, offener Wettbewerb der Positionen, dazu gehören Verfahren wie Peer-Review, dazu gehört, dass das Wissenschaftssystem regelmäßig Betrugsfälle aufspürt und aufklärt. Es gibt zwar immer wieder Betrugsfälle oder methodische Probleme, aber es sind eben die Wissenschaftler, die diese Probleme aufdecken, nicht die Laien. Solche korrigierenden Mechanismen, wie ich sie beschrieben habe, findet man nicht in gleicher Weise in der Astrologie oder bei Kreationisten. Man kann also Wissenschaft und Pseudowissenschaft voneinander unterscheiden – und zwar ohne, dass man sich Gedanken zu Fachfragen machen muss.

Früher galt manchen auch die Phrenologie, die geistige Fähigkeiten an der Schädelform erkennen wollte, als methodisch und institutionell seriöse Forschung. Woher wissen wir denn, dass heutige Wissenschaft rückblickend nicht genauso unzuverlässig erscheinen wird?

Wir wissen es nicht sicher, aber wir haben gute Gründe anzunehmen, dass die heutigen Wissenschaften eine zuverlässige Quelle sind. Natürlich können wir uns im Einzelfall täuschen, aber selbst in diesem Fall ist es rational, den Wissenschaften zu vertrauen. Rationalität ist eben ein fehlbarer Weg zur Wahrheit.

In Ihrem neuen Buch fordern Sie sogar, dass in der Wissenschaftskommunikation viel weniger Erklärungen und Gründe genannt werden sollen, weil das die Leute nur dazu verführe, selbst mitdenken zu wollen. Stattdessen solle man bitte nur noch die Ergebnisse der Forschung kommunizieren. Zählt das Nachvollziehen und das Verstehen von Wissenschaft für Sie denn gar nichts?

Doch, die Leute dürfen auch zu Fachfragen Überlegungen anstellen, sie sollen wissenschaftliche Theorien verstehen und nachvollziehen und auch Argumente ausprobieren. Aber sie dürfen nicht glauben, was sie sich da selbst zusammengedacht haben. Die Leute sollen glauben, was die Experten sagen. Das Selberdenken in Fachfragen muss sozusagen »offline« stattfinden, in einem geschützten Raum, in einer Simulation. Ich finde den Wunsch, zu verstehen, ja auch gut. Aber es geht mir auch um eine gewisse Bescheidenheit.

Bescheidenheit?

Die Ideale der Aufklärung werden manchmal so verstanden, als folge daraus der Anspruch, dass wir alle Götter oder zumindest Universalgenies werden müssten, die alles durchdringen – und ansonsten sei man epistemisch gescheitert. Aber diesem Anspruch können wir nicht genügen, und das müssen wir akzeptieren, ohne uns gedemütigt zu fühlen. Wir sind kollaborative Wesen. Was ist so schlimm daran, wenn nicht jeder Einzelne alles versteht und durchdringt? Wir wissen eben, wo unsere Grenzen sind. Wenn Sie das für einen zerstörerischen Angriff auf die epistemische Autonomie halten, dann hatten Sie vielleicht ein viel zu individualistisches Bild von dieser Autonomie.

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