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Thomas Mann und die Astronomie: Von Winkelsternchen und tiefen Brunnen

Thomas Mann ist als Schriftsteller und Intellektueller bekannt und berühmt. Seine Beziehung zu und sein Einfluss auf Astronomie und Naturwissenschaft sind weniger bekannt.
Eine ältere Schwarz-weiß-Aufnahme: Zwei Männer sitzen nebeneinander in einem Raum mit Bücherregalen im Hintergrund. Der Mann links lächelt und hat lockiges Haar, während der Mann rechts einen ernsten Ausdruck hat und ein Dokument in der Hand hält. Beide tragen Anzüge.
Eine Aufnahme aus einer Reihe von zirka fünf Fotografien des Treffens von Einstein und Mann. Ein anderes Bild dieser Reihe hat Thomas Mann mit einer Notiz versehen: »So ganz einfach neben dem? Mir schwindelt.« Die Fotos stammen von der berühmten Fotografin Lotte Jacobi (1896–1990). Sie entstanden im Auftrag der »New York Times« im Jahr 1938 in Princeton.

»… dem Weltall, diesem sterblichen Kinde des ewigen Nichts, angefüllt mit materiellen Körpern ohne Zahl, Meteoren, Monden, Kometen, Nebeln, Abermillionen von Sternen, die aufeinander bezogen, zueinander geordnet waren durch die Wirksamkeit ihrer Gravitationsfelder zu Haufen, Wolken, Milchstraßen und Übersystemen von Milchstraßen, deren jede aus Unmengen flammender Sonnen, drehend umlaufender Planeten, Massen verdünnten Gases und kalten Trümmerfeldern von Eisen, Stein und kosmischem Staub bestehe.«

Diese Textpassage ist eine Art von Wissenschaftskommunikation. Der Klang mag dabei anders sein als in aktuellen Publikationen aus »ZEIT«, »SPIEGEL« oder des Ihnen gerade vorliegenden Artikels. Der Text wirkt »stilisiert«, etwa durch die lange Reihung der verschiedenen kosmischen Objekte, durch poetisch anmutende Ausdrücke wie »Unmengen flammender Sonnen« und nicht zuletzt durch Metaphern wie »Kinde des ewigen Nichts«: Er entspricht nicht den gewohnten sprachlichen Standards von Wissenschaftsmagazinen. Von dort stammt der Textausschnitt auch nicht. Er ist aus einem Roman, und zwar dem letzten, unvollendet gebliebenen Roman von Thomas Mann, den »Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull«.

Wissenschaftskommunikation

Warum nun Thomas Manns Werk doch Erwähnung in einer astronomischen Publikumszeitschrift findet, bedarf einer Begründung. Thomas Mann (1875–1955), dessen Geburtstag sich am 6. Juni 2025 zum 150. Mal gejährt hat, ist bekannt als Schriftsteller, als Autor großer und – auch wenn man sich mit langen Sätzen und epischen Beschreibungen bisher nicht angefreundet hat – wichtiger Romane, bekannt als Person des öffentlichen Lebens, als Mitglied der Schriftstellerfamilie Mann und wohl auch wegen seiner Homosexualität, die er auf verschiedene Weise in seinem Werk bearbeitet. Er ist aber nicht bekannt als Autor oder Denker, der sich mit naturwissenschaftlichen, speziell astronomischen Themen auseinandergesetzt oder diese in seinem Werk verarbeitet hätte. Da fallen einem zunächst andere Namen ein, etwa Brechts »Leben des Galilei«, Dürrenmatts »Die Physiker« oder auch die Lyrik von Ingeborg Bachmann oder Durs Grünbein.

Astronomisch interessiert | Thomas Mann hat diesen Zeitungsartikel vom 19. März 1944 aus »The American Weekly«, einer illustrierten Beilage von Wochenzeitungen, bearbeitet und offenkundig in sein Romanwerk einfließen lassen. So wie dieses finden sich in seinem Nachlass zahlreiche Zeugnisse, wie er sich das wissenschaftliche Wissen zu eigen gemacht hat.

An der oben zitierten Textstelle auffällig sind die Präzision – beispielsweise Fachbegriffe wie »Gravitationsfelder« oder »verdünntes Gas« – , der erstaunlich konkrete und korrekte Bezug zu den Bestandteilen des Kosmos sowie der Zeitpunkt der Abfassung; Thomas Mann beendete die Arbeit an dem Manuskript im April 1954. Offenkundig hat er sich mit dem aktuellen Wissen seiner Zeit eingehend beschäftigt (siehe »Astronomisch interessiert«). Eine weitere, etwas längere Stelle belegt dies:

»Unsere Milchstraße … eine unter Billionen, … schließe beinahe an ihrem Rande, beinahe als Mauerblümchen, dreißigtausend Jahreslichtläufte von ihrer Mitte entfernt, unser lokales Sonnensystem ein, mit seinem riesigen, keinesfalls aber bedeutendem Glutball, genannt ‚die‘ Sonne, obwohl sie nur den unbestimmten Artikel verdiene, den ihrem Anziehungsfeld huldigenden Planeten, darunter der Erde, deren Lust und Last es sei, sich mit der Geschwindigkeit von tausend Meilen die Stunde um ihre Achse zu wälzen und in der Sekunde zwanzig Meilen zurücklegend, die Sonne zu umkreisen, wodurch sich Jahre und Tage bilde, – die ihren wohlgemerkt, denn es gebe ganz andere. Der Planet Merkur etwa, der Sonne am nächsten, vollende seinen Rundlauf in achtundachtzig Tagen und drehe eben dabei auch einmal um sich selbst, so daß für ihn Jahr und Tag dasselbe seien. Da sehe man, was es auf sich habe mit der Zeit, – nicht mehr als mit dem Gewicht, dem ebenfalls jede Allgemeingültigkeit abgehe. Beim weißen Begleiter des Sirius zum Beispiel, einem Körper, nur dreimal größer als die Erde, befinde sich die Materie in einem Zustand solcher Dichtigkeit, daß ein Kubikzoll davon bei uns eine Tonne wiegen würde. Erdenstoff, unsere Felsgebirge, unser Menschenleib gar sei lockerster, leichtester Schaum« (S. 281 f., Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull; Anm. d. Autors: Die Textstelle ist in indirekter Rede gehalten).

Hier wird in Kurzform nahezu das gesamte astronomische Wissen seiner Zeit aufgeführt, und dies nicht nur in korrekter Form, sondern auch mit einem Gespür für das Neuartige und die Alltagserfahrung Irritierende: die großen Entfernungen, die Randständigkeit von Sonne und Erde, die Verschiedenartigkeit allein der Planeten, die bizarren Phänomene des Weltalls. Angemerkt sei, dass Thomas Mann sich in ebensolcher Weise mit anderen Gebieten beschäftigt hat, namentlich der Biologie und hier insbesondere mit der Evolutionstheorie. Wie schon bei früheren Romanen, vor allem dem »Zauberberg« und auch dem »Doktor Faustus«, hat er sich den jeweils aktuellen Forschungsstand – wohlgemerkt als schulisch Ungebildeter – durch Lektüre und Gespräche angeeignet und in sein Werk aufgenommen. Der »Zauberberg« etwa spielt vor dem Hintergrund von Einsteins Relativitätstheorie, die bekanntlich durch die Beobachtung der Lichtkrümmung bei der Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 weltweite Beachtung gefunden hat, mit den Kategorien von Raum und Zeit, wenn auch nicht in physikalischer Weise.

Kanonisierung der Astronomie

Das Bemerkenswerte dabei ist, dass er das getan hat, genauer, dass gerade er das getan hat. Dass Thomas Mann Astronomie als bedeutsamen Teil des Weltwissens erkennt und in sein Werk aufnimmt, ist seinerseits bedeutsam. Thomas Mann, spätestens seit dem Literaturnobelpreis 1929 ein weltweit anerkannter Literat, verschafft ihr dadurch Gehör und stößt eine gesellschaftliche Reflexion über ihre Bedeutung an.

Dies ist wichtig vor folgendem Hintergrund: Naturwissenschaften sind spätestens seit dem 19. Jahrhundert gekennzeichnet durch große, immer neue Fortschritte im grundlegenden Verständnis wie in der daraus folgenden Technik – und trotzdem sind sie in mehrfacher Weise unvollständig. Zum einen fehlt eine Fundierung. Wenn die Methode der Naturwissenschaften im Wesentlichen empirisch, das heißt induktiv – von den Einzelfällen zur Regel – ist, so ist diese Methode ihrerseits ohne Begründung. Jedenfalls kann man Induktion nicht induktiv begründen. Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass Naturwissenschaft zunehmend auch deduktiv arbeitet. Beispiele: die Entdeckung von Neptun oder die weitreichenden Folgerungen aus Einsteins Postulaten der Relativitätstheorie.

Zum Zweiten geht es um prinzipielle Fragen jenseits der Anschaulichkeit, gerade in der Astronomie, und es geht um Paradoxien, wie etwa die Frage nach dem allerersten Anfang.

Zum Dritten geht es um die Einbettung von Wissenschaft in Geschichte und Gesellschaft. Dies umschließt Fragen der ethischen Verantwortung wie der sozialen Praxis von Wissenschaft; selbst vordergründig zweckfreie Grundlagenforschung erfolgt in einem konkreten soziokulturellen und ökonomischen Umfeld. Schließlich kann man anführen, dass in der Wissenschaft nichtwissenschaftliche, etwa ästhetische Kriterien eine Rolle spielen, in der Physik zum Beispiel das Konzept der Symmetrie.

Eine Übersicht zu Leben und Werk

Thomas Mann ist 25 Jahre alt, als im Februar 1901 sein erster großer Roman erscheint, der ihn weltberühmt machen und ihm 1929 den Literaturnobelpreis einbringen wird: die »Buddenbrooks«, ein Roman über Aufstieg und Fall des Bürgertums oder, wie es im Untertitel heißt, den »Verfall einer bürgerlichen Familie«, angesiedelt in seiner Geburtsstadt Lübeck (siehe »Episches Werk«).

Episches Werk | Der Verleger Samuel Fischer schreibt Thomas Mann am 26. Oktober 1900, er möge doch das Manuskript der »Buddenbrooks« auf die Hälfte kürzen. Er glaube nicht, dass »sich viele Menschen finden, die Zeit und Concentrationslust haben, um ein Romanwerk von diesem Umfang in sich aufzunehmen«. Thomas Mann lehnt dies ab, das Buch erscheint und wird nach zwei Jahren ein großer Erfolg. Im Jahr 1929 wird Thomas Mann dafür den Nobelpreis für Literatur erhalten – fast ein wenig zu seinem Bedauern, denn da war neben vielem anderen auch der »Zauberberg« erschienen, und er wollte nicht immer nur als Autor der »Buddenbrooks« gelten.

Dort wurde er 1875 geboren, seine Eltern selbst großbürgerlich, der Vater Senator der Stadt, seine Mutter, brasilianischer Herkunft, musisch gebildet. Ihr schreibt er sein Interesse an Musik und Literatur zu. Bemerkenswert, dass sein älterer Bruder Heinrich, 1871 geboren, ebenso Schriftsteller von Weltrang wird (siehe »Die besondere Familie Mann«).

Die besondere Familie Mann | Am 6. Juni 1925 wird Thomas Manns 50. Geburtstag gefeiert. Das Bild entstand vermutlich vor seinem Haus in München. Zu sehen sind oben Thomas Mann, rechts neben ihm der Sohn Golo, links der Literaturwissenschaftler Arthur Eloesser, in der mittleren Reihe Heinrichs Ehefrau Maria Mann-Kanová, die Töchter Erika und Monika, Heinrich Mann, hinter ihm der Sohn Klaus und eine Freundin, Gertrud von Böck, und ganz vorn Katia Mann. Dieser Tag ist bedeutsam, weil sich die zuvor politisch zerstrittenen Brüder Heinrich und Thomas versöhnt haben.

Thomas Mann wird durch das für Kunst und Literatur offene Umfeld sozialisiert. Die Schule hingegen ist nichts für ihn. Anders als etwa Einstein, dem das nachgesagt wird, war Thomas Mann tatsächlich ein schlechter Schüler. Genauso wie Einstein hat er seine Kritik formuliert: Die Figur des Hanno Buddenbrook hat Ähnlichkeiten mit dem Schriftsteller.

Thomas Mann darf das Verdienst zugesprochen werden, dass er, ohne das Abitur abgelegt zu haben, einer der herausragenden Repräsentanten von Bildung und Kultur wird. Es ist erstaunlich, mit wie viel Neugier und Akribie er sich das Weltwissen seiner Zeit, gerade auch der Naturwissenschaften, für seine Arbeit aneignet.

Ein paar weitere Daten: Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1891 siedelt die Mutter mit den Kindern 1893 nach München über. Dann, 1905, nach dem Erfolg der »Buddenbrooks«, heiratet er Katia Pringsheim, Tochter aus großbürgerlichem Haus. Die beiden bringen sechs Kinder zur Welt, darunter Erika Mann und Klaus Mann, die sich ihrerseits literarisch wie politisch hervortun.

In München entsteht neben vielen anderen Texten der 1924 erscheinende »Zauberberg«, ein Abgesang auf und eine Reflexion des Zeitalters vor dem Weltkrieg. In dieser Zeit entwickelt sich Thomas Mann von einem konservativen Vertreter der alten Ordnung zu einem engagierten Fürsprecher von Demokratie und Liberalismus. Er wird sich ab 1930 und später vom Exil aus als scharfer Kritiker des Nationalsozialismus exponieren.

Das Exil – ungeplant, aber klugerweise kehrt die Familie Mann von einer Reise in die Schweiz im Februar 1933 nicht nach Deutschland zurück. Zunächst lebt Thomas Mann wie auch andere Exilierte in der Nähe von Marseille, in Sanary-sur-Mer, 1936 erhält er zu seinem Schutz die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, 1938 schließlich wird er in die USA gehen (siehe »Thomas Mann in Princeton«). Von dort wird er erst 1952, dann auch als US-amerikanischer Staatsbürger, zurückkehren, und zwar nach Zürich. In dieser Zeit entstehen neben den Josephs-Romanen und »Doktor Faustus« weitere Erzählungen, Essays, Reden und Tagebücher. Bis zu seinem Tod im August 1955 ist er publizistisch aktiv.

Thomas Mann in Princeton | Das Foto zeigt ihn im Jahr 1939, nachdem seine Frau Katia und er den Ort des Exils 1938 von Frankreich in die USA verlegt haben. In Princeton trifft er unter anderem Albert Einstein, und er wird von US-Präsident Franklin D. Roosevelt eingeladen. Im Jahr 1941 übersiedelt die Familie an die Westküste nach Los Angeles, wo sich eine Reihe von Emigranten aus Europa wiedertrifft, darunter zum Beispiel Bertolt Brecht oder der Philosoph Theodor W. Adorno.
Haus in Princeton | Das Foto zeigt das Anwesen von Thomas Mann in den USA.

Es ist wohl nicht untertrieben zu sagen, dass Thomas Mann um 1950 zusammen mit Albert Einstein zu den angesehensten Personen der Weltöffentlichkeit zählte (siehe »Unterschiedlich und doch vereint«). Einstein und Mann haben sich schon früher gegenseitig wahrgenommen. Bereits 1921 nimmt Mann Einstein, den er als den »Newton« seiner Zeit bezeichnet, gegen antisemitische Anfeindungen in Schutz. Beide haben miteinander korrespondiert und sich in ihrer humanistischen Haltung und ihrem politischen Engagement gefunden. Weit davon entfernt, die moderne Astronomie nachvollziehen zu können, erkennt Mann deren große Bedeutung. In Princeton haben die beiden einen persönlichen Austausch. Dort entsteht unter anderem der von beiden verfasste kurze Text »Albert Einstein und Thomas Mann senden Botschaft [sic] an das Jahr 6939«, also 5000 Jahre nach 1939.

Ohne Fiction keine Science

Was hat das mit Literatur, speziell mit Thomas Manns Werk zu tun? Literatur ist für die Wissenschaft eine Art Resonanzraum. Die literarische beziehungsweise künstlerische Perspektive ermöglicht ein Nachdenken über die Relevanz, die Folgen und ganz allgemein den Sinn von Wissenschaft.

Wie gesagt, allein die Tatsache, dass eine Berühmtheit wie Thomas Mann das neueste astronomische Wissen aufgreift, ist bedeutsam. Er hebt so dieses Wissen in den Kanon von Bildung und Kultur.

Ein Merkmal guter Literatur ist es wohl, wenn sie – wie auch gute Wissenschaft – Fragen aufwirft und Antwortmöglichkeiten auslotet. Dies geschieht bei Thomas Mann nicht erst im eingangs zitierten »Felix Krull«, sondern bereits im 1945 vollendeten »Doktor Faustus«, dem Roman, der das faustische Bestreben nach Erkenntnis und Gestaltung durchspielt. Unter der Wendung des »explodierenden Universums« wird die Hypothese des expandierenden Weltalls aufgegriffen. Zur Erinnerung: Einsteins allgemeine Relativitätstheorie und die Beobachtung der Rotverschiebung von Galaxien kombinierend, stellt Georges Lemaître im Jahr 1927 diese Hypothese auf.

Thomas Mann erörtert im »Doktor Faustus«, was das bedeuten könnte, ob die moderne Wissenschaft »vermessen« ist und wie ein neues Verständnis des Alls aussehen könnte. Hier zieht Mann eine Parallele zwischen dem astronomischen Weltbild zu Keplers Zeit und der modernen Astronomie seit Einstein, Hubble und Lemaître. Keplers musikalischer Weltharmonie in der beginnenden Neuzeit entspreche, so Thomas Mann, ebenfalls eine Musik, und zwar die moderne Zwölftonmusik Arnold Schönbergs.

Hier sei daher die These zur Diskussion gestellt, dass ohne literarische Spiegelungen wie die von Thomas Mann kein gesellschaftlicher Konsens entsteht, Astronomie zu betreiben. Diese Spiegelung und die damit einhergehende Übersetzung von Wissenschaft in Kultur sind, wenn nicht notwendige Voraussetzung, so doch zumindest ein wesentlicher Beitrag dazu, dass eine Gesellschaft die Bereitschaft, das Interesse und nicht zuletzt die ökonomischen Ressourcen für eine wissenschaftliche Bearbeitung aufbringt. Sehr kurz und spitz formuliert: ohne Fiction keine Science.

Daneben hat Literatur weitere Möglichkeiten. Abstrakte Einsichten oder paradoxe Befunde können durch Metaphern gefasst werden, gewissermaßen Deutungsvorschläge für schwer Verstehbares oder auch Bebilderungen von Unanschaulichem, zum Beispiel die Erde als »Winkelsternchen«, der Menschenleib als »lockerster, leichtester Schaum« – eine fast erotische Formulierung – oder das Weltall als »sterbliche(s) Kinde des ewigen Nichts«.

Überhaupt das Nichts und die Frage des Anfangs. Eine der großen Metaphern für die Frage nach dem Ursprung ist die Darstellung des Brunnens am Beginn von »Joseph und seine Brüder«:

»Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen? … daß, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen. … denn mit unserer Forscherangelegentlichkeit treibt das Unerforschliche eine Art von foppendem Spiel: es bietet ihr Scheinhalte und Wegesziele, hinter denen, wenn sie erreicht sind, neue Vergangenheitsstrecken sich auftun, …«

Ein Schelm, wer dabei nicht auch an die Kosmologie dächte.

Des Weiteren kann Literatur Fragen aufgreifen, die nicht unbedingt im Blick von Naturwissenschaften liegen oder durch diese überhaupt nicht fassbar sind, etwa Fragen der Ethik oder der Sinnhaftigkeit. Beides hängt bei Thomas Mann miteinander zusammen, wenn er beim sprachlichen Durchschreiten des Kosmos zu einer Haltung der »irdischen … geläuterten Demut« (Herwig) gelangt.

Es ist vielleicht nicht falsch, hier eine Parallele zu Carl Sagans Blick auf die Erde als »pale blue dot« (Englisch für: blasser blauer Punkt) und seinen ebenfalls nahezu literarischen Worten zu sehen.

Literatur kann dazu beitragen, das oftmalige Unverständnis zwischen den Fachkulturen aufzulockern. Es sei betont, dass Literatur das vermeintliche »So ist es« der Naturwissenschaft nach dessen Bedeutung für das Leben befragen kann. Empirische Forschung legt eine Eindeutigkeit der Ergebnisse nahe. Literatur kann und muss das um die prinzipielle Uneindeutigkeit von Sprache ergänzen. Sinnhaftigkeit, so eine Einsicht der Sozialwissenschaft, entsteht erst im sozialen Austausch. Dazu ein Beispiel: Kernphysik hat die Herstellung von Kernbrennstäben ermöglicht. Eine Gesellschaft, in der eine breite Diskussionskultur neuer Techniken etabliert wäre, hätte sich wohl unverzüglich mit dem Problem der Entsorgung beschäftigt.

Die zwei Kulturen

In anderen Sprachen ist es vermeintlich einfacher: Science and Letters, le scienze e le lettere usw. bezeichnen die beiden großen »Fakultäten« und machen den Unterschied deutlich, der in dem deutschen Ausdruck »Wissenschaft« offenbleibt – Naturwissenschaften arbeiten empirisch, Geisteswissenschaften hermeneutisch.

Man kann die schon sprachliche Trennung auch bedauern, haben doch Wissenschaften über alle Fächer und Disziplinen hinweg ein Gemeinsames.

Tatsächlich aber ist das Trennende oft nicht nur eine Frage der Methode, sondern eine grundsätzliche Frage der Haltung zu Welt und Wissenschaft, zu den Fragen, was überhaupt erforscht werden kann und welche Aufgabe Wissenschaft haben soll.

Alltagskulturelle und lebensweltliche Unterschiede der jeweiligen Forscherinnen und Forscher, also etwa Unterschiede in Fragen des Kleidungsstils, der Konsumgewohnheiten, in der Vorliebe oder Abneigung für bestimmte Filme oder Bücher, in politisch-gesellschaftlichen Grundorientierungen und anderes mehr erschweren zusätzlich den Austausch zwischen den Fakultäten. Die Soziologie spricht hier von Fachkulturen, der Ausdruck der »Parallelgesellschaft« liegt nahe. Dem entspricht die bekannte, 1959 durch den britischen Schriftsteller C. P. Snow beklagte Beobachtung der »zwei Kulturen«. Diese Trennung ist allerdings älteren Datums. Man muss, wenn schon nicht in die Antike, so doch mindestens in das 19. Jahrhundert zurückgehen, als der deutsche Philosoph Wilhelm Dilthey (1833–1911) als Reaktion auf und in Abgrenzung zu den offensichtlich erfolgreichen Naturwissenschaften den Begriff der »Geisteswissenschaft« geprägt hat.

Und doch – man darf auf eine Gemeinsamkeit allen wissenschaftlichen Arbeitens hinweisen: Fragen stellen, und zwar möglichst immer bessere Fragen und damit grundlegende wie lebenspraktische Probleme bearbeiten.

Intellektuelle wie Thomas Mann sind notwendig, um durch ihr öffentliches Nachdenken und Zur-Sprache-Bringen zwischen den Kulturen zu vermitteln.

»Es wäre gut, wenn ...«

Man darf Thomas Mann den großen Wunsch und die große Fähigkeit zuschreiben, seine Zeit schreibend zu erfassen, mit seiner Sprache auf seine Zeit einzuwirken. Dass er dabei auf die Wissenschaft vom Weltall stößt, ist kein Zufall; für die Astronomie, so die hier dargestellte These, ist es gewissermaßen ein Glücksfall.

Allen, die bislang wegen fehlender Konzentrationslust oder Berührungsängsten die Texte Thomas Manns gemieden haben, sei ein Hineinblättern empfohlen. Wer keine Romane mag, kann sich die Essays anschauen, wer das nicht mag, Reden anhören. Daher ein verwegener Vorschlag: Wenn durch Benennung von Mondkratern und -bergen verschiedene Personen der Wissenschaftsgeschichte geehrt wurden, so hätte Thomas Mann auch einen solchen Ehrentitel verdient, und zwar keinen kleinen.

Dem Schriftsteller gebührt nun das Schlusswort. In dem Anfang 1952 gehaltenen Radio-Essay »Lob der Vergänglichkeit« zieht er, angeregt durch die Lektüre von Schriften zur Evolutionstheorie wie zur Kosmologie – selbst bereits über 75 Jahre alt und, wohlgemerkt, nach den Katastrophen von Weltkrieg und Holocaust – , eine Art Resümee seiner Sinnsuche.

Ehrendoktor | Thomas Mann erhielt diese Urkunde zur Verleihung der Würde eines Doktors der Naturwissenschaften durch die ETH Zürich im Juni 1955. Er hatte bereits zahlreiche Ehrendoktorwürden erhalten, diese ist aber die erste, die auf seine Bedeutung für die Naturwissenschaften Bezug nimmt. In einem Brief schreibt er dazu, es habe ihm »großen Spaß« gemacht, und: »Ist das nicht sinnig, ebenfalls«?

Möge man dem zustimmen oder nicht, der Gedanke passt zu heute:

»In tiefster Seele glaube ich – und halte diesen Glauben für jede Menschenseele natürlich – , daß dieser Erde im Allsein zentrale Bedeutung zukommt. In tiefster Seele hege ich die Vermutung, daß es bei jenem ‚Es werde‘, das aus dem Nichts den Kosmos hervorrief, und bei der Zeugung des Lebens aus dem anorganischen Sein auf den Menschen abgesehen war und daß mit ihm ein großer Versuch angestellt ist, dessen Mißlingen durch Menschenschuld dem Mißlingen der Schöpfung selbst, ihrer Widerlegung gleichkäme. Möge es so sein oder nicht so sein – es wäre gut, wenn der Mensch sich benähme, als wäre es so.«

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  • Quellen
Herwig, M., Bildungsbürger auf Abwegen: Naturwissenschaft im Werk Thomas Manns, 2004
Kesting, H., Thomas Mann: Glanz und Qual, 2023

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