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Thwaites: Freigesetzter Eisberg mehrt Sorgen vor Gletscherkollaps

Bange blicken Wissenschaftler auf den Thwaites-Gletscher. Nun hat sich ein gewaltiger Eisberg in seinem Vorfeld gelöst, der bislang wie ein Stöpsel für die Eismassen diente.
Thwaites-Gletscher
Der antarktische Thwaites-Gletscher wird auch als »Doomsday Glacier« bezeichnet. Sein Zerfall könnte die Eismassen der Westantarktis in Bewegung bringen und die Meeresspiegel rapide ansteigen lassen.

Kurz nach der Jahrtausendwende im März 2002 brach der Eisberg B-22A von der Spitze des Thwaites-Gletschers in der Westantarktis ab: mit einer ursprünglichen Länge von 85 Kilometern und einer Breite von bis zu 64 Kilometern der größte in der Amundsensee. Weit kam der Gigant anschließend nicht, denn er blieb rund 100 Kilometer vor der auch als »Doomsday Glacier« bezeichneten Eiszunge am Untergrund hängen und wirkte damit wie eine stabilisierende Barriere auf das dahinter liegende Meer- und Schelfeis. Doch das änderte sich offensichtlich in den letzten Monaten, wie Satellitenbilder zeigen, die Simon Gascoin vom französischen CNRS Anfang Januar 2023 vorgestellt hat.

Das könnte nun Folgen für die gesamte Region haben: B-22A schützte das zwischen sich und dem Schelfeis liegende dünnere Meereis, das sich hier jeden Winter bildet. Und dieses wiederum half das Schelfeis zu stabilisieren, welches letzten Endes den Thwaites-Gletscher bremst und somit dessen Zustand bewahrt. Ohne den Eisberg wird das Meereis wahrscheinlich instabiler, weil es verstärkt Stürmen und dem Meer ausgesetzt ist. In einer Art Kettenreaktion droht damit die Front des Schelfeises ebenfalls brüchiger zu werden. Sollte es schließlich zerfallen, dürfte der Thwaites-Gletscher schneller in den Antarktischen Ozean strömen, was zu einem stärkeren Meeresspiegelanstieg beitragen wird.

Das vor der Eiszunge liegende Schelfeis schrumpfte in den letzten Jahren bereits deutlich. Gegenwärtig sorgt ein unter dem Meer liegender Gebirgsrücken dafür, dass der noch vorhandene Rest vor dem Festland festgehalten wird. Neuere Studien zeigen allerdings, dass das Eis von unten schmilzt, weil relativ warmes Meerwasser in Spalten an der Basis des Schelfeises vordringt und dadurch dessen Stabilität reduziert. Viele Glaziologen gehen daher davon aus, dass das Schelfeis schon in den nächsten Jahren zerfallen könnte.

Da der Thwaites-Gletscher selbst auf dem Festland in einem Becken liegt, könnte dann Meerwasser unter ihm eindringen und ebenfalls von der Basis her abschmelzen. Zudem dürfte sich dann auch seine Fließgeschwindigkeit erhöhen und er schneller ins offene Meer strömen. Viele Experten gehen dann von einem sich selbst verstärkenden Mechanismus aus, der letztlich zu einem großflächigen Kollaps des Gletschers führen könnte. Da dieser wie ein Korken in der Flasche den westantarktischen Eisschild zurückhält, geriete auch dieses dann verstärkt in Bewegung.

Der Zerfall von Thwaites ließe die Meeresspiegel um 65 Zentimeter ansteigen, der des westantarktischen Eisschilds sogar um mehr als drei Meter. Dabei ist es wohl nur ein schwacher Trost, dass sich dieser Prozess um mehrere Jahrhunderte hinziehen dürfte.

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