Plattentektonik: Die Kontinente sind weicher als gedacht

Die Erdkruste des höchsten Plateaus der Welt verhält sich eher wie ein Sack voll Kies als wie eine Ansammlung von ineinander verkeilten Steinblöcken. Die Gesteine der tibetischen Hochebene fließen wie Massen von Körnern und widersprechen damit der bisherigen Annahme, dass dort massive Bruchstücke der Erdkruste hart aneinanderstoßen. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Arbeitsgruppe um Jin Fang von der University of Leeds anhand von Daten der Sentinel-1-Satelliten aus dem Copernicus-Programm der ESA. Laut ihrer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift »Science« liegt das vor allem an großen, tief reichenden Bruchzonen. Sie sind mechanisch weit schwächer als gedacht, sodass benachbarte Gesteine dort eher aneinander vorbeifließen als aneinanderzureiben. Das erkläre, wieso sich das Tibet-Plateau großräumig in Ost-West-Richtung dehnt – eines der größten geologischen Rätsel der Region, schreiben die Fachleute.
Der Himalaja und das dahinterliegende Hochplateau von Tibet entstanden, weil der indische Kontinent mit Eurasien zusammenstößt und die Gesteine dort auffaltet und verformt. Dabei bewegt sich Indien bis heute nordwärts und presst die Gesteine Eurasiens vor sich her. Das größte Mysterium dabei war das Tibet-Plateau, eine mehr als vier Kilometer hoch gelegene Ebene, deren Entstehung lange heftig umstritten war. Bis heute gibt diese Region Rätsel auf, insbesondere weshalb die Gesteine dort über große Distanzen in Ost-West-Richtung gedehnt werden. Die schnell ablaufenden Prozesse dort sollen als Modell dafür dienen, wie sich Kontinente während ihrer normalen Bewegungen über Hunderte Millionen Jahre verändern.
Die neuen Forschungsergebnisse legen nahe, dass das bisherige Bild, nach dem die Kontinente aus großen, steifen Blöcken bestehen, revidiert werden muss. Laut der klassischen Vorstellung besteht die Erdkruste aus einer Hierarchie von starren Gesteinsblöcken, die unablässig aneinanderreiben. Die Erdplatten kollidieren an Tiefseegräben und gleiten in Verschiebungszonen aneinander vorbei, wo sie sich verhaken und enorme Erdbeben stattfinden. Sie bestehen ihrerseits aus Blöcken, die durch Bruchzonen getrennt sind, an denen sich Spannung aufbaut. Und so weiter. Doch die Daten des Teams um Fang zeigen deutlich, dass dieses Bild ergänzt werden muss.
Die Bewegung der Gesteine im großen Maßstab nämlich deutet darauf hin, dass große Verwerfungen über Hunderte Kilometer so schwach sind, dass sie großräumige Fließbewegungen ermöglichen. So kann sich der Nordrand von Tibet entlang der gigantischen Kunlun-Verwerfung relativ frei bewegen. Die extrem dicke Erdkruste dort kann ungehindert unter ihrem eigenen Gewicht kollabieren und nach Osten und Westen wegfließen. Das erklärt, warum sich das zentrale Tibet-Plateau als Ganzes in Ost-West-Richtung dehnt.
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