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News: Tickende Zeitbombe

Wer redet heute noch von BSE? Der Rinderwahn, vor einem Jahr noch Thema Nummer eins vieler Schlagzeilen, scheint fast vergessen. Doch die Seuche lauert nicht nur im Kuhstall, auch das Lammkotelett könnte gefährlich sein. Bisher weiß niemand, ob BSE auch auf Schafe übertragen werden kann - und von diesen auf den Menschen. Falls ja, dann könnte die Zahl der vCJD-Opfer dramatisch ansteigen. Mit geeigneten Maßnahmen ließe sich das Risiko jedoch erheblich verringern.
Spätestens vor einem Jahr lernten Europas Verbraucher einen neuen Begriff kennen: bovine spongiforme Enzephalopathie oder kurz BSE. Drohte aus dem Kuhstall eine tödliche Gefahr? Inzwischen zweifelt kaum jemand, dass BSE-verseuchtes Rindfleisch beim Menschen die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) auslösen kann, doch nach einigen Ministerrücktritten erscheint der Rinderwahnsinn weit weg, und das Steak schmeckt wieder.

Im Oktober 2001 tauchte der Verdacht auf, dass nicht nur Rinder, sondern auch Schafe BSE übertragen könnten. Nicht ganz unberechtigt, denn schließlich kennt man bei Schafen die Traberkrankheit Scrapie, die ebenfalls zu den Prionenerkrankungen gehört. Allerdings hatten die britischen Forscher, die meinten, BSE bei Schafen nachgewiesen zu haben, schlicht Rinder- mit Schafshirnen verwechselt. So ist die Wissenschaftswelt heute genauso klug wie vorher.

Eine Gefahr besteht dennoch, meint Neil Ferguson vom Imperial College of Science, Technology and Medicine in London. Zusammen mit seinen Kollegen versuchte er, für Großbritannien das Risiko von BSE-Infektionen des Menschen über Schafsfleisch abzuschätzen. Dabei ergibt sich das Problem, dass völlig unbekannt ist, ob BSE – falls es bei Schafen überhaupt vorkommt – wie Scrapie unter den Tieren ansteckend ist. Dies ist bei Rindern nicht der Fall.

Die Wissenschaftler stellten deshalb drei Szenarien auf: In Szenario I gingen die Forscher davon aus, dass BSE innerhalb einer Schafherde ansteckend ist, jedoch nicht auf andere Herden gelangt. Als schlimmsten Fall nahmen die Wissenschaftler in Szenario II eine BSE-Übertragung auch zwischen verschiedenen Schafherden an. Szenario III beinhaltete schließlich den günstigsten Fall, also überhaupt keine Ansteckung zwischen den Tieren.

Während die Szenarien I und III die Zahl der britischen vCJD-Toten kaum ansteigen lässt, ergibt sich für Szenario II ein dramatischer Anstieg der menschlichen Opfer. Falls BSE nur durch Rindfleisch übertragen wird, gehen die Wissenschaftler von 50 bis 50 000 zukünftigen vCJD-Toten aus. Durch eine zusätzliche Infektion über Schafsfleisch könnte die Gesamtzahl der Opfer auf 150 000 ansteigen. Damit wäre das Lammkotelett für die menschliche Gesundheit gefährlicher als das Rindersteak.

Ferguson gibt zu, dass seine Zahlen nur graue Theorie sind. Allein die Schätzungen über vCJD-Opfer durch infiziertes Rindfleisch schwanken enorm – und zeigen die großen Wissenslücken über die Seuche. Dennoch sollten laut Ferguson beim Schafsfleisch die gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie beim Rindfleisch getroffen werden. Durch strikte Kontrollen ließe sich das Risiko um bis zu 90 Prozent verringern.

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