Tierintelligenz: Raben wissen genau, wo es was zu holen gibt
Rabenvögel gelten als intelligente und anpassungsfähige Tiere. So holen sich die zu dieser Singvogelfamilie gehörenden Kolkraben gern ihren Anteil an der von Raubtieren erlegten Beute: Sobald sich ein Wolfsrudel über frisch gerissenes Fleisch hermacht, sind die Raben, die als Allesfresser auch Aas verspeisen, oft zur Stelle. Doch wie finden sie solch ergiebige Futterplätze?
Die einfachste Erklärung lautete: Die Vögel folgen den Beutegreifern bei der Jagd. Wie nun allerdings eine neue, in der Fachzeitschrift »Science« veröffentlichte Studie offenbart, verlassen sich Kolkraben bei der Futtersuche vielmehr auf ihr hervorragendes räumliches Gedächtnis.
Der Verhaltensforscher Matthias-Claudio Loretto von der Veterinärmedizinischen Universität Wien ging bis vor Kurzem ebenfalls davon aus, dass Raben schlicht den Raubtieren hinterherfliegen, um von liegen gebliebenen Kadavern zu profitieren. Doch diese These wurde bislang nicht überprüft.
Im US-amerikanischen Yellowstone-Nationalpark lebt eine stabile Wolfspopulation; die Tiere sind dort in den 1990er-Jahren erfolgreich wieder angesiedelt worden. Auch hier lässt sich beobachten, dass Raben vor allem im Winter häufig in unmittelbarer Nähe von Wölfen bleiben.
Loretto und sein Team statteten 69 Kolkraben (Corvus corax) mit GPS-Sendern aus, um deren Bewegungen langfristig zu verfolgen – was nicht einfach ist, weil die intelligenten Vögel sich nicht so ohne Weiteres einfangen lassen. Zusätzlich zeichneten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Bewegungsdaten von 20 Wölfen (Canis lupus) sowie elf Pumas (Puma concolor) per GPS-Tracker auf und kartierten, wo und wann die Raubtiere ihre Beute – hauptsächlich Wapitis, Bisons und Maultierhirsche – erlegten.
In den zweieinhalb Jahren der Studie trat nur ein einziger Fall auf, bei dem ein Rabe einem Wolf mehr als einen Kilometer weit und mehr als eine Stunde lang folgte. Trotzdem erschienen die Vögel regelmäßig bei Wolfsrissen. Und das, obwohl sie die Beutegreifer zwar häufig, aber meist nur über kurze Distanzen begleiteten.
Erst eine detaillierte Analyse der Bewegungsdaten konnte das Rätsel lösen. Von ihren Revieren aus startend, flogen die Raben auf schnellstem Weg zu Gebieten, in denen gerissene Kadaver statistisch auffällig häufig zu finden sind. Dabei legten sie mitunter durchaus weite Strecken von bis zu 155 Kilometern zurück.
Weiterhin ergab sich, dass die Wölfe in Gegenden mit bestimmten Landschaftsmerkmalen wie flachen Talsohlen besonders erfolgreich jagten. Offensichtlich konnten sich die Raben die charakteristischen Merkmale dieser für sie vielversprechenden Areale merken – die Forscher sprechen von einer abgespeicherten »Ressourcenlandschaft«. Diese Gegenden steuerten die Vögel gezielt an und beobachteten dann wohl vor Ort, wo sich Wölfe aufhielten, um diesen über kurze Distanzen zu folgen.
Die Taktik funktioniert nicht immer
Dass Raben feste Standorte von Nahrungsquellen wie Mülldeponien regelmäßig aufsuchen, war bereits bekannt. Dass sie aber in einem riesigen Areal wie dem Yellowstone-Nationalpark Muster von Landschaften erfassen können, die sich im Lauf der Zeit als ergiebig erweisen, kam für die Wissenschaftler überraschend. Dabei scheinen die Vögel sogar die Areale mehrerer Wolfsrudel zu überblicken und zwischen diesen hin- und herwechseln zu können – je nachdem, wo es sich für sie am meisten lohnt.
Diese Taktik scheint für die Raben bei Wölfen zu funktionieren, bei Pumas allerdings nicht: In der Nähe dieser Raubtiere tauchten die Vögel nur selten auf. Das Jagdverhalten der Pumas – sie sind Einzelgänger und verstecken ihre Beute häufig – führt anscheinend dazu, dass deren Risse für Raben schwerer zu finden sind.
Kolkraben erweisen sich somit laut dem Forschungsteam als strategische Akteure, die auf der Suche nach Aas Umweltinformationen systematisch auswerten. Das unterstreicht die vormals oft unterschätzte Intelligenz dieser Singvögel.
In Europa und Nordamerika stand Corvus corax Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund der intensiven Verfolgung als angeblicher Schädling bereits kurz vor der Ausrottung. Die Bestände erholten sich dann wieder; inzwischen gilt die Art weltweit als ungefährdet, genießt aber weiterhin in Deutschland eine ganzjährige Schonzeit.
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