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Tierversuche: Meinung: Mit Transparenz gegen Misstrauen

Politik und Medien dürfen sich nicht die Argumentation der Tierversuchsgegner zu eigen machen, kritisiert Josef Zens vom Max-Delbrück-Centrum.
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Die Schlagzeile der "Berliner Morgenpost" "Berlin will Mäuse leben lassen – Keine Tierversuche mehr" hat in der biomedizinischen Forschungslandschaft der Hauptstadt für Unruhe gesorgt. Dahinter steht ein Antrag im Berliner Abgeordnetenhaus, die Drucksache 17/0441 (PDF). Er stammt von Bündnis 90/Die Grünen und datiert auf den August 2012. Darin heißt es, das Abgeordnetenhaus solle beschließen, "Berlin zur Forschungshauptstadt für Alternativmethoden zu Tierversuchen" zu machen. Ein Fonds solle eingerichtet werden, gespeist aus einer "Versuchstierabgabe" von fünf Euro pro Tier. Das Ganze spielte sich vor dem Hintergrund einer Kampagne gegen einen Laborneubau am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) ab. Von Berlin als "Hauptstadt der Tierversuche" war die Rede.

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Josef Zens | ist Leiter der Abteilung Kommunikation am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin.

Auf dem Weg durch die Ausschüsse ist aus dem Antrag der Grünen eine Beschlussempfehlung aller Fraktionen geworden (Grüne und Linke enthielten sich im Rechtsausschuss): "Tierversuche reduzieren, alternative Forschungsmethoden fördern". Von einer Fünf-Euro-Mäusesteuer ist keine Rede mehr. Vielmehr heißt es in drei Punkten knapp, dass der Senat von Berlin aufgefordert wird, solche Forschungsmethoden zu fördern, die (1) "die Belastungen für Versuchstiere gegenüber bisherigen Ansätzen deutlich reduzieren", (2) "den Einsatz von Versuchstieren reduzieren" und (3) "ohne Tierversuche auskommen (Ersatz- und Ergänzungsmethoden)".

Dagegen kann niemand etwas haben, am wenigsten die Wissenschaft selbst. Forscherinnen und Forscher arbeiten gemeinsam mit Tierschutzbeauftragten ihrer Zentren daran, die Belastung für jedes Tier zu minimieren, etwa durch neueste bildgebende Verfahren und feinste Messmethoden. Der Laborneubau des MDC, der zwei alte Tierhäuser ersetzt, soll genau dazu dienen. Und dann gibt es noch die "Drei-R-Regel" – Reduce, Refine, Replace (Reduzieren, Verbessern, Ersetzen). Sie ist nicht nur ethische Verpflichtung für alle, sondern implizit im Gesetz vorgeschrieben: Kein Versuch darf genehmigt werden, wenn es eine Alternative gibt. Hinzu kommt, dass die Tierhäuser zu den teuersten Infrastrukturen des MDC gehören.

Alles also nur ein Missverständnis wegen einer irreführenden Schlagzeile? Nein, es bleibt ein ungutes Gefühl. Denn aus dem Ursprungsantrag und den Debattenbeiträgen spricht ein Misstrauen gegen Tierversuche, das von einschlägigen Organisationen mit zum Teil pseudowissenschaftlichen Argumenten und emotionalen Bildern geschürt wird. Da heißt es zum Beispiel, dass es bei Leiden wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen keine Durchbrüche gibt und dass die Zahl der Erkrankten trotz Tierversuchen steigt. Herzschrittmacher oder die Insulintherapie bei Diabetes wären demnach kein Durchbruch. Und was ist mit der HIV/Aids-Kombinationstherapie, mit Hirnschrittmachern, Antikörpertherapien gegen Krebs oder prognostischen Biomarkern? Überall spielten Tierversuche eine entscheidende Rolle. Und was Fallzahlen betrifft: Die Zahl von Erkrankungen steigt, weil die Menschen länger leben – nicht zuletzt dank moderner Medizin. Die WHO-Statistik zur Zunahme der Krebserkrankungen war dementsprechend bereits Unstatistik des Monats.

Das MDC versucht, dem Misstrauen mit Transparenz zu begegnen. Dazu gehört, dass wir einen Dialog anbieten, aber auch Positionen klarmachen. Die biomedizinische Forschung weltweit ist sich einig: Für viele ihrer Forschungsfragen gibt es keine Alternativen zum Tierversuch. Sie weiß sehr wohl um die Unterschiede zwischen Maus und Mensch und damit um die Einschränkungen in der Aussagekraft von Tierversuchen. Fakt ist aber, dass es unzählige Beispiele dafür gibt, wie anhand von Tierversuchen Therapien oder Diagnosemethoden entwickelt wurden, und dass manche Krebsarten, wie Leukämie bei Kindern, ihren Schrecken verloren haben, weil es Heilungsraten von 80 oder 90 Prozent gibt. Für die USA liegen eindrucksvolle Zahlen vor, die in Europa nicht anders sein dürften (PDF, S. 35 der verlinkten Broschüre).

Und doch tragen diese Kampagnen der Tierversuchsgegner dazu bei, Misstrauen gegen eine "Schul- und Apparatemedizin" mit ihren Tierversuchen zu säen. Übernehmen Politik und Medien diese Argumentation, helfen sie mit bei der Verbreitung dieses Misstrauens und unterminieren das Fundament des medizinischen Fortschritts.

29. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29. KW 2014

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