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News: Tod ohne Hilferuf

Greift ein Milzbrand-Bakterium unser Immunsystem an, verhallt der Hilferuf der befallenen Makrophagen ungehört. So können die Eindringlinge ungestört ihre tödlichen Gifte ausschütten.
Im Kampf gegen feindliche Eindringlinge kann unser Immunsystem auf eine ganze Armada an unterschiedlichen Waffen zurückgreifen. Als erste preschen die Makrophagen, große weiße Blutkörperchen, auf den unerwünschten Gast los und versuchen ihn auf relativ simple Art und Weise unschädlich zumachen: Sie verleiben ihn sich einfach ein und verdauen ihn.

Während die Zellen mit fressen beschäftigt sind, rufen sie gleichzeitig die restlichen Kampftruppen zuhilfe, indem sie bestimmte chemische Signale aussenden. Doch die Hilferufe verhallen ungehört, wenn es sich bei dem Eindringling um den Milzbranderreger Bacillus anthracis handelt. Denn das Bazillus schreitet erst zur Tat, wenn es sich in den Makrophagen eingenistet hat. Von innen her beginnt es seine zerstörerische Arbeit.

Diesen heimtückischen Mechanismus spürten Michael Karin und sein Team von der University of California in San Diego auf, als sie sich Gedanken darüber machten, warum die Symptome bei einer Milzbrand-Infektion um Tage verzögert einsetzen. Normalerweise sollte das Immunsystem auf Hochtouren laufen, nachdem ein Erreger die Schutzbarrieren überschritten hat. Nicht so bei Anthrax. Hier reagieren die Patienten oft erst mit Symptomen, wenn es bereits zu spät ist und auch Antibiotika den Fortschritt der Infektion nicht mehr aufhalten können.

Doch wie sabotiert Bacillus anthracis von innen heraus die Gegenwehr des Immunsystems? Zuerst entert das Bazillus die herangeeilten Makrophagen mit dem Protein PA (protective antigen), das an die Zelloberfläche der weißen Helfer bindet und es so nachfolgenden bakteriellen Proteinen erlaubt, in die Makrophagen hineinzuschlüpfen. Hier angelangt, schreitet ein zweites Protein zur Tat, der so genannte Letalfaktor (LF) und legt die große Zelle außer Kraft, indem es seinen wichtigsten Überlebensfaktor zerstört: die Protein-Kinase p38.

Nun bleibt der angeschlagenen Makrophagen-Zelle nichts anderes übrig, als Selbstmord zu begehen. Bevor sie sich in der Apoptose selbst zerstört, bleibt ihr nicht mal mehr genug Zeit, mit chemischen Signalen den Rest des Immunsystems zu informieren. Und so können es sich die Milzbrand-Sporen in der Lunge bequem machen und ungestört ihre Gifte ausschütten, welche für die oft tödlichen Effekte der Infektion verantwortlich sind. So sterben 90 Prozent aller Patienten, die Milzbranderreger einatmen, wenn sie nicht schnell genug mit Antibiotika behandelt werden.

Nun hoffen die Forscher, ein geeignetes Gegenmittel entwickeln zu können. "Wenn wir Recht haben", so Karin, "dann sollte die Hemmung der Aktivität der Gifte unserem Körper genug Zeit geben, die Infektion zu entdecken und sie zu bekämpfen."

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