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Fossile Zeugen: Todesspuren längst verrotteter Schmarotzer

Pilz wächst aus Ameise
Evolutionsbiologen mit dem Steckenpferd Parasitologie leiden darunter, dass ihre Untersuchungsobjekte kaum einmal fossilen Spuren hinterlassen: Auch wenn in der Erdgeschichte ein Wirtsorganismus einmal von Schmarotzern befallen war, ist dies an versteinerten Überresten nur selten eindeutig zu erkennen. Es gibt allerdings Ausnahmen, wie nun ein Fund aus der Fossillagerstätte Grube Messel bei Darmstadt belegt – er verrät einen durch Parasiten verursachten Todeskampf, der sich vor knapp 50 Millionen Jahren zugetragen hat.

David Hughes von der Harvard University und seine Kollegen können die Ereignisse aus dem Eozän anhand fossilisierten Blattwerks nacherzählen: Die versteinerten pflanzlichen Überreste tragen Bissspuren, die eindeutig auf Ameisen zurückzuführen sind, welche einst unter der todbringenden Kontrolle von Pilzparasiten standen.

Fossiles Blatt: Bissspuren eines Todeskrampfes | Dieses 48 Millionen Jahre alte Blatt aus der Grube Messel bei Darmstadt zeigt charakteristische Bissspuren: Etwa 29 von Pilzparasiten infizierte Ameisen haben sie an den Blattadern hinterlassen, bevor sie an Ort und Stelle verendeten. Noch heute hinterlassen die Mandibeln von Treiberameisen nahezu identische Spuren, wenn sie unter der Kontrolle von Pilzschmarotzern stehen und im Interesse des Schmarotzers auf Baumblättern verenden.
Eine solche Beziehung zwischen Ameisen wie der Treiberameise Camponotus leonardi und Schmarotzerpilzen wie Ophiocordyceps unilateralis existieren auch heute noch in freier Wildbahn. Die Pilze sind dafür bekannt, in den Insekten eine erstaunliche Verhaltensänderung hervorzurufen: Von ihnen übernommene Wirtsameisen werden dazu getrieben, ihre Kolonie in der Baumkrone zu verlassen und sich an ausgewählten Stellen an der Unterseite des Blattwerks krampfartig festzubeißen – wobei sie die charakteristischen Bissspuren hinterlassen, die nun auch auf den fossilen Blättern gefunden wurden.

Pilz wächst aus Ameise | Auf der Blattunterseite finden Pilze optimale mikroklimatische Bedingungen für ihr Wachstum – es ist demnach in ihrem Interesse, wenn von ihnen infizierte Ameisen sich genau dort festbeißen (dabei hinterlassen sie die typischen Kieferabdrücke). Nach dem Tod der Insekten wachsen die Pilze schnell aus und bilden Sporen, die von Ort und Stelle aus neue Wirte infizieren können.
Einmal an Ort und Stelle verbissen – in einem für das Pilzwachstum optimal feuchten und temperierten Mikrohabitat –, sterben die Insekten schließlich, worauf die Pilze lange, fadenförmige Auswüchse aus dem Insektenkörper herausschieben. Nun erst bilden sich an dem Pilzfaden elliptische Sporenträger in einer idealen Position, um neue Insekten in der Nähe zu infizieren.

Die alten Bissspuren seien "der erste dokumentierte Fossil-Beleg für den stereotypen Todeskrampf" – und somit einer der ältesten – wenn auch indirekten – Nachweise des pilzparasitischen Treibens, freuen sich die Forscher. Er belege nicht nur, dass im Eozän den Treiberameisen ähnliche Insekten in Europa gelebt haben, sondern auch das Vorkommen ihrer tödlichen Sporen bildenden Feinde. (jo)

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  • Quellen
Hughes, D.P. et al.: Ancient death-grip leaf scars reveal ant-fungal parasitism. In: Proceedings of the Royal Society Biology Letters 10.1098/rsbl.2010.0521, 2010.

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