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News: Tödlicher Tippfehler

Sie sind noch Kinder - und sehen aus wie Greise; die wenigsten von ihnen erleben ihren 15. Geburtstag. Die Progerie, auch Hutchinson-Gilford-Syndrom genannt, lässt Kinder rasend schnell altern. Jetzt entdeckten zwei Forschergruppen unabhängig voneinander die genetischen Ursachen dieser rätselhaften Krankheit.
Mégane ist sechs Jahre alt. Ihre großen Augen blicken wach aus dem kleinen Kopf, den ein spärlicher Haarkranz ziert. Unter der dünnen, durchscheinenden Kopfhaut treten die Blutgefäße deutlich hervor. Eine zunehmende Arthritis macht ihr schwer zu schaffen, durch die fortschreitende Arterienverkalkung werden ihre inneren Organe nur noch schlecht durchblutet. Es ist mehr als fraglich, ob Mégane ihren 15. Geburtstag wird feiern können.

Mégane leidet an Progeria infantilis, eine Krankheit, die Kinder fünf- bis zehnmal schneller als normal altern lässt. Die britischen Ärzte Jonathan Hutchinson und Hastings Gilford beschrieben 1886 beziehungsweise 1904 das rätselhafte Leiden, das daher auch unter den Namen Hutchinson-Gilford-Syndrom bekannt ist. Ab dem dritten Lebensjahr tritt die Krankheit deutlich zutage, die meisten Progerie-Kinder sterben zwischen dem zehnten und 15. Lebensjahr an typischen Alterserscheinungen wie Herzinfarkt oder Hirnschlag.

Wissenschaftler aus aller Welt fahnden nach den Ursachen dieser seltenen Krankheit – nicht nur, weil sie nach wie vor unheilbar ist, sondern weil in ihr auch der Schlüssel von Alterungsprozessen verborgen liegen könnte. Bisher vermuteten sie die Ursache des rapiden körperlichen Verfalls in den Telomeren – den Chromosomenenden, die bei jeder Zellteilung stückchenweise aufgebraucht werden. Doch zwei Arbeitsgruppen, in den USA und in Frankreich, sind jetzt unabhängig voneinander in einem anderen Bereich des menschlichen Genoms fündig geworden.

Die Forscher um Maria Eriksson vom National Human Genome Research Institute in Bethesda [1] sowie um Annachiara De Sandre-Giovannoli von der Université de la Méditerranée in Marseille [2] entdeckten bei den betroffenen Kindern eine Mutation auf Chromosom 1. Hier liegt das Gen LMNA, das für zwei Proteine, Lamin A und Lamin C codiert. Diese Lamine kleiden die innere Kernmembran aus und bilden damit das formgebende Skelett des Zellkerns.

Bei Progerie-Kindern ist nun an einer bestimmten Stelle des LMNA-Gens die Base Cytosin durch Thymin ersetzt. Dieser "Tippfehler" hat zwar keine Auswirkung auf die abgelesene Aminosäure, das Spleißen der Boten-RNA – also das Zurechtschneiden der abgelesenenen Kopiervorlage – wird jedoch beeinflusst. Dadurch fehlen Lamin A insgesamt 50 Aminosäuren, ohne das funktionsfähige Protein wird die Kernmembran stark geschädigt, die betroffenen Zellen können sich nicht mehr richtig teilen und sterben schließlich ab.

Interessanterweise fanden die Forscher um Maria Eriksson bei den Eltern der betroffenen Kindern diese Punktmutation nicht. Offensichtlich tritt sie spontan auf und verursacht dann die rasche Vergreisung.

Ob die Erkenntnis Kindern wie Mégane einmal helfen wird, bleibt offen. "Wir wissen noch nicht genug über die Funktion der Lamine, um bereits über eine Therapie nachzudenken", betont Nicolas Lévy von der französischen Arbeitsgruppe. "Ich glaube, wir werden es in den nächsten zehn Jahren schaffen, aber es wird sehr schwierig werden."

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