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Infektionskrankheiten: Tollwut ohne Behandlung überlebt

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Bislang gilt eine Infektion mit dem Tollwutvirus als Todesurteil, wenn nicht sofort nach dem Biss eines erkrankten Tiers Gegenmaßnahmen eingeleitet werden – davon gingen nicht nur Laien, sondern ebenso die meisten Mediziner aus. Nun haben jedoch Amy Gilbert vom US Center for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta und ihre Kollegen mehrere Menschen im peruanischen Amazonasgebiet aufgespürt, die offensichtlich einen Tollwutbefall ohne Folgeschäden überlebt haben.

Sie waren wahrscheinlich von Vampirfledermäusen gebissen worden, die im tropischen Südamerika bekannte Wirte des Virus sind, aber selbst daran nicht erkranken. Normalerweise beißen die Fledermäuse Vieh und andere große Säugetiere wie Tapire und schlecken anschließend das Blut, doch gehen sie auch an schlafende Menschen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Mit ihrem Speichel übertragen sie dann die Tollwuterreger. In den beiden untersuchten Dörfern Truenococha und Santa Marta erkrankten in den letzten Jahren mehrere Menschen an der Krankheit und starben daran, jedoch bildete die Statistik nicht die gesamte Zahl der Infektionen ab, wie die Forscher enthüllten. Insgesamt interviewten sie 92 Menschen, von denen 50 angaben, dass sie schon einmal von den Fledermäusen gebissen worden waren.

Gilberts Team nahm anschließend von 63 Personen Blutproben ab, die schließlich in Atlanta analysiert wurden. Bei sieben entdeckten sie typische Antikörper, die das Tollwutvirus neutralisieren können – nur einer der Betroffenen war aber zuvor gegen die Krankheit geimpft worden. Die anderen hatten also die Infektion ohne ärztliche Hilfe überstanden: Ihr Immunsystem war selbst mit dem Erreger fertig geworden. Die Forscher können zwar nicht ausschließen, dass sie mit einer abgeschwächten Variante des Virus in Kontakt geraten waren, die deshalb die Tollwuterkrankung nicht auslöste. "Unsere Ergebnisse legen aber nahe, dass sich zumindest in bestimmten isolierten Bevölkerungsgruppen natürliche Resistenzen oder zumindest eine verbesserte Immunantwort herausbilden können, wenn sie regelmäßig mit dem Virus konfrontiert werden", so Gilbert.

Die schützenden Antikörper fanden sich durchweg in älteren Personen. "Wir vermuten daher, dass diese Menschen mehrfach mit geringen Mengen des Virus in Kontakt gerieten und deshalb eine natürliche Immunantwort aufbauten", sagt die Forscherin weiter. Da sie nicht erkrankten, suchten sie auch keinen Arzt auf. Nun sollen weitere Untersuchungen folgen, um eventuellen genetischen Grundlagen der Tollwutimmunität auf die Spur zu kommen. Womöglich ließen sich daraus auch neue Behandlungsmethoden und Medikamente gewinnen, die die Behandlung von Tollwut erleichtern und verbessern, denn jährlich sterben immer noch mindestens 55 000 Menschen an dem Virus, vor allem in Afrika und Asien. Überträger sind dort vor allem Hunde, die aber eventuell eine aggressivere Variante des Tollwutvirus beherbergen – im Gegensatz zu den Fledermäusen sterben sie selbst an der Seuche.

Weltweit sind bislang nur wenige Fälle bekannt geworden, in denen Menschen an Tollwut tatsächlich erkrankten und diesen Ausbruch überlebten: Viele davon mussten intensiv medizinisch betreut werden, und eine Person wurde sogar ins künstliche Koma versetzt, um sie zu retten – eine Methode, die in nachfolgenden Fällen fehlschlug.

31. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31. KW 2012

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