Totenbrauch der Eisenzeit: Entfernten die alten Schotten das Gehirn ihrer Toten?
Im Nordwesten Schottlands haben Archäologen Hinweise auf einen außergewöhnlichen Totenbrauch entdeckt: Offenbar waren vor etwa 2000 Jahren am Leichnam einer Frau das Gehirn entfernt und einige Langknochen des Körpers zugespitzt worden – ähnlich einem Werkzeug. Wie Laura Castells Navarro von der University of York und ihr Team außerdem in »Antiquity« berichten, lagen die Überreste neben den Skelettteilen eines Jugendlichen. Gen- und Isotopenanalysen ergaben, dass die beiden miteinander verwandt und anderswo im damaligen Nordschottland aufgewachsen waren. Eine genetische Verwandtschaft bestand auch mit Menschen auf den Orkneyinseln. Offenbar, so folgern die Fachleute, waren die eisenzeitlichen Gruppen hochmobil und wanderten entlang der Nordküste des heutigen Schottlands und den nördlichen Inselgruppen umher.
Archäologen hatten die beiden Bestattungen im Jahr 2000 in Loch Borralie unter dem Geröll eines Cairns freigelegt, eines für die Britischen Inseln typischen Grabmals aus aufgeschichteten Steinen. Castells Navarro und ihre Kollegen nahmen an den Knochen Isotopen- und Genanalysen vor. Zudem haben sie die Gebeine mithilfe der Radiokohlenstoffmethode zeitlich bestimmt. Auch wenn die Toten und ihre Grabstätte ungefähr zwischen 50 v. Chr. und 70 n. Chr. datieren, waren sie nicht zum selben Zeitpunkt bestattet worden: Wie der archäologische Befund zeigt, war zunächst die Frau, dann der Junge beigesetzt worden; anschließend errichtete man den Cairn.
Das nur in Teilen erhaltene Skelett des Jugendlichen war unversehrt, anders als das der erwachsenen Frau: Ihr Schädel war – möglicherweise nach dem Tod – gezielt eingeschlagen und danach wahrscheinlich das Gehirn entnommen worden. Das legen Schnittspuren an der Schädelinnenseite nahe. Ihre beiden Oberarmknochen, eine Elle und einen Oberschenkelknochen hatte man bearbeitet und zugespitzt. Womöglich wurden die Gebeine in irgendeiner Form verwendet; zumindest an einem Knochen stellten die Fachleute Gebrauchsspuren fest. Bestattet wurden sie dann im korrekten anatomischen Verband, allerdings fehlten große Teile des Skeletts.
Einmaliger Totenbrauch?
Vergleiche für diese Art der Totenbehandlung gebe es nicht, berichtet Castells Navarro. Aber die wenigen bekannten Begräbnisfunde der Bronze- und Eisenzeit auf den Britischen Inseln zeigten, dass man die Knochen der Toten aufbewahrte, sie bearbeitete und herumreichte. Etwas Ähnliches könnte mit dem Skelett der Frau geschehen sein, schreiben die Fachleute. Ob genau dieselben Personen den Schädel beschädigten, das Hirn entfernten und die verbliebenen Knochen bestatteten, ist jedoch unklar.
Die Genanalysen ergaben, dass die beiden Verstorbenen mütterlicherseits miteinander verwandt waren; sie könnten Cousine und Cousin zweiten Grades gewesen sein, also gemeinsame Urgroßeltern gehabt haben. Zudem waren sie mit Menschen von den Orkneyinseln genetisch verwandt. Sie selbst waren in einer Küstenregion etwa 80 Kilometer von Loch Borrallie entfernt aufgewachsen. Denkbar sei, so die Forschenden, dass sie gemeinsam nach Loch Borralie gekommen waren.

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