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Toxische Beziehungen: Gift für die Seele

Wenn ein Partner den anderen manipuliert und demütigt, kann das schwere Folgen haben. Manche Formen von psychischem Missbrauch werden mitunter sogar als normal wahrgenommen. Doch Experten üben auch Kritik am Begriff der »toxischen Beziehung«.
Herz aus Rauch

Liebe kann laut oder leise untergehen. Mit Geschrei, Ohrfeigen und fliegenden Tellern oder aber mit stiller Kontrolle und subtilen Psychospielchen. Letztere Beziehungen werden häufig auch als »toxisch« bezeichnet: Sie tun mindestens einem der Partner nicht mehr gut, sind sozusagen Gift für die Seele.

Das Oxford Dictionary kürte »toxic« 2018 zum Wort des Jahres. Der Begriff wird im Alltag zunehmend genutzt und online mittlerweile 45 Prozent häufiger nachgeschlagen als noch in den Jahren zuvor. Neben »toxischen Beziehungen« ist immer öfter auch von »toxischer Männlichkeit« die Rede. Oder sogar von »toxischer Positivität« – einer Art krampfhaftem Optimismus, der mehr schadet als nutzt.

Ursprünglich leitet sich der Begriff von »toxikon pharmakon« ab, der griechischen Bezeichnung für »Pfeilgift«. »Toxisch« bezieht sich dabei eigentlich auf das Wort für »Pfeil«, nicht auf das für »Gift«. Lange kam das Adjektiv nur zum Einsatz, wenn es tatsächlich um gefährliche Substanzen ging. Der Beginn des metaphorischen Gebrauchs ist schwer zu datieren, in die Popkultur hielt der Begriff aber wohl 1998 Einzug, als Carrie Bradshaw in der Serie »Sex and the City« vor toxischen Junggesellen warnte, die Frauen nur bezirzen, um sie ins Bett zu bekommen. Fünf Jahre später besang Britney Spears in ihrem Lied »Toxic« eine Person, deren Anziehungskraft stark, aber auch gefährlich ist.

Toxische Beziehungen sind oft von subtiler Gewalt geprägt

Doch was bedeutet Toxizität eigentlich genau, wenn es um Zwischenmenschliches geht? Als toxische Beziehungen werden seit einigen Jahren vor allem Partnerschaften bezeichnet, die von subtilen Formen der Gewalt geprägt sind: von emotionalem Missbrauch und Manipulation. Eine ähnlich steile Karriere hat in dem Zusammenhang auch ein anderer Begriff hingelegt: »Gaslighting«. Dabei untergräbt man das Selbstbewusstsein der Partnerin oder des Partners, indem man ihr oder ihm eine falsche Realität vorgaukelt. Der Name des Phänomens stammt aus dem Theaterstück »Gaslight« aus dem Jahr 1938, in dem ein manipulativer Ehemann versucht, seine Frau systematisch in den Wahnsinn zu treiben. Unter anderem redet er ihr ein, die Gaslampen im Haus würden nicht flackern, obwohl sie es mit ihren eigenen Augen sieht.

Solche Formen psychischer Gewalt können tatsächlich tiefe Spuren hinterlassen. Betroffene verlieren Stück für Stück das Vertrauen in die eigene Urteilskraft. »Die Folgen sind oft sozialer Rückzug, Isolation und eine Spirale hin zu einer immer engeren Bindung an die Täterin oder den Täter«, erklärt Nora Rebekka Krott vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. »Emotional kann sich wiederholte Verunsicherung und Demütigung in Depressionen oder sozialer Phobie niederschlagen.« Die Psychologin rät Opfern von psychischem Missbrauch deshalb dringend, sich Angehörigen oder Freunden anzuvertrauen und in gravierenden Fällen die Beziehung zu beenden.

Schnelle Hilfe bei Gewalt in der Partnerschaft

Wer sich von seinem Partner oder seiner Partnerin akut bedroht fühlt, sollte die 110 wählen. Zudem ist das Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« unter 0800 0116016 kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Für Männer gibt es eine entsprechende Beratung unter 0800 1239900 und per Chat auf www.maennerhilfetelefon.de.

Auch wenn eine Freundin oder ein Familienmitglied in einer schwierigen Beziehung steckt, können Sie helfen. Bieten Sie ein offenes Ohr und informieren Sie über Hilfsangebote. Erwarten Sie dabei aber keine schnellen Erfolge und versuchen Sie, die Person zu nichts zu drängen. Achten Sie unbedingt auch auf Ihre eigene Sicherheit und Ihre emotionalen Grenzen.

Dazu muss dieser allerdings erst einmal als solcher erkannt werden. Das ist nicht immer leicht: Im Gegensatz zu körperlicher Gewalt ist seelische Gewalt meist weniger offensichtlich. Studien deuten zudem darauf hin, dass manche Arten von psychischem Missbrauch in Beziehungen mitunter sogar als normal betrachtet werden. So untersuchten Forscherinnen um Keeley Abbotta von der Birmingham City University beispielsweise 2020, welche Erfahrungen Teenager in England bislang mit romantischen Beziehungen gemacht hatten und was sie von Partnerschaften erwarteten. Es zeigte sich, dass viele 13- bis 18-Jährige zum Beispiel zwanghaft kontrollierendes Verhalten als Ausdruck von Liebe und Sorge fehldeuteten. Überwachte der Partner oder die Partnerin etwa das Handy oder wollte bestimmen, mit wem sich die oder der Jugendliche traf, redeten sich manche ein, der andere würde lediglich zu ihrem Schutz so handeln.

Männer oder Frauen: Wer häufiger betroffen ist, ist unklar

Psychische Gewalt in Beziehungen trifft sowohl Frauen als auch Männer. Welches Geschlecht häufiger emotionalen Missbrauch und Manipulation erlebt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Während manche Studien zu dem Schluss kommen, dass Männer und Frauen etwa gleich oft toxischen Verhaltensweisen in der Partnerschaft ausgesetzt sind, deuten andere darauf hin, dass Frauen öfter betroffen sind. Wieder andere kommen zu dem Schluss, dass Männer etwas häufiger zu den Opfern zählen. Das hängt sicher auch davon ab, was genau man unter psychischer Gewalt versteht: Bislang gibt es für den Begriff in der Forschung keine einheitliche Definition.

Emeka Eugene Dim und Patience Elabor-Idemudia von der University of Saskatchewan analysierten die Daten von rund 35 000 Männern und Frauen aus Kanada, die 2014 unter anderem zu verschiedenen Formen von psychischer Gewalt in ihren Partnerschaften befragt worden waren. Dabei entdeckten sie, dass sich eigenen Angaben zufolge bereits 6,8 Prozent der Frauen und 10,1 Prozent der Männer in irgendeiner Form mit emotionalem Missbrauch konfrontiert sahen. Das hieß in diesem Fall, dass die Teilnehmer schon einmal erlebt hatten, dass ihr Partner ihren Kontakt zu Freunden oder Familie limitierte, sie verbal herabsetzte oder beleidigte, nicht wollte, dass sie mit Personen des jeweils anderen Geschlechts sprachen, sie selbst oder ihnen nahestehende Personen bedrohte, ständig wissen wollte, wo sie sich aufhielten, ihr Eigentum beschädigte, ihr Geld beschlagnahmte oder ihren Zugang zum Familieneinkommen beschränkte. Frauen berichteten allerdings häufiger als Männer von Partnern, die ein extrem kontrollierendes Verhalten an den Tag legten.

»Emotional kann sich wiederholte Verunsicherung und Demütigung in Depressionen oder sozialer Phobie niederschlagen«(Nora Rebekka Krott, Psychologin)

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer von psychischem Missbrauch zu werden, war in der Studie höher, wenn die Teilnehmer bereits in ihrer Kindheit misshandelt worden waren. Auch Menschen mit einem niedrigen Einkommen wurden häufiger zur Zielscheibe von Herabsetzung oder Manipulation. Bei Männern spielte zudem das Alter eine Rolle: So erlebten jüngere Männer im Schnitt häufiger emotionale Gewalt als ältere Personen.

Stress und bestimmte Persönlichkeitszüge begünstigen psychischen Missbrauch

Doch was treibt Menschen an, den Partner fortwährend zu demütigen oder kontrollieren zu wollen? Studien zufolge könnte vor allem bei Männern Stress eine gewisse Rolle spielen. Wie Barbara Gormley von der Georgia State University und Frederick Lopez von der University of Houston 2009 berichteten, neigten männliche Studenten umso eher zu psychischem Missbrauch, je gestresster sie durch ihr Studium waren. Für Studentinnen galt das nur, wenn zusätzlich zum Stress noch ein vermeidendes Bindungsverhalten hinzukam. In diesem Fall könnten die betreffenden Frauen versuchen, den Partner aus Angst vor zu viel Nähe in ein schlechtes Licht zu rücken und kein gutes Haar an ihm zu lassen, schreiben die Autoren.

Andere Untersuchungen deuten darauf hin, dass auch Narzissmus toxische Verhaltensweisen zu fördern scheint. Während »grandiose« Narzissten ihre Partner offen angehen, werden »vulnerable« Narzissten, die im Kern ein geringes Selbstwertgefühl besitzen, dabei eher indirekt durch Eifersucht angetrieben, ihnen nahestehende Personen zu kontrollieren und zu überwachen.

In vielen Fällen schaukelt sich psychische Gewalt in Beziehungen zudem hoch. Diane Follingstad und Maryanne Edmundson von der University of Kentucky in Lexington befragten im Jahr 2010 mehr als 600 Erwachsene aus den USA zu der schlimmsten Partnerschaft, die diese bislang erlebt hatten. Dabei zeigte sich, dass Demütigung und Manipulation oft wechselseitig zum Einsatz kam: Berichteten die Teilnehmer etwa davon, dass ihr Partner versucht hatte, durch übertriebene Kritik ihr Selbstwertgefühl zu zerstören, sie einschüchterte oder ihnen verbieten wollte, mit Personen des anderen Geschlechts zu sprechen, gaben die Probanden oft ähnliche Verhaltensweisen zu. Zwar waren sie der Ansicht, sich seltener toxisch verhalten zu haben als ihr Partner und ihm damit weniger geschadet zu haben, dennoch blieb der Zusammenhang bestehen.

Nicht immer trägt nur einer die Schuld

Manche Experten warnen deshalb davor, Begriffe wie »toxische Beziehung« oder »Gaslighting« allzu inflationär zu gebrauchen, um den Partner schlicht als beziehungsunfähig darzustellen. »›Toxische Beziehung‹ ist kein wissenschaftlicher Begriff«, stellt etwa Christian Roesler klar. Er ist Paartherapeut und Professor für klinische Psychologie an der Katholischen Hochschule Freiburg und findet, die Bezeichnung vermittle in vielen Fällen ein falsches Bild davon, was passiert, wenn Beziehungen schieflaufen. »Anders als der Begriff ›toxisch‹ suggeriert, gibt es in den allermeisten Fällen nicht einen Partner, der sein Gift verströmt und im Alleingang die Beziehung zerstört. Dysfunktionale Beziehungen sind immer ein Zusammenspiel.« Tatsächlich wird, wenn von einer toxischen Beziehung die Rede ist, schnell im nächsten Atemzug gemutmaßt, der Partner sei psychisch krank – jemand, mit dem es ohnehin keiner lange aushält. »Dabei wissen wir, dass zwei Menschen, die über längere Zeit zusammenbleiben, in der Regel ähnlich stark beeinträchtigt sind, was Bindung und Beziehungen anbelangt«, so Roesler.

»Menschen können sich weiterentwickeln, und auch tief greifende Beziehungsprobleme lassen sich lösen«(Christian Roesler, Paartherapeut)

Wer mit wem zusammenkommt, ist in der Tat kein Zufall. Häufig finden ausgerechnet Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil und Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil zusammen, wie die US-amerikanischen Psychologen Lee Kirkpatrick und Keith Davis schon 1994 anhand von 120 heterosexuellen Paaren beobachteten. Der eine Partner hat dabei ein Problem mit Nähe und stößt den anderen weg, sobald es ihm zu eng wird. Der andere braucht hingegen besonders viel Nähe, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Bindungs- und Verlassensängste ziehen sich offenbar magisch an. Solche Paare landen oft in einem typischen Teufelskreis: Je mehr der eine klammert, desto mehr will der andere weg. Häufig – aber nicht immer – übernimmt die Frau in heterosexuellen Beziehungen den abhängigen Part, der Mann den abweisenden.

Nicht selten sind solche Partnerschaften gefühlsmäßig eine Achterbahn: Auf euphorische Phasen folgen Verletzungen und Verzweiflung. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass die Beziehung vor dem Aus steht, erklärt Christian Roesler: »Menschen können sich weiterentwickeln, und auch tief greifende Beziehungsprobleme lassen sich lösen. Selbst starke Bindungsschwierigkeiten, wie sie etwa eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit sich bringt, sind mittlerweile behandelbar.« Am besten ließen sich manche schädliche Interaktionsmuster als Paar bearbeiten. »Beendet man schwierige Beziehungen jedes Mal, ohne daran zu arbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich das Ganze beim nächsten Versuch wiederholt.«

Eine Paartherapie lohnt sich oft

»Je früher Paare professionelle Hilfe suchen, desto besser«, sagt auch Anne Milek, Professorin für Paar- und Familienpsychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. »Wenn populäre Labels wie ›toxische Beziehung‹ dabei helfen, einen Diskurs rund um Probleme in der Paarbeziehung anzustoßen, finde ich das daher gut.«

Forscher um die Psychologin Lisa Benson, damals an der University of California in Los Angeles, destillierten 2012 die Essenz erfolgreicher Paartherapien heraus. Einer der wichtigsten Schritte: dass das Paar lernt, seine Emotionen besser zu regulieren. Denn hat ein Partner sich nicht im Griff, endet das zuweilen in destruktivem Verhalten. Eingesetzt werden dafür in der Therapie zum Beispiel Achtsamkeitsübungen, bei denen man seinen Gefühlen ganz bewusst nachspürt, ohne sie zu bewerten. Sogar bei Fällen von häuslicher Gewalt kann eine Paartherapie auf diese Weise Sinn machen. Dabei müssen Therapeuten jedoch stets auf das gesundheitliche Wohl beider Partner achten.

»Allerdings ist das Ergebnis einer gelungenen Paartherapie nicht immer, dass das Paar zusammenbleibt«, ergänzt Anne Milek. »Auch eine konstruktive Trennung kann ein Erfolg sein.«

Zieht ein Partner nicht mit, kann sich der Gang zur Paartherapeutin oder einer psychosozialen Beratungsstelle auch allein lohnen: Gemeinsam mit Profis kann man so erarbeiten, ob und wie es mit der Beziehung weitergehen kann, ohne dass man sich selbst darin verliert.

Letztlich ist fast niemand in Beziehungsdingen ein hoffnungsloser Fall. Vorsicht sei allerdings geboten, wenn der Partner eine antisoziale Persönlichkeitsstörung hat, meint Christian Roesler. Solche Menschen seien oft nicht fähig, zu lieben, neigen zu Gewalt und können meist nicht anders, als andere zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen. Behandeln lässt sich die Störung nur schwer. Im Gegensatz zu Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die anfangs charmant wirken und einen zu Beginn der Beziehung mit Liebe überschütten, merkt man bei Personen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung allerdings in der Regel schnell, dass etwas nicht stimmt. »Solchen Menschen begegnet man eher selten«, beruhigt Christian Roesler. Aber wenn doch, rät der Experte: »Nichts wie weg!«

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