Unerwarteter Fund in Indien: Transparenter Mini-Fisch ohne Schädeldach entdeckt

Das Wesen ist winzig, blind und beinahe farblos. Es lebt verborgen in Wasser führenden Gesteinsschichten in Nordostindien und besitzt ein anatomisches Merkmal, das selbst Fachleute verblüfft: Es hat kein knöchernes Schädeldach. Die Rede ist von einer bislang unbekannten Schmerle, die ein Team um den Fischexperten Ralf Britz von der Senckenberg Naturhistorischen Sammlung Dresden im Fachmagazin »Scientific Reports« als Gitchak nakana beschreibt. Entdeckt wurde das Tier zufällig in einem selbst gegrabenen Brunnen in einem kleinen Ort im indischen Bundesstaat Assam.
Im Untergrund lebende Tiere faszinieren seit der wissenschaftlichen Beschreibung des Grottenolms (Proteus anguinus) im 18. Jahrhundert. Die meisten dieser Lebewesen sind aus Höhlen bekannt, doch einige Vertreter haben sich an andere verborgene Lebensräume unter der Erdoberfläche angepasst, etwa an Wasser führende Gesteinsschichten, sogenannte Aquifere. Solche phreatobionten Arten sind extrem selten: Von den weltweit mehr als 37 000 bekannten Fischarten hat nur etwa ein Prozent den unterirdischen Lebensraum erobert. Davon leben wiederum weniger als zehn Prozent in Aquiferen. Entsprechend selten bekommen Menschen die Wesen überhaupt zu Gesicht.
Die nur zwei Zentimeter lange Schmerle hat die indische Nachwuchswissenschaftlerin Wimarithy Marak beim Wasserholen in einem Brunnen entdeckt. Als Ralf Britz 2024 auf einer Forschungsreise in der Region war, zeigte man ihm den Fisch. »Ich war mir direkt sicher, dass es sich hier um einen ganz besonderen Fund handelt«, sagt der Ichthyologe laut einer Pressemitteilung. Gemeinsam mit seiner Dresdner Kollegin Amanda Pinion und der indischen Doktorandin Velentina Kangjam untersuchte Britz die Neuentdeckung und fertigte verschiedene Micro-CT-Aufnahmen des Skeletts an. So konnte das internationale Forschungsteam den Fisch wissenschaftlich beschreiben und ihm den Namen Gitchak nakana geben. »Die winzige, blinde Schmerle ist so einzigartig, dass sie nicht nur eine neue Art, sondern sogar eine neue Gattung repräsentiert«, ergänzt Britz.
Das erste gefundene Exemplar sowie weitere Tiere aus dem Brunnen zeigen typische Merkmale unterirdisch lebender Arten: stark reduzierte oder fehlende Augen, blasse, transparente Haut ohne Pigmentierung, verstärkte nichtoptische Sinne und verlängerte Körperanhänge. »Besonders spektakulär ist aber ein anatomisches Detail: Die Tiere besitzen kein knöchernes Schädeldach. Das Gehirn ist nach oben lediglich durch Haut geschützt – ein bislang einzigartiges Merkmal unter den bekannten Schmerlen«, sagt Britz.
Mit 21 bekannten unterirdisch lebenden Fischarten liegt Indien weltweit auf Platz vier in Hinblick auf deren Artenvielfalt. Die Hauptzentren sind der Nordosten Indiens, speziell der Bundesstaat Meghalaya mit sechs Arten, sowie der Südwesten im Bundesstaat Kerala mit 13 Arten. Gitchak nakana ist der erste bekannte Aquifer-Bewohner aus Nordostindien und deutet darauf hin, dass die Region eine bisher unerforschte, hoch spezialisierte unterirdische Fauna beherbergt, die es nun zu entdecken gilt.
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